Zeitung Heute : Lieber Nudeln als Schokolade

Kulinarische Spurensuche im Discounter-Regal mit unserer Verkostungsrunde: Es ist nicht alles schlecht, was billig ist, vor allem, wenn es sich um italienische Produkte oder unverfälschte Direktsäfte handelt

Thomas Platt

Delikatessen im Discount? Das könnte den Deutschen so passen: Schließlich drehen sie bei Lebensmitteln jeden Cent zweimal um! Und wollen jetzt auch noch dafür belohnt werden? Sobald man bei den täglichen Lebensmitteln die Kosten für Verpackung, Transport und das Scherflein für den Händler abzieht, bleibt doch kaum mehr, als ein Schluck Wasser kostet. Wer unter diesen Umständen noch Feinkost erwartet, ist im Grunde genauso naiv wie ein Sparbuch-Besitzer. Denn bei Spottpreisen ist im Allgemeinen etwas faul.

Gleichwohl – und nur darum kann es bei Delikatessen im Discount nur gehen – entscheidet manchmal nur die nötige Aufmerksamkeit oder der glückliche Handgriff, ob sich einfache und günstige Ausgangsstoffe in gelungene Endprodukte verwandeln. Erinnert sei nur daran, dass der Senf im Sozialismus das einzig genießbare Produkt im HO war – und im Systemvergleich sogar überlegen.Beim Discounter Plus bietet der beige, leicht mehlige Brei von „Bautz’ner mittelscharf“ mit dem für Senfsaat typischen spelzigen Aroma grell gelb gefärbten und überkonzentrierten Konkurrenten aus dem Westen immer noch die Stirn.

Als wollte die Testrunde gleich nach Silvester mit Kanonen auf Spatzen schießen, schlossen sich ihr gleich drei Kapazitäten an. Zu Gastgeber Tim Raue im Restaurant 44 des Swissôtel traten der Vitrum- Cuisinier Thomas Kellermann aus dem Ritz-Carlton am Potsdamer Platz sowie Martin Kühlert, Berlins erster Nougat-Experte und Inhaber des Hofer Schokoladens am oberen Kurfürstendamm, an. Alle drei, die höchst selten dazu kommen, für eigene Bedürfnisse einzukaufen, waren erstaunt über die Tagesspiegel-Auswahl der großen Vier Aldi, Lidl, Penny und Plus. Im Besonderen galt das für deren italienisches Sortiment, das unter anderem auch den Konzernexpansionen nach Südeuropa zu verdanken sein dürfte.

Hier ragt das rote Pesto hervor, das wegen der Verwendung von getrockneten Tomaten ohnehin relativ stabil ist. Während in „Baresa“ von Lidl Zwiebelpulver dominiert und im rasch flüchtigen „La Luce“ von Aldi die Kräuter hinter Tomatenkonzentrat zu verschwinden drohen, vermittelt „Da Marco“ von Plus eine organische Schwere aus rezentem Käse, Knoblauch, Cashew-Kernen und getrockneten Kräutern, die von nicht ganz unrabiater Chilischärfe belebt werden.

Die dazu passenden Bandnudeln machten es der Jury einfach: Die schwäbischen Gourmet-Nudeln von „Schätzle“ (Aldi) bezeichnete Raue unverblümt wie immer als „allein schmeckend“ und meinte damit, dass sie keine Sauce neben oder vielmehr über sich duldeten – in schroffem Gegensatz zu Lidls Pappardelle all’uovo der Marke „Pastasole“, die kräftiges Aroma von Durum-Weizen transportieren. Von den Eier-Tagliatelle „Da Marco“ (Plus) und „Ital d’Oro“ (Lidl) ist hingegen abzuraten, weil sie beim Kochen unversehens wässrig und gummiartig werden und dem Pesto kein würdiger Partner mehr sind .

Mit Kapern ließe sich dem Pesto rosso noch eine grün-bittere Note hinzufügen, zumal da sich bei den Sortimentern hier etwas getan hat. Zwar ähneln die „Giggles“ bei Plus immer noch an die berühmt geschmacksfreien sauren Kügelchen im Plastikröhrchen, aber schon die „Nonpareilles“ von Lidl verströmen eine frische vegetabile Würze, die Raue sofort an sein Lieblingsgericht Königsberger Klopse denken ließ. Wären sie nicht übersalzen, dann könnten sie mit den von der Jury favorisierten „Orto Mio“-Kapern von Penny mithalten. „Für mehr Geld bekommt man auch nicht mehr“, urteilte ein zurückhaltender, jedoch stets gewitzter Kellermann über ihre Qualität.

Den weiteren Vertretern der Penny-Linie, die mit prallen, bunten Antipasti in hübschen sechseckigen Gläsern gerade auch um die Aufmerksamkeit jüngerer Käufer buhlt, begegnete die Jury mit Kopfschütteln – einerlei, ob es nun verröstete Paprikastreifen, verkochte Saubohnen mit Thunfischresten oder saure Artischockenböden waren. Einzig die getrockneten Tomaten unter Öl erwiesen sich als erträglich, und der amtierende Berliner Meisterkoch Raue traf den Nagel auf den Kopf, als er das Glas mit den marinierten „Cippoline“ haben wollte, das selbst von Lidls „Borretane“-Lauchzwiebeln nicht unterboten werden konnte: „Das ist für den in der Brigade, der heute den schlechtesten Service hinlegt!“

Das ebenfalls bei Penny vertriebene Traubenkernöl mit Basilikum von „La Collina“ verfiel dagegen nicht der Acht. Martin Kühlert lobte es als „ganz praktische Darbietung jetzt im Winter“. Die tranig-sauren Discount-Olivenöle sollte man entgegen anders lautenden Testberichten höchstens auf dem Niveau von Heizöl behandeln, das sich ihm sowieso im Preis allmählich annähert. Höchstens das „Kreta Sitia“ von Penny gefällt mit terroir-typischer griechischer Schärfe, die deutlich an Spitzpaprika erinnert und ebenso wie dieses spezielle Gemüse nicht unbedingt jedermanns Sache sein dürfte.

Auch wenn das Übermässig-Plakative des Etiketts abschreckt (wie fast alle Discount-Artikel von schreiend ungeschlachter Gestaltung sind), kann das kalt gepresste Raps Vitalöl von „VGS“ als die Entdeckung des Nachmittags gelten. Es fließt saftig dick mit schönem Gelbton, riecht tatsächlich nach Mähdrescher und gibt auf der Zunge einen buttrigen Rettichgeschmack frei, mit dem man nach Kellermanns Ansicht Wintergemüse luxuriös veredeln könnte. Als Alternative zum Leinöl besitzt es zudem den Vorteil, dass es sich hoch erhitzen lässt und folglich auch im Wok oder in der Friteuse Verwendung finden kann.

Nur eine Kartoffel wäre dort fehl am Platz: Die Couch-Potato. Sie schätzt dafür die Knabberkompetenz der Discounter, die früh bemerkt haben, dass das Fernsehen insgesamt den Speiserhythmus mehr beeinflusst als es einzelne Kochshows tun. Bequem vor dem Bildschirm hinein mümmeln lassen sich vor allem Schokolade und Nüsse.

Gerade an der Macadamia, der Königin der Nüsse, ist die Demokratisierung der Genüsse zu verfolgen. Im gleichen Zug wie die Exklusivität schwindet, gerät auch das Aroma unter die Räder. Den verbliebenen Rest intensivieren die Hersteller dann mit glutamathaltigen Würzmischungen, die einem im Fall von Lidls „Fruit Farm“ Fondor und Büchsenparmesan in den Sinn kommen lassen. Bei dem Produkt von Plus ist obendrein die Fabrikfrische keine Garantie dafür, dass ranzige Beiklänge fehlen, so dass nur „Andy“ der Gebrüder Albrecht den Einäugigen unter den Blinden spielen darf.

Zum Glück gibt es Orangen-Direktsäfte, die den Mund wieder frei spülen. Die opake Farbe des Blutorangensaft „La Sienna“ von Penny verheißt bereits Gutes, das im Gaumen dann nicht enttäuscht wird. Die fehlende Süße wird von einem fruchtigen Bitterton umspielt, der nicht aus mitgepressten Schalenresten stammt. Im direkten Vergleich mit La Sienna fielen deshalb „Pure & Fresh Red Orange“ von Plus sowie „Pure Fruit“ von Aldi (dessen köstliche Orangenlimonade „River“ jeder Spielart von Fanta das Wasser reichen kann) etwas ab, allerdings ohne je zu enttäuschen. Ebenfalls fein austariert zwischen süß und sauer ist Aldis direkt gepresster Ananassaft „Premium Pure Fruit“ im schnöden Pappquader.

Mit Martin Kühlert war die Runde am Ende einer Meinung: Die Premium- Schokoladen, von denen nahezu jede Woche eine neue Traditionsmarke auf den Markt zu kommen scheint, halten nicht, was die reichlich mit Gold verzierten Packungen und die prozentgenauen Sortenangaben versprechen. So wirkt etwa die herbe Madagaskar-Vollmilch von „J.D. Gross“ seltsam dünn und stumpf, die „72% Xocriolata“ von Plus hart und leer und Pennys „Jambala“ sowie Aldis Edel Bitter 70% Kakao von „Moser-Roth“ wie aus Osterhasen der letzten Saison umgeschmolzen; diese Beispiele ließen beliebig vermehren.

Aber das ist müßig, denn Billigschokolade hat, um es mit dem Charlottenburger Experten auszudrücken, einfach keine Idee und kein Herz - der direkte Vergleich mit einer beliebigen edlen Sorte hoher Preiskategorie macht schlagend deutlich, dass hier die Kompetenz und Einkaufsmacht der Großdiscounter an eine offenbar unüberwindbare Grenze stößt.

Viel Herz hingegen besitzt der dezent nach Waldpilzen duftende „Neufchâtel“-Rohmilchweichkäse (sozusagen ein Camembert-Bankert) aus Lidls Kühltheke. Der äußeren Form nach - und auch, was seine inneren Werte angeht. Zwischen den vielen charakterlosen Bewohnern der Supermarkt-Käselager ragt er zweifellos weit hervor.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar