Zeitung Heute : „Lieber User, Gamer, Leser“

NAME

Der Artikel „Software für das Massaker“ der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ („FAS“) hat die „Gamer-Szene“ mobilisiert. Speziell die Spieler von Counterstrike (CS), jenem Spiel, das auch der Erfurter Mörder Robert Steinhäuser intensiv gespielt haben soll. Die Gamer werfen der „FAS“ in über 2500 E-Mails vor, falsch recherchiert zu haben, gegen die CS-Community zu agitieren und „mehr Menschen zu verleumden, als die „FAS“ Leser hat“.

Tatsächlich weist der Artikel Fehler auf. So wird behauptet, Ziel sei es, jeden zu erschießen, sei es ein Polizist, ein Schulmädchen oder ein Passant. Angeblich soll sich Steinhäuser auch die Art seiner Vermummung von den Spielerfiguren abgeschaut haben. Ebenfalls wird behauptet, Steinhäuser habe sich die Empfehlung des Online-Händlers Amazon zu Herzen genommen, sich beim Spielen Leute vorzustellen, die man nicht mag. Besonders die Behauptung: „Ein Computerprogramm der Firma Sierra hat den Amokläufer von Erfurt trainiert“ sowie die Einschätzung der Szene als Teil einer „Hassindustrie“ erregte die Gemüter.

Am Dienstag kündigte faz.net an, dass der Herausgeber Frank Schirrmacher in die Diskussion „eingreifen“ werde. „Liebe User, Gamer, Leser“, begann Schirrmacher und versuchte den Vorwurf der Agitation zu entkräften: „Sie alle machen es sich zu einfach, wenn Sie behaupten, wir hätten Counterstrike-Spieler zu Killern erklärt. Das stimmt nicht. Wir haben nur gesagt, dass der größte Massenmord in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands aller Wahrscheinlichkeit nach am Computer vorgespielt wurde.“ Auch der Fehlinformation, das Spiel sei indiziert und der faktisch falschen Darstellung des Spielaufbaus misst Schirrmacher keine größere Bedeutung zu: „Dass der Ablauf des Spiels in Details anders sein mag, ändert ja nichts daran, worum es in diesem Spiel geht.“ Unter der Schlagzeile „Offene Diskussion verhindert gesellschaftliche Ächtung“ kommt Schirrmacher zu der Erkenntnis: „Wenn ich es richtig sehe, ist durch den Artikel in der Sonntagszeitung zum ersten Mal eine Debatte zwischen den Betroffenen in Gang gekommen.“

Genau das scheint nicht der Fall zu sein, wenn man sich durch die Beiträge der Gamer liest. Sie fühlen sich erst durch die „FAS“ geächtet: „Hier kommt doch zum Ausdruck, dass wir doch alle potentielle Amokläufer sind“, fasst ein User, Gamer, Leser den Protest zusammen. Hardy Prothmann

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar