Zeitung Heute : Lieben, leiden, lachen

Internet-Singlebörsen und Flirtlines – was man erlebt, wenn der neue Partner im Netz gesucht wird

Andreas Kaiser

FLIRTEN IM INTERNET – DIE PARTNERSUCHE IM NETZ BOOMT

Eine simple Frage per E-Mail im Bekanntenkreis offenbart es: Fast jeder kennt jemanden, der sich schon mal in einer Kontaktbörse getummelt hat. Einige Freunde haben sogar eine wunderbare, romantische Geschichte zu erzählen. Vera hat nach der schmerzvollen Trennung von ihrem Ehemann im Internet ihren jetzigen Lebenspartner gefunden. Sie schreibt: „Durch die Chats mit ihm habe ich mich wieder gefunden, mich selber entdeckt, geliebt, gelitten und gelacht.“ Es klingt fast schon kitschig. Doch damit decken sich Veras Erfahrungen durchaus mit denen anderer Nutzer so genannter Dating-Agenturen. Für viele Singles sind die Kontaktbörsen – nach dem Ende einer Beziehung und einer mehr oder weniger langen Zeit des Alleinseins – die beste Medizin für das angeknackste Selbstwertgefühl.

„In die Disco hätte ich mich gar nicht getraut“, erzählt Dieter. Der Klick hin zur Single-Community seines Providers dagegen fiel dem 49-jährigen Berliner leicht. Dort konnte sich der Motorradhändler zunächst in aller Ruhe umschauen, abwägen und schließlich den ersten Schritt hinaus wagen, wie er sagt. „Internetbörsen haben den Vorteil, dass ich die Kontrolle habe. Ich bestimme, was ich mir wann zutraue, wem ich was von mir preisgebe“, sagt Dieter. Knapp sechs Stunden nachdem er sein erstes Profil, eine Art Kontaktanzeige mit Bild, ins Forum gestellt hatte, lag die erste E-Mail in seinem Briefkasten. „Eine Träne aus Leipzig“, sagt Dieter. „Aber du glaubst gar nicht, wie schön das für mich war, zu sehen, man hat wieder Interesse an mir.“ Knapp sechs Wochen dauerte es bis Dieter seine erste Verabredung hatte.

Vera, die 44-jährige Kinderkrankenschwester aus Norddeutschland, hatte zunächst andere Probleme. Schnell musste sie lernen, die Spanner und Psychopathen auszusortieren. „Vor allem Männer, die nur auf das eine aus sind, gibt es bei den kostenlosen Angeboten reichlich“, sagt Vera. Gleichwohl hat sich die Partnersuche im Internet – neben Arbeitsplatz, Freizeitbereich und den konventionellen Heiratsinstituten – als vierte Institution der Paarbildung etabliert, so der Schweizer Soziologe Hans Geser. Einer repräsentativen Emnid-Umfrage zufolge können sich mehr als 40 Prozent der Deutschen vorstellen, im Netz auf Partnersuche zu gehen. Etwa zwölf Prozent gaben an, regelmäßig an Flirt-Foren teilzunehmen. In den USA suchen bereits 20 Prozent der Menschen via Web nach dem großen Glück.

„Manchmal war das Besessenheit pur“, erzählt Dieter, „da bin ich kaum noch dazu gekommen, auf die Toilette zu gehen.“ Ähnliche Erfahrungen hat auch Vera gemacht. Singlebörsen und Flirtlines bedeuten für viele Teilnehmer eine Zeit des permanenten Aufruhrs, der Unruhe. Der Flirt, also jener Ausnahmezustand, der uns Menschen im wahren Leben eher selten ereilt, kann im Netz schnell zum Normalzustand werden. „Das macht süchtig, ganz klar“, sagt Dieter ein wenig kritisch.

Mit dieser Erfahrung ist Dieter nicht allein. Auch Vera pflichtet ihm bei: „Eine Zeit lang bin ich nach Hause gekommen, habe nur kurz die Kinder begrüßt und dann sofort geguckt, welche Post ich habe. Manchmal bin ich dann stundenlang vor dem Rechner versackt.“ Dann kam die Phase, in der Vera mit ihrem Auto kreuz und quer durch Deutschland fuhr, um sich mit anderen Singles zu treffen. „Da hab ich mich ausgelebt“, sagt sie. Bis sie Uwe traf, einen Taxifahrer aus Bremen, der eigentlich überhaupt nicht so aussah, wie sich ihrem neuen Partner vorgestellt hätte. „Der war klein, dick und harmlos.“ Bis Vera merkte, das ist ein ganz toller Mensch.

Anders als Vera hat Dieter im Netz noch keine feste Beziehung gefunden. Inzwischen jedoch hat auch er gelernt, sich Grenzen zu setzen. Nach den ersten durchwachten Nächten am Computer war klar: „Ich musste raus ins Leben, mich treffen.“ Immer, wenn Dieter sich heute verabredet, nimmt er sein Profil sofort aus dem Netz. Manchmal monatelang. Eine Erfolgsgeschichte hat auch er inzwischen zu erzählen. „Vor ein paar Tagen hat mich ein Kollege zu seiner Hochzeit eingeladen. Seine Frau hat er über AOL kennen gelernt.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar