Zeitung Heute : Letzte Erkenntnis

CHRISTOPH FUNKE

Berliner Festwochen: "Fernando Pessoa" am Halleschen UferVON CHRISTOPH FUNKEDer bescheidene Beamte, um eine unauffällige Existenz bemüht, barg in seinem Innern Rätselhaftes, unvorstellbaren Reichtum.Fernando Pessoa, 1888 in Lissabon geboren und dort 1935 gestorben, hat sich, als ein zeitweilig von "Astral- und Ätherleibern" heimgesuchtes Medium, äußerst verschiedene Persönlichkeiten geschaffen, in deren Namen er dichtete, philosophierte, geistige Welten schuf.Jeder der "anderen" erhielt seine unverwechselbare Biographie, seine eigene Weltanschauung, seine Art zu dichten.Nur einen einzigen Lyrikband veröffentlichte Pessoa zu seinen Lebzeiten.Er erschien 1934, ein Jahr vor dem Tode des Dichters.1942 begann die Herausgabe seiner Werke aus dem Nachlaß, die überraschende, abenteuerliche Begegnung mit den Heteronymen.Aus dem Dunkel traten der Hirt Alberto Caeiro, der Schifssbauingenieur Alvaro de Campos, der Arzt und Monarchist Ricardo Reis, der an die Rückkehr der Götter glaubende Antonio Mora und der wortmalende Hilfsbuchhalter Bernardo Soares.Sie alle waren Schöpfungen des Fernando Pessoa, Ausgrenzungen seines Ich, völlig selbständig und unabhängig voneinander, mit einem eigenen, faszinierenden Werk.Die Geheimnisse um den portugiesischen Lyriker haben allerdings auch jahrzehntelange Forschungen nicht auflösen können.Sein in erfundenen Menschen vervielfachtes und zugleich lange verborgen gebliebenes künstlerisches Schaffen wird ein Rätsel bleiben. "Ich erschuf mir verschiedene Persönlichkeiten.Jeder meiner Träume verkörpert sich, sobald er geträumt erscheint, in einer anderen Person; dann träumt sie, nicht ich".Dieses Bekenntnis mag ein Schlüssel zu Pessoas Werk sein - und zu einem merkwürdigen theatralischen Versuch.Der Kanadier Denis Marleau hat eine Erzählung des Italieners Antonio Tabucci, "Die drei letzten Tage des Fernando Pessoa" für sein Théatre Ubu aus Montréal bearbeitet und isnzeniert.Das Werk des portugiesischen Lyrikers durchläuft dabei viele sprachliche Wandlungen: vom Portugiesischen über das Italienische und Französische bis ins Deutsche der Übertitel für das Gastspiel im Theater am Halleschen Ufer.Da Marleau aber Träume zeigt, oder besser behutsam andeutet, kommt das Sprachliche aus einem visionär schwebenden Bereich.Die Verständigung, in wenigen, oft knappen Sätzen, mitunter auch in längeren monoogischen Passagen, wird gestützt von einer spannungsvollen Ruhe, einem zuversichtlichen, das Heitere streifenden Nachdenken.Pessoa, auf dem Krankenbett, betreut von einer fast körperlos sanften Schwester, erfährt die Abschiedsbesuche seiner Geschöpfe.Im Angesicht des Todes kommt es zum Austausch letzter Geheimnisse, zu Geständnissen und Botschaften, zu Bekundungen der Verbundenheit und des Andersseins. Paul Savoie und Daniel Parent wechseln sich in der Gestaltung des Dichters und seiner Besucher ab.Gestaltung? In diesen sanften Übergängen soll keine Festigkeit entstehen, das Träumerische letzter Erkenntnisse ganz bewahrt bleiben.Nur das Bett, ein Stuhl, gelegentlich ein Tablett sind auf der stets halbdunklen, offenbar mi kostbaren Vorhängen begrenzten Bühne.Die Darsteller bewegen sich wenig, alles Gestische ist langsam, zögernd, fast verlegen, Berührungen kommen nur selten zustande.Ein geisterhaftes Umeinander und Miteinander der Verschiedenen und doch immer Gleichen vollzieht sich, ein sensibles Erforschen des anderen, des erdachten Lebens am Ende des eigenen, realen Daseins.Einige Partner des Fernando Pessoa kommen aus dem virtuellen Raum, sind sprechende, beleuchtete Köpfe auf gleitenden, kurzen und langen Körpern, die nahe scheinen und doch fern bleiben.Drei Nächte (28.bis 30.November 1935) ziehen vorüber, mit Projektionen auf dem kleinen Vorhang angekündigt, durch sparsame musikalische Akzente verbunden und getrennt.Siebzig Minuten dauert die Entführung in einen Raum der Stille, der Aufmerksamkeit, der ungewohnt ruhigen Begegnung mit Welt- und Menschenerfahrung.Theater wie ein Hauch - wer sich nicht darauf einläßt, dem bleibt Fernando Pessoa weiterhin verschlossen. Heute um 17 und 21 Uhr im Theater am Halleschen Ufer.

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