Libanon : Beiruts neue Front

Diesmal kämpfen nicht Christen gegen Muslime, sondern Sunniten gegen Schiiten. Libanons Regierung zögert, sie muss abwägen – Machtverlust oder Bürgerkrieg

Gabriela M. Keller[Beirut]
Libanon
Ein Hisbollah-Kämpfer in einem Trauerzug. -Foto: AFP

Eine junge Frau läuft die Straße entlang, ihr Pferdeschwanz schwingt im Takt ihrer Schritte. Ein Motor heult jäh auf, eine metallicblaue Vespa schießt über die Hauptstraße durch den Beiruter Stadtteil Tariq al Jdideh. Der Fahrer reißt den Lenker herum. Die dichten Haare über seinem fleischigen Gesicht sind kurz geschnitten. Er bleibt vor der Frau stehen. „Den Ausweis“, fordert er. Die Frau gehört nicht in sein Viertel. Man kennt sich in Tariq al Jdideh. Während der Mann im Pass der Frau blättert, rasen zwei weitere Männer auf Motorrollern heran, sie sind jung, vielleicht noch Teenager. Sie halten hinter dem Älteren und werfen der Fremden misstrauische Blicke zu.

Die drei jungen Männer gehören der Miliz der sunnitischen Zukunftsbewegung al Moustaqbal an, der stärksten Partei im libanesischen Parlament. In fast jedem Wohnviertel Beiruts haben sich um die jeweils herrschende politische Partei Nachbarschaftswachen zusammengefunden. Viele Libanesen fühlen sich schon an die Bürgerkriegsjahre 1975 bis 1990 erinnert. Denn seit einer Woche wird im Libanon wieder mit Maschinengewehren und Panzerfäusten geschossen.

Die Frontlinien verlaufen heute nicht mehr zwischen christlichen und muslimischen, sondern zwischen sunnitischen und schiitischen Stadtvierteln. Bislang sind mindestens 62 Menschen ums Leben gekommen. Die schiitische Hisbollah hatte sich gegen die Regierung erhoben und den gesamten muslimischen Westen der Hauptstadt in nur einer Nacht erobert.

Es ist ein milder Frühlingsmorgen in Beirut. Ein klarer, zartblauer Himmel erstreckt sich über dem sunnitischen Kleineleuteviertel Tariq al Jdideh. Häuserblocks, drei oder vier Stockwerke hoch, säumen die schmalen Straßen, dazwischen Lebensmittelgeschäfte, Werkstätten, Handyläden. Hier und dort kleben schwarzweiße Poster an den Fassaden. Sie zeigen junge Männer mit ernsten Gesichtern. Es sind die Märtyrer des Stadtteils, die meisten von ihnen starben während der vergangenen Woche im Kampf gegen die Hisbollah.

Zwei Beschlüsse der Regierung hatten die Gewalt in Gang gesetzt. Die Vertreter der prowestlichen Mehrheit hatten angekündigt, das militärische Telefonnetz der Hisbollah auszuheben. Sie fürchteten, die Hisbollah nutze das Netz, um die Arbeit der Regierung zu sabotieren. Auch der Sicherheitschef des Flughafens, Wafiq Shuqeir, sollte entlassen werden. Der Offizier gilt als Hisbollah-Verbündeter.

Hassan Nasrallah, der Generalsekretär der Hisbollah, sprach von einer „Kriegserklärung“. Das Telefonnetz habe während des Krieges gegen Israel im Sommer 2006 eine erhebliche Rolle gespielt und sei für den „Widerstand“ von ebenso großer Bedeutung wie die Waffen der Miliz.

Daraufhin eskalierte auf den Straßen der libanesischen Städte und Dörfer ein alter politischer Streit. Scharfschützen bezogen Stellungen auf den Dächern. Im westlichen Zentrum der Stadt beherrschte das trockene Knattern der Maschinengewehre die Nacht. Aus verschiedenen Richtungen dröhnten Explosionen. Am Morgen war die Schlacht entschieden. Die Milizen der Hisbollah hatten sunnitische Viertel wie Tariq al Jdideh im Handstreich genommen. Die kaum trainierten Sunniten-Milizen hatten gegen die kriegserprobten Kämpfer der Hisbollah keine Chance. Angesichts der dramatisch zunehmenden Gewalt entschied die Armee am Samstag, dass Shuqeir seinen Posten behält. Das Militär soll nun das Telefonnetz „untersuchen“ – aber so, dass es der Hisbollah „nicht schadet“. Die zog daraufhin ihre bewaffneten Kämpfer aus der Innenstadt ab, die Gefechte gingen zurück. Doch die Lage bleibt kritisch. Am Mittwoch traf eine Delegation der Arabischen Liga in Beirut ein, um zwischen den Parteien zu vermitteln. „Das ist die letzte Chance für einen Kompromiss, sonst bricht hier Chaos aus“, sagte ein Diplomat.

Die Zufahrtsstraßen zur Siedlung Tariq al Jdideh werden nun mit Kameras überwacht, nachts müssen Autofahrer ein Passwort nennen, um an den Checkpoints vorbeigelassen zu werden. Rund 10 000 Mann wachen über Tariq al Jdideh, sagt der Mann auf der Vespa. Die meisten freiwillig, einige, wie er selbst, für ein kleines Gehalt. Seinen Namen will der 24 Jahre alte Mann nicht verraten, er fürchtet, er könnte Ärger mit seinen Vorgesetzten kriegen. Den Milizen ist streng verboten, mit Journalisten zu sprechen.

Doch er, nennen wir ihn Omar, will trotzdem reden. Vielleicht, weil er wütend ist und etwas loswerden will. Vielleicht, weil an diesem Tag eine lähmende Stille über Beirut liegt, während die jungen Männer endlos mit ihren Motorrollern auf und ab fahren, und er sich über etwas Abwechslung freut.

Allein in Tariq al Jdideh seien während der Kämpfe zehn Mann gestorben, sagt Omar. Genau weiß er es nicht, einige werden noch vermisst. Die Fotoplakate an den Wänden sind so etwas wie Todesanzeigen. Auch damit die Nachbarschaft sieht, aus welcher Familie ein Sohn sein Leben für die Gemeinschaft gegeben hat. Einer dieser Söhne, dessen Bild nun an den Fassaden hängt, hieß Muhammed. Er verließ seine Familie am Donnerstag und sagte zum Abschied, er müsse jetzt sein Zuhause beschützen. So zog er in die Stadt hinaus, stellte sich der Hisbollah entgegen und wurde von mehreren Kugeln aus einer Kalaschnikow getroffen.

Am Samstag trugen Angehörige, Freunde und Nachbarn seinen Sarg durch die Straßen des Viertels. Irgendwann, als der Zug sich dem Friedhof näherte, begannen die Männer ihren Hass gegen die Hisbollah und deren Chef Hassan Nasrallah herauszuschreien: „Gott ist groß und Nasrallah ist sein Feind!“ Die wütende Menge verprügelte zwei europäische Pressefotografen. Dann kam die Prozession am Autoteileladen eines schiitischen Anwohners vorbei. Sekunden später waren zwei Menschen tot und Dutzende verletzt.

Seit 17 Monaten bereits ringen die prowestliche, sunnitisch dominierte Regierungskoalition und die Opposition unter Führung der Hisbollah um die Vorherrschaft. Die Bewegung hat die Unterstützung von Iran und Syrien. Und von der größten konfessionellen Gruppe im Libanon. Der Anteil der Schiiten an der Bevölkerung wird auf 40 Prozent geschätzt.

„Wir alle hier mochten Muhammed“, sagt Omar. Er hockt noch immer auf dem Sitz seines metallicblauen Rollers, die Füße rechts und links auf den Boden gestützt, und drückt seine Hände ein wenig fester um die Griffe des Lenkers. Er sagt, sie hätten den Ladenbesitzer gebeten, sein Geschäft zu schließen, „als Zeichen des Respekts“. Doch der habe sich geweigert. Was dann genau geschah, ist unklar. Doch inzwischen ist die Fassade des Autoteileladens verkrustet von Ruß, die Einrichtung zertrümmert und verkohlt. Der Inhaber befindet sich im Gewahrsam der Armee.

Im Libanon messen der Westen und der Iran ihre Kräfte auch über ihre jeweiligen Verbündeten. Zurzeit aber bleibt dem Regierungsbündnis nicht viel anderes übrig, als die Hisbollah gewähren zu lassen. Möglicherweise wird das prowestliche Kabinett zurücktreten. Die Hisbollah fordert seit langem eine neue Regierung und darin ein Drittel der Sitze für sich und ihre Verbündeten. Damit hätte sie ein Vetorecht bei allen Beschlüssen – und Syrien und der Iran wieder einen höheren Einfluss auf die Region.

Sunniten und Schiiten, sagt einer der Männer auf der Hauptstraße von Tariq al Jdideh, könnten nun nicht mehr zusammenleben. „Wir warten nur darauf, dass sie wiederkommen, dann werden wir sie alle töten.“ Dazu macht er mit den Händen eine Bewegung, als würde er jemandem den Hals zudrehen. Entlang der Straße hängen neben den Gesichtern der Toten auch überall Bilder von Saad al Hariri, dem Mehrheitsführer und Chef der Moustaqbal-Partei. „Wir lieben Hariri und geben unser Blut für ihn“, sagt Omar, der Mann auf dem Roller. „Was auch immer er entscheidet – wir werden ihm folgen.“ Dann wendet Omar seine Vespa und gibt Gas.

Als er nur noch ein kleiner Punkt auf der Straße ist, tritt ein Elektriker aus seinem Laden. Er hat das Gespräch mitgehört. „Hariri ist kein Führer, auf den wir uns verlassen können“, flüstert er hinter vorgehaltener Hand, obwohl niemand in der Nähe zu sehen ist. „Er hätte dafür sorgen müssen, dass wir besser ausgerüstet sind.“ Den Entschluss des Moustaqbal- Chefs, seine Einheiten während der Kämpfe angesichts der Übermacht der Hisbollah von der Straße abzuziehen, wertet er als Erniedrigung. „Hariri“, zischt der Mann zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, „hat uns im Stich gelassen.“

Es ist eine Mischung aus Sorge und Trotz, die sich unter den Sunniten ausgebreitet hat. In einer der Werkstätten des Viertels sitzt, eng zusammengerückt, eine Handvoll älterer Männer zwischen staubigen, Jahrzehnte alten Nähmaschinen und Regalen voller gefälschter Louis-Vuitton-Taschen. „Wir bleiben in unseren Häusern und beten für Frieden“, sagt der Inhaber, ein hoch gewachsener 50-Jähriger. Er zieht seine Stirn kraus und atmet den Rauch seiner Zigarette tief ein. Er sagt: „Unsere Jungs kämpfen auf der Straße.“ Sein Freund und Nachbar, ein blasser Mann mit dünnen, graubraunen Haaren, kramt sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und zeigt Bilder, die er damit gemacht hat. Sein achtjähriger Sohn posiert vor einer Schrankwand – mit vermummtem Gesicht und Kalaschnikow. Der Vater lächelt stolz und sagt: „Wir sind hier im Libanon, so ist unser Leben.“ Der Ladeninhaber nickt und starrt gedankenverloren in die staubige Luft. „Eines steht fest: Jetzt werden alle anfangen, sich Waffen zu besorgen. Diese Leute haben unsere Geschäfte geplündert und unser Eigentum zerstört. Wir werden ihnen nie wieder trauen können.“

Nur wenige Meter Asphalt trennen das Viertel Tariq al Jdideh von den schiitischen Siedlungen ringsum. Vor der Siedlung zieht sich eine mehrspurige Schnellstraße entlang. Über die Fahrbahn verstreut liegen dort ein Autowrack und mehrere schwere Holzbalken. Auf dem Bürgersteig steht eine Gruppe Hisbollah-Anhänger, breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt. Auch nach dem Rückzug sperrt die Opposition Schlüsselpunkte im Verkehrsnetz der Stadt, um den Druck auf die Regierung aufrechtzuerhalten. Die ist im Umgang mit der Hisbollah zerstrittener denn je. Die wachsende Gefahr eines neuen Bürgerkriegs steht gegen das Risiko eines endgültigen Gesichtsverlusts der Mehrheitskoalition.

Die jungen, breitbeinig stehenden Männer neben der Barrikade, achten darauf, dass niemand die Balken beiseite räumt. Einer von ihnen tritt vor. Er ist kräftig gebaut, hat hellbraune Locken und einen kurz geschnittenen Bart über den Wangen. „Die Regierung trägt an all dem die Schuld: Sie haben versucht, uns unsere Stärke zu nehmen“, sagt er schroff. „Unser Kommunikationsnetz ist heilig. In diese Sache hätten sie sich nicht einmischen dürfen.“ Der 21 Jahre alte Student gibt Ali als seinen Namen an. Er lebt in der Dahiye, der Hisbollah-Hochburg am südlichen Rand von Beirut. Und was, wenn die Gewalt eskaliert? „Wieso denn auch nicht? Wir sind bereit.“

Dann löst sich ein zweiter aus der Gruppe, es ist ein 19-Jähriger mit glattem Jungengesicht. Auch er beginnt davon zu sprechen, dass er den Krieg nicht fürchte, dass er kämpfen werde. Und als er so redet, weicht aus Alis Gesicht plötzlich die Härte. Er lässt die Schultern hängen. „Ich würde jetzt lieber zu Hause sein und für meine Examensarbeit lernen, statt hier auf der Straße herumzuhängen“, sagt er. „Aber sie lassen uns keine Wahl.“

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