Zeitung Heute : Letzte Schritte

Was sind das für Menschen, denen der „Dignitas“-Verein beim Sterben hilft? Nur unheilbar Kranke? Zwei Schicksale von Hunderten

Anne Jelena Schulte

Wieso Charlotte sterben wollte… Ja, sagt Thomas Kaegi. „Das kann ich Ihnen erzählen.“ Thomas Kaegi nimmt eine aufrechte Körperhaltung ein und beginnt.

Als er im Winter 1998 von einer Ski-Tour heimkehrte, fand er seine Frau Charlotte bewusstlos auf dem Sofa. Er dachte sich nichts Schlimmes. Er legte Charlotte vorsichtig ins Bett und fragte, was passiert sei. Charlotte wollte antworten. Aber aus ihrem Mund kamen nur seltsame Laute. Thomas Kaegi begann nun doch, sich Sorgen zu machen. Was wollte sie nur sagen? Plötzlich verstand er. „Wie ein Blitz aus heiterem Himmel“, das war, was seine Frau zu sagen versuchte. Es war der Beginn vom Ende ihres Lebens. Drei Jahre sollte es dauern und damit schließen, dass Charlotte Kaegi ein Wasserglas voll Gift in die Hand nahm.

Charlotte Kaegi ist eine von 450 Menschen, denen der Schweizer Verein Dignitas bisher geholfen hat, zu sterben. Mit der Eröffnung eines Büros in Hannover im Oktober hat Dignitas den Streit über Sterbehilfe in Deutschland neu entfacht. „Notfalls“, so hat der Vorsitzende des Vereins damals gesagt, „werden wir gerichtlich darum kämpfen, in Deutschland arbeiten zu können wie in der Schweiz.“

Dort darf Dignitas all jenen ein tödlich dosiertes Schlafmittel verabreichen, die an einer „unheilbaren Krankheit, unerträglichen Schmerzen oder einer unzumutbaren Behinderung leiden“. Der Patient bekommt von Dignitas einen Arzt empfohlen, der das Schlafmittel verschreibt. Ein Dignitas- Sterbehelfer rührt es an. Aber trinken muss der Patient selbst. Und auch verkaufen darf Dignitas das Mittel nicht, so steht es im Gesetz, denn der Sterbehelfer darf keinen Nutzen aus dem Ableben eines Patienten ziehen. Allerdings: Es gibt das Gerücht, dass der umstrittene Vorsitzende von Dignitas, Ludwig Minelli, trotzdem Geld verdient an seiner Organisation. Über die Vereinsbeiträge für den Verein oder auch über Erbschaften von dankbaren Kunden. Und weil er die unmittelbare Hilfe beim Sterben anderen überlässt, darf er sich einen großzügig dotierten Generalsekretärsposten gönnen.

Aus diesem und aus anderen Gründen gab es viele Proteste seit Oktober. Dennoch gibt es Menschen, für die diese Organisation der letzte Ausweg zu sein scheint. Was sind das für Menschen? Über welche Schicksale wird in der aktuellen Debatte verhandelt?

Zurück zu den Kaegis. Winter 1998.

Nach wenigen Stunden war Charlotte Kaegis Sprachaussetzer vorüber. Doch die ärztliche Untersuchung ließ wenig Raum für Hoffnung: Charlotte, 53 Jahre alt, hatte einen Hirntumor. Eine Operation, sagten die Ärzte, würde den natürlichen Verlauf nur beschleunigen. Das Ende: möglicherweise eine halbseitige Lähmung des Körpers. Und die vollständige Zerstörung des Sprachzentrums.

Ausgerechnet die Sprache…

Wenige Jahre nach der Geburt der beiden Söhne hatte Charlotte begonnen, Schreibkurse zu belegen, und schließlich ihren ersten Auftrag vom „Solothurner Tageblatt“ bekommen. Einen kleinen Bericht über eine Kindertheater-Aufführung sollte sie schreiben. Der Redakteur war zufrieden. Sie wurde feste Mitarbeiterin. Ihr Mann war stolz auf sie, sie fühlte sich erfüllt. Sie arbeitete sonntags und nachts und setzte jedes Wort mit Bedacht.

Die Sprache war der Boden, auf den sie ihr Glück gebaut hatte. Dieser Boden begann nun einzubrechen und darunter war ein Abgrund: Schmerzen, Siechtum, Abhängigkeit; Charlotte hatte das hilflos schon bei den eigenen Eltern mitansehen müssen. Die Kaegis hatten sich schon immer versprochen, sich in so einem Fall an eine Sterbehilfeorganisation zu wenden. Drei gibt es insgesamt in der Schweiz, und sie sind in der Öffentlichkeit akzeptiert. Charlotte und ihr Mann entsannen sich, von „Exit“ gehört zu haben. Charlotte rief an. Eine Sterbebegleiterin kam, zum ersten Mal: Erika, eine energische Frau in bunten Filzkleidern.

Drei schöne Jahre hatte das Paar noch. Thomas und Charlotte Kaegi wanderten, reisten, gingen ins Theater. Mit Erika, der Sterbehelferin, traf Charlotte sich alle drei, vier Monate. Dann gingen sie ins Café, sprachen über dieses und jenes und manchmal auch über den Tod. Als Erika von „Exit“ zu „Dignitas“ wechselte, wechselte das Ehepaar Kaegi mit.

Im Sommer 2001 begann sich Charlottes Zustand zu verschlechtern. Sie war oft müde und die Sprachaussetzer kamen häufiger. Am 24. September erhielt sie den Befund, dass der Tumor sich nun in raschem Tempo ausbreitete. Charlotte bekam Panik. Ihre größte Angst war die, plötzlich und für immer von der Sprachlosigkeit geschluckt zu werden. Nicht nur weil sie diesen Zustand so sehr fürchtete, sondern auch, weil sie dann nicht selbstbestimmt sterben konnte: Wer sich an eine Sterbehilfe-Organisation wendet, muss den Todeswunsch bis zuletzt deutlich artikulieren können. Schon zwei Tage nach dem Befund brachte Charlotte einen ganzen Tag lang keinen vollständigen Satz heraus. „Jetzt ist es so weit“, sagte sie und vereinbarte mit Erika ihren Todestag: den 11. Oktober.

Am Abend dieses 11. Oktober kam Erika, kamen die Söhne.

Thomas Kaegi sagt: „Wenn ein Fremder uns bei diesem Nachtessen belauscht hätte – er wäre nicht auf die Idee gekommen, dass einer unter uns am Ende dieses Abends Suizid begehen wird. So heiter und gelöst war die Stimmung.“ Um zehn verlangte Charlotte die Sterbe-Vorbereitungen. Sie unterzeichnete alle notwendigen Papiere, vor allem eine Willenserklärung. Erika rührte das Gift an, 15 Gramm Natrium-Pentobarbital-Pulver auf ein Glas voll Wasser. Dann legte Charlotte sich auf die bereitgestellte Liege im Wohnzimmer. Die Söhne hatten Kerzen angezündet und ein großes Kaminfeuer. Sie nahm das Glas. Alle wussten, dass Charlotte Ricarda Kaegi-Blattmann nur noch fünf Minuten zu leben hatte. „Ich merke ja gar nichts, das war wohl ein Placebo“, versuchte sie zu scherzen.

„Wie ein Blitz aus heiterem Himmel.“ So plötzlich wie der Hirntumor sie im Winter ’98 aufs Sofa geschleudert hatte, so plötzlich fiel nun ihr Kopf zur Seite.

450 Tote, die Schweizerin Charlotte Kaegi war eine davon. Doch Dignitas war auch schon vor Hannover keine rein schweizerische Angelegenheit mehr gewesen. Mehr als die Hälfte der Dignitas-Kunden sind bisher Deutsche gewesen. Und sie haben sich dabei in eine Grauzone des Rechts begeben.

Die Lage in Deutschland ist verzwickt. Erlaubt ist die passive Sterbehilfe – das Abschalten von lebensverlängernden Apparaten in der Klinik beispielsweise. Verboten ist die aktive Sterbehilfe – die Verabreichung einer Todesspritze. Erlaubt ist die Beihilfe zum Suizid – der Kauf des Stricks. Verboten ist, dabei zu sein, wenn der Selbstmordkandidat sich daran aufhängt, denn das wäre unterlassene Hilfeleistung. Jede Rechtsinstanz in Deutschland weiß, dass hier Klarheit hineingehört. Keiner weiß genau, wie legal oder illegal Dignitas hierzulande ist; der Verein wird mehr moralisch angezweifelt als juristisch. Dignitas wartet nun auf einen Präzedenzfall, der das klärt.

Es gibt aber Menschen, die nicht warten können, auch hier in Deutschland. Die Berlinerin Frauke Hermann gehört zu ihnen. Frauke Hermann heißt nicht wirklich so. Vor kurzem hat sie Kontakt zu dem Sterbehilfe-Verein aufgenommen.

Groß und breit steht Bernhard Hermann im Türrahmen einer verwinkelten Dachgeschosswohnung. Er trägt Bart, die Stimme ist laut, der Blick warm. „Ein schönes Leben hatten wir“, sagt er und blickt auf die kleine Frau mit den dunklen Augen und den feinen Gesichtszügen, die im Rollstuhl am Wohnzimmertisch sitzt. „Nicht, Frauke, hatten wir doch?“ Er wendet sich ab.

Frauke Hermann nickt. Beide haben viel gearbeitet, Bernhard in seiner Schlosserei, sie als Geschäftsführerin einer Tankstelle und später eines Schlüsseldienstes. Sie haben zwei Söhne, die beide studieren und auf die sie sehr stolz sind. „Der eine hat es mit seinem Rudersport beinahe bis zur Olympiade nach Sidney geschafft“, sagt Frauke Hermann, und für einen winzigen Moment huscht ein Lächeln über ihr Gesicht.

Ähnlich wie bei Charlotte Kaegi war die Krankheit wie ein Beil gefallen und hatte Frauke Hermanns Leben in ein schönes Früher und ein düsteres Jetzt geteilt. Frauke Hermann zupft nervös am Bein. Na ja, streng genommen hat es schon ein paar Vorzeichen gegeben. Nur wollte sie die nicht so deuten. Da waren diese Gehprobleme. „Verdacht auf Multiple Sklerose“ stand immer auf den Überweisungsscheinen, geglaubt hat sie’s nicht.

Richtig zugeschlagen hat das Unglück im Sommer 2003. Auf Anraten eines Kunden begab Frauke Hermann sich zu einer Untersuchung in ein Krankenhaus. Dort nahm ein junger Assistenzarzt eine Rückenmarkspunktion vor. Kurz darauf entstanden überall an ihren Beinen heiße, rote Flecken neben kalten, weißen Stellen, die Füße schwollen an. Am schlimmsten war es nachts. „Da wurden meine Beine wie von Geisterhand verdreht.“ Nachbarn erkundigten sich erschrocken über die nächtlichen Schreie. Drei Monate nach der Punktion saß Frauke Hermann im Rollstuhl.

„Die Geschichte mit Ihren Beinen“, sagen die Ärzte, „hat aber nichts mit Multipler Sklerose zu tun.“ Und: „Frau Hermann, Sie sind ein Phänomen.“ Man überwies sie auf die Psychosomatische Station. Geholfen hat das nichts.

Frauke Hermann beschlich der Verdacht, dass sie abgestempelt werden sollte als psychisch krank, nur damit sie mit ihren rätselhaften Symptomen nicht weiter zur Last fiel. Sie verlangte eine Erklärung für Fehler in den Untersuchungsberichten. Sie wurde abgewiesen. Ob die Fehler nun Fehler waren oder nicht – allein gelassen mit dem beängstigenden Zustand ihrer Beine, begann Frauke Hermann sich verlassen zu fühlen. Verbarg sich hinter dem Verhalten der Ärzte eine Absicht? War die Rückenmarkspunktion Teil eines Pharma-Versuchs gewesen? Einsam saß Frauke Hermann in ihrem Rollstuhl vor dem Klinikgebäude, ein Transparent auf dem Rücken: „Keine Rückenmarkspunktion ohne Zeugen.“

„Ich weiß schon, wie ich sein soll“, sagt sie mit ihrer leisen Stimme. „Ich soll akzeptieren, dass ich diese Krankheit habe, und die verbliebenen Lebensjahre umso bewusster genießen.“ Wie aber soll sie eine Krankheit ohne Namen akzeptieren? Frauke Hermann verlor ihren Mut. „Haben Sie Selbstmordgedanken?“, fragte eine Psychologin. Als Frauke Hermann bejahte, brachte man sie zwangsweise in die geschlossene Psychiatrie.

„Und da saß ich dann zwischen Heroinabhängigen, musste basteln und Medikamente schlucken, deren Sinn ich nicht begriff.“ Ihre Augen und die ihres Mannes füllen sich mit Tränen. Als sie wieder nach Hause durfte, meldete sie sich bei Dignitas. Der Sohn hat geweint, als er auf dem Tisch die Unterlagen sah.

„Und jetzt kommt die Höhe“, sagt ihr Mann und kriegt schmale Lippen.

Ein Krankenhaus habe beantragt, Frauke Hermann entmündigen zu lassen – Begründung: Verleumdungen, Telefonterror – und einen Gutachter geschickt. „Fragen hat der mir gestellt. Etwa: Welche Jahreszeit haben wir? Wenn ich dann nicht gleich antwortete, hat er sich bedeutsam Notizen gemacht.“ Der Gutachter habe dann empfohlen, dem Antrag der Klinik stattzugeben. Den Ehemann bezeichnete er als „überlastet“. Bernhard Hermann schwört, mit dem Gutachter keine zwei Sätze gewechselt zu haben. Das Ansinnen wurde mittlerweile abgeschmettert. Aber Frauke Hermann, die einst nur körperlich labil war, ist nachhaltig geschockt.

Ihr Fall zeigt etwas, das vielleicht den Kern des Dignitas-Problems ausmacht – der Verein zeigt auch solchen Menschen „Auswege“, die eigentlich nur individuelle und zeitaufwändige Zuwendung gebraucht hätten. An einer Stelle im Gespräch sagt Frauke Hermann, es gelte immer noch: „Falls es schlimmer wird – ich gehe zu Dignitas.“

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