Zeitung Heute : Leuchtende Sonne versinkt in Finsternis

JÖRG ALLMEROTH

PARIS .Die abendliche Partygesellschaft näherte sich nach dem beruhigenden 2:0-Treffer des jungen David Trezeguet ausgelassen ihrem ersten Stimmungshöhepunkt.Und rein gar nichts deutete in dieser lauen Sommernacht im Fußball-Palast "Stade de France" darauf hin, daß noch ein harsches Störmanöver die fröhliche Atmosphäre draußen in Saint Denis trüben könnte.Doch ausgerechnet der schillerndste all der beschwingten Gastgeber auf dem Rasen, der Kopf der "Equipe Tricolore", Zinedine Zidane, hat dann den Betriebsfrieden bei diesem lange Zeit harmonischen Fußball-Gesamtkunstwerk wie aus heiterem Himmel empfindlich zerrissen: Fünf Tage vor seinem 26.Geburtstag verlor der dynamische Mittelfeld-Regisseur unerklärlich seine Nerven und bekam vom mexikanischen Rechtsanwalt Arturo Brizio Carter nach einem vorsätzlichen Fußtritt gegen Saudi-Arabiens Kapitän Fuad Amin in der 70.Minute die Rote Karte unter die Nase gehalten.Die Disziplinarkommission des Weltverbandes FIFA handelte schnell: Zidane wurde gestern für zwei WM-Spiele gesperrt, er fehlt sowohl gegen Dänemark im letzten Gruppenspiel als auch im Achtelfinale.

Der 4:0-Triumph der französischen Fußball-Artisten, die sich mit der besiegelten Achtelfinal-Qualifikation einmal mehr als Anwärter auf höhere WM-Weihen profilierten, geriet nach der jähzornigen Attacke ihres Besten zum Fußball-Fest mit emotionalem Wechselbad.Der "rötlich schimmernde Schönheitsfehler", notierte anderntags "Le Monde", tat weh."Ein Spieler wie Zinedine muß sich unter Kontrolle haben", mäkelte Nationaltrainer Aimé Jaquet.Zidane habe die verschärfte Regelauslegung gekannt, "und nun hat er einen hohen Preis dafür bezahlen müssen".Der neue Superstar, den Jaquet in den letzten Monaten wegen seines schwer erkämpften Aufstiegs aus einfachsten sozialen Verhältnissen in Marseille immer wieder gern als "leuchtende Sonne" und "Vorbild für unsere Kinder" bezeichnet hatte, habe ihn "schwer enttäuscht", sagte der Coach.

Der Spielverderber, der die Kommandozentrale im Mittelfeld der französischen Mannschaft bisher mit Grandezza geleitet hatte, hat die verbitterte Reaktion seines väterlichen Freundes Jaquet zwar als "verständlich und normal" bezeichnet.Aber als reuiger Sünder im Büßergewand ist Zinedine Zidane ("ZZ Top") nicht aufgetreten."Ich kann es nicht bedauern, und ich muß mich auch nicht entschuldigen", sagte Zidane, "weil ich das einfach nicht gewollt habe.Da ist ein Automatismus abgelaufen, gegen den ich mich nicht wehren konnte."

Doch der verhängnisvolle Reflex mit unfreiwilliger Tätlichkeit könnte den Hauptdarsteller und womöglich auch die soweit glänzend auftrumpfenden Franzosen noch teuer zu stehen kommen.Denn mit Zidane verliert das tempostarke Spiel der WM-Hausherren zunächst ein Stück von seiner Unberechenbarkeit.Auch gegen Saudi-Arabien hatte Zidane mit einem tödlichen Paß auf Lizarazu nach 36 Minuten ein wegweisendes Glanzlicht gesetzt.Die anschließende Flanke des Münchners drückte Thierry Henry zum befreienden 1:0 ein.

Etwas leichter verschmerzen können die Franzosen den verletzungsbedingten Ausfall ihres Stürmers Christophe Dugarry, der sich bei einem unglücklichen Spreizschritt eine Muskelverletzung im rechten Oberschenkel zuzog.Der Monegasse David Trezeguet, ein enger Freund Zidanes, deutete ebenso Vollstrecker-Qualitäten an wie der für den FC Metz spielende Robert Pires.Außerdem ist da ja noch der sprintstarke Thierry Henry, der mit drei Treffern sogar die Führung in der WM-Torschützenliste übernommen hat.Die Frage sei nun aber, merkte der besorgte Michel Platini am Donnerstag an, "wer diese Klasseleute künftig bedient".Eine Frage, die sich ganz nebenbei auch der vorerst zum WM-Zuschauer degradierte Zidane stellen wird.

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