Zeitung Heute : Liebe, im Prinzip

Nur keine Scheidung – dann lieber Mord

Verena Mayer

Gerd W. hatte im Leben zwei große Probleme. Eines mit seiner Frau und eines mit seinem Angestellten. Die Ehefrau demütigte und beschimpfte ihn, der Mitarbeiter war oft krank, kam betrunken in den Dienst und bohrte seine Faust in eine Rigipswand. Gerd W. wollte seine Probleme durch einen Synergieeffekt lösen. Er beauftragte den säumigen Angestellten, die Ehefrau umzubringen. Das ging erwartungsgemäß schief.

Nun sitzt Gerd W., 55, angegrautes Haar, geknickt und selbstmitleidig auf der Anklagebank im Berliner Landgericht. Gäbe es einen realen Menschen hinter dem Namen Max Mustermann, es wäre jemand wie Gerd W. Gelernter Maschinenbaumeister, seit Jahrzehnten verheiratet. Zwei erwachsene Kinder, Eigenheim, denn „ohne Haus und Garten bin ich kein Mensch“. Mit seiner Ehefrau hatte er sich eine Existenz aufgebaut, er eine Pension, sie einen Trödelladen. Nicht weniger durchschnittlich war die Ehe. Sie ist eine Frau, die alles besser weiß, er ein Mann, der den Mund nicht aufkriegt. Es sind dann auch typische Paar-Sätze, die er vor Gericht zu seiner Verteidigung anführt. Sie beginnen mit „Meine Frau hat immer“ oder „Meine Frau hat nie“. Wenn er über sich selbst spricht, sagt er „man“.

Anfangs war die Ehe harmonisch. Dann wurde immer mehr gestritten, es gab eine Trennung. Gerd W. setzte sich ein Jahr vor der Wende in den Westen ab, wo er mit einer Freundin zusammenlebte. Seine Frau flüchtete über die tschechische Botschaft, auch sie hatte damals einen Freund. Doch scheiden lassen wollte sich Gerd W. unter keinen Umständen. Sie konnten nicht ohne einander, auch wenn er immer brummiger wurde und sie sein Schnarchen nicht mehr aushielt, so dass er im Keller schlafen musste. Immerhin gab es Herrn H. Er arbeitete in der Pension, „er war mein einzigster Angestellter und wie ein Sohn“. Herr H. erzählte ihm von seiner schweren Kindheit, Gerd W. beklagte sich über seine Ehefrau. Immer mal wieder kam das Thema auf, was denn mit Frau W. sei. Glaubt man Gerd W., habe Herr H. gesagt: „Die behandelt dich doch wie einen Hund.“ Und dass man da etwas machen müsste.

Fest steht, dass Gerd W. mit seinem Mitarbeiter eines Tages nicht mehr zufrieden war. Nachdem Herr H. einmal randaliert hatte, schickte Gerd W. ihm die fristlose Kündigung. Herr H. regte sich darüber auf, die beiden trafen sich ihm Café, um darüber zu reden. Irgendwann kamen sie überein, dass Herr H. die Ehefrau seines Chefs mit Pfefferspray betäuben und dann erstechen sollte. Gerd W. gab ihm 500 Euro, 5000 soll er insgesamt versprochen haben. Gerd W. sagt, dass es die Idee des Gedungenen war, weil der Schulden hatte. Der Staatsanwalt glaubt hingegen, dass Gerd W. seinem Angestellten den Auftrag zum Mord gab und ihm im Gegenzug versprach, belastende Aussagen aus dem Arbeitszeugnis zu entfernen.

Der Angestellte handelte jedenfalls, wie es Gerd W. gewohnt war: unzuverlässig. Er ging zu einem Anwalt und dann zur Polizei. Die hörte sein Telefon ab, und Herr H. war damit beauftragt, seinem Ex-Chef möglichst belastende Sätze aus der Nase zu ziehen. Ob er gemeinsam mit ihm ein Messer kaufen wolle. Oder wie es im Trödelladen der Frau aussehe, dabei kannte Herr H. die Lokalität bestens, er hatte beim Renovieren geholfen. Ob er keinen Verdacht geschöpft habe, fragt der Staatsanwalt. „Das war die größte Dummheit meines Lebens“, sagt Gerd W. Warum er sich nicht scheiden habe lassen, fragt der Richter. Die Frage kann Gerd W. nicht beantworten, auch nicht, warum er sich zu der Tat hat hinreißen lassen. Er schiebt es auf „innere Zerrissenheit“: „Ich war schwankend und wankend.“ Einmal habe er seine Frau gehasst, dann „liebte ich sie wieder im Prinzip“. Die Scheidung hätte er nicht ertragen, sagt er, „ich habe auch immer in Hoffnung gelebt“.

Am 10. März dieses Jahres sollte der Anschlag stattfinden. Gerd W. half damals seiner Frau jeden Abend im Trödelladen beim Aufräumen, und so fuhr er auch diesmal hin. Warum, weiß er nicht. Es ist, als sei sein Leben doppelgleisig. Etwas in ihm wünschte den Tod, etwas anderes brachte ihn dazu, so weiterzumachen wie bisher und vor der mutmaßlich geplanten Tat zu seiner Frau zu fahren. Im Auto wurde er verhaftet. Der Prozess wegen versuchter Anstiftung zum Mord wird fortgesetzt. Das Ehepaar W. lebt inzwischen übrigens in Scheidung. Die Trennung war einvernehmlich.

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