Zeitung Heute : Lieber Noten als Worte

JÖRG KÖNIGSDORF

Matinee Dietrich Fischer-Dieskau: Schuberts LebenszeugnisseDas Schreiben lag ihm einfach nicht.Selbst Franz Schuberts umfangreichstes literarisches Selbstzeugnis, eine Beschreibung der 1825 mit dem Freund Johann Michael Vogl unternommenen Reise nach Salzburg und Gastein, bricht mit einem unwirschen Ausruf ab.Das Bild, das Dietrich Fischer-Dieskau bei seiner Matinee im Kammermusiksaal vom romantisch-melancholischen Tonsetzer nachzeichnet, setzt sich so notgedrungen mosaikartig aus kurzen Texten zusammen, aus Bettelbriefen, Tagebuchnotizen und Bewerbungsgesuchen.Das reicht vom humoristischen Klagen des fünfzehnjährigen Konviktschülers bis zum anrührenden Gedenken Moritz von Schwinds, der zu jener Freundesgruppe gehörte, die Schubert Nährboden für Leben und Schaffen war. Eine Äußerung ragt aus diesen Fragmenten erhellend heraus, eine Traumesschilderung des jungen Komponisten aus dem Jahr 1822, von Fischer-Dieskau mit der ihm eigenen machtvollen Rhetorik als "tiefschürfendes psychologisches Bekenntnis" aufgeladen: Da flieht der junge Mann die Brüder und den autoritären Vater und singt Lieder aus von Schmerz und Liebe übervollem Herzen.Eine neue Heimat findet der ruhelose Wanderer erst in einem erlauchten Männer- und Jünglingskreis, der sich dem Weihedienst an einem wunderbaren "Jungfrauengrabe" (gemeint ist wohl die Kunst) ergeben hat. In allen Texten ist Fischer-Dieskau der Wortwäger und Deklamator, als den man ihn kennt, konsonantenscharf kontrastierend, zuweilen ein spielerisch empörtes Falsett streifend, um eine komische Farbe zu erzeugen, die rührende Naivität Schuberts allenthalben unterstreichend.Darstellungsintensität, die den beiden Nachwuchssängern Peggy Steiner und Thorsten Voigt noch nicht gegeben ist.Beider rahmende Liedvorträge, von Oliver Pohl unauffällig begleitet, fielen einheitlich blaß aus, waren nicht mehr als ein kleines Versprechen auf Künftiges, verdunkelt vom allgegenwärtigen Schatten des Liedermeisters.JÖRG KÖNIGSDORF

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