Zeitung Heute : Licht aus, Spot an

FREDERIK HANSSEN

Anne-Sophie Mutter spielt Beethoven.Die Philharmonie hustet und jubeltFREDERIK HANSSENTime to say hello: So dunkel war es selten in der Philharmonie.Wie bei einem Boxkampf verlöschen alle Lichter im restlos ausverkauften Saal, langes Warten auf den Star erhöht die Spannung.Dann endlich tritt Anne-Sophie Mutter vom Applaus umtost ins Spotlight, beginnt sofort zu spielen, während der Nebengeräuschpegel ganz langsam absinkt.Und auch in jeder Satz-Pause entlädt sich während des gesamten Abends immer wieder ein tumultartiger Räusper- und Hustensturm von selten gehörter Intensität als löse eine mysteriöse Kraft einen kollektiven Reflex aus.Hatte die Geigerin nicht im Vorfeld erklärt, einen Teil ihres Beethoven-Zyklus live in der Philharmonie aufzunehmen zu wollen, weil "in der atemlose Stille der Zuhörer die Musik erst aufblüht"? Ohne zu zögern stürzt sich Anne-Sophie Mutter also in die A-Dur Sonate.Doch die erste der drei unterschiedlichen Schwestern des Opus 30 darf bei ihr nicht in gewohnter Heiterkeit strahlen: Tiefromantisch kommt sie daher, mit wundervoller, vor Obertönen schiwrrender Höhe, die sich nur behelfsweise mit "honiggelb" beschreiben läßt, mit grenzenlos freizügigen Rubati, mit abgerundeten Ecken, an denen der süße Ton entlang gleitet.Unerhört schwerelos wirkt ihr Bogenstrich kaum zu glauben, daß sich hier Roßhaare an Stahlsaiten reiben.Und doch fehlt der Grundpuls, der das Stück vorantreibt, die motivisch-thematische Arbeit als organische Entwicklung erkennbar werden läßt.Anne-Sophie Mutter spielt die Sonate des 32jährigen Beethoven mit Blick auf sein Spätwerk und denkt dabei sehr weit voraus: Vor allem im Variationssatz gestattet sie sich Tempofreiheiten, als sei das Finale mit quasi una fantasia überschrieben.Doch das weiche Spiel leistet dem Ohr keinen Halt, ihre Akzente sind eigentlich nur Betonungen.So wirken die unerwartet schroff angerissenen Violinakkorde der vierten Variation wie Fremdkörper in einer manirierten Interpretation, deren Künstlichkeit letztlich meisterhafte Unnatürlichkeit bleibt. Überzeugend und packend gelingt ihr dagegen die c-Moll Sonate.Hier, im effektvollen Gegeneinander der kontrastierenden Themen des Kopfsatzes kann sie eine packende Geschichte erzählen.Im Adagio cantabile schlägt sie mit perfekter Klanggestaltung und betörender Intimität in ihren Bann, das Scherzo hat Witz (auch wenn ihr Pianist Lambert Orkis viel zu zaghaft bleibt), im Final-Allegro mit seinem musiktheatralisch ausgespielten Auf und Ab der Stimmungen wird erstmals deutlich, daß die beiden Interpreten womöglich sogar Spaß an ihrem virtuosen Hochkultur-Spiel haben. Betörend perfekt wie ihr Lächeln gestaltet sie dann die G-Dur Sonate: sehr elegant, sehr abgeklärt, aber wieder mit abgeschliffenen Kanten.Die Frage stellt sich spätestens beim mütterlich-verzögerten Tempo der Walzer-Eposide im Mittelsatz: Ist Anne-Sophie Mutter wirklich frühweise oder doch ein wenig altklug? Im Saal zögert keiner: Time to say Bravo.

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