Zeitung Heute : Leuchtender Pfad

Wie Fremdenverkehrswerber den Sänger Roy Black zum 60. Geburtstag heilig sprechen

Jörg Schallenberg[Augsburg]

Von Jörg Schallenberg, Augsburg

Links die Mayers. Rechts die Familien Vollmann und Kögl. Dazwischen Höllerich. So unscheinbar kann ein Heiligengrab sein. Ein anthrazit und grün melierter Marmorstein ziert die Reihen-Ruhestätte, dazu ein Foto, das kurz vor seinem Tod vor gut elf Jahren aufgenommen worden sein muss, als es mit dem „Schloss am Wörthersee“ noch einmal ein überraschendes Comeback gab. Viele Angehörige haben hier auf dem kleinen Dorffriedhof von Straßberg, einem Ortsteil von Bobingen, wenige Kilometer südwestlich von Augsburg, die Bilder ihrer Lieben an die Grabsteine geheftet. Nur ein paar frische Blumen mehr als auf den anderen Gräbern trotzen bei Gerhard Höllerich, 1943 – 1991, dem nasskalten Wetter. Die rote Rose in Plastikfolie hat wohl eben gerade noch jemand vorbei gebracht. Zwei Euro 99 hat sie gekostet, das Preisschild klebt noch dran.

„Ja, zu dem Roy, da kommen sie immer“, sagt eine Friedhofsbesucherin, die gleich um die Ecke wohnt, „die sind treu, die Leut’, keine Woche, wo nicht welche da stehen.“ Seit damals, als sich gerade alles zum Guten zu wenden schien im Leben eines Schlagerstars, der mit Alkohol, schlechten Liedern und falschen Ratgebern zu kämpfen hatte. Doch dann versagte sein Herz. Mit 48. Im Oktober 1991 wurde Höllerich alias Roy Black in seinem Heimatort beigesetzt. Es mag hier nicht so ein Rummel sein wie beim Rockhelden Jim Morrison auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise, aber es reicht doch hin, dass die Medien das Grab des Schlagerstars gern als „Wallfahrtsort“ preisen, zu dem die Menschen „in Strömen pilgern“.

Wallfahrer, Pilger, Ströme – irgendwann hat es dann wohl klick gemacht bei der „Regio Augsburg Tourismus GmbH“. Irgendwann, als die Fremdenverkehrswerber überlegten, wie man denn den 25. Januar 2003 am besten nutzen könnte. Jenen Tag, an dem Roy Black 60 Jahre alt geworden wäre. Natürlich gibt es ein Fest, eine Gala und ein Konzert in der Bobinger Singoldhalle, bei dem seine ehemalige Band, die Cannons, auftreten wird. Und in Straßberg weihen sie endlich die lang geforderte Gerd-Höllerich-Straße ein. Aber konnte das genug sein für den womöglich berühmtesten Sohn der Region, der doch verehrt wird wie – ja, wie ein Heiliger?

Nein. Eindeutig nein. Ein Heiliger mit eigener Wallfahrtsstätte gehört selbstverständlich an einen Pilgerweg. Und so erklärte die Tourismus-GmbH vor ein paar Wochen in einer Pressemitteilung, dass die letzte Ruhestätte von Roy Black nunmehr offizieller Bestandteil des bekannten St.-Jakobs-Pilgerweges sei, der, aus dem Ruhrgebiet über die Rhein-Neckar-Region kommend, mitten durch die Gegend um Augsburg verläuft und noch weit in den Süden bis hin zur weltberühmten Wallfahrtskirche von Santiago de Compostela führt. Entlang prächtiger Kirchen, ehrwürdiger Klöster und anderer geweihter Orte.

Und nun auch entlang des kleinen Dorffriedhofs von Straßberg. Wenn man vor dem unscheinbaren Grab steht, dann denkt man verwundert, dass sich dieser Ort doch kaum mit der Barockarchitektur des Klosters Oberschönenfeld gleich nebenan in Gessertshausen messen kann. Oder mit der berühmten Wallfahrtskirche Maria Vesperbild ein Stück weiter westlich in Ziemetshausen, die neben dem reich verzierten Hochaltar sogar eine eigene Mariengrotte im Wäldchen nebenan aufweisen kann.

Doch dann verlässt man den Friedhof und beschließt, dem St.-Jakobs-Pilgerweg ein Stück weit zu folgen. Und wie man so durch die stille Winterlandschaft des Naturparks Augsburg – Westliche Wälder wandert, beginnt man zu grübeln, und siehe da, noch ehe man bis zu Maria Vesperbild gewandelt ist, hat sich die Erkenntnis eingestellt, dass es nur so sein kann. Wohin sollte man denn überhaupt pilgern, wenn nicht zu den Gebeinen eines Mannes, der dieser Welt durch seine Worte Liebe und Glück geschenkt hat? Der bei seinen Auftritten, gerade zum Ende seiner Karriere, so entrückt wirkte, als wäre er schon auf dem Weg zur Himmelspforte? Und war nicht das grelle Scheinwerferlicht zugleich sein strahlender Heiligenschein?

Ja, so denkt man, wenn man am Ende seines kurzen Pilgerweges vor dem Altar von Maria Vesperbild stille Einkehr hält, die „Regio Augsburg GmbH“ hat wohl daran getan, den heiligen Roy zu St. Gerhard von Straßberg zu befördern. Auch wenn man von den Tourismus-Managern bei einem Anruf so gar nichts Erbauliches über den neuen Heiligen erfahren kann, dafür aber Frohlocken über den Versuch vernimmt, die Fans von Roy Black nun auch zu den Kulturdenkmälern und Sakralbauten der Region Augsburg locken zu können. Cross-Promotion nennt man das in der Fachsprache, wörtlich übersetzt: Kreuz-Werbung. Selten hat dieser Begriff so gut gepasst wie hier.

Am Ende des Tages steht man noch einmal auf dem kleinen Dorffriedhof von Straßberg. Das Grab von Gerhard Höllerich sieht noch genauso aus wie ein paar Stunden zuvor. Aber etwas hat sich, fast unmerklich, verändert. Stand die Rose vorhin nicht zur anderen Seite geneigt? Das muss wohl am heftigen Wind liegen. Aber nach all dem, was einem auf dem Pilgerweg durch den Kopf gegangen ist, wäre man nicht verwundert, wenn sich die Reliquien, die Gebeine des Toten, bewegt hätten. Womöglich haben sie sich gerade einmal um die eigene Achse gedreht.

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