Liebesdrama „Blau ist eine warme Farbe“ : Schmerz und Erfüllung

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Foto: Alamode
Foto: Alamode

Diese Lippen. Leicht geöffnet, schön geschwungen. Wieder und wieder liegen sie lustvoll im Zentrum der Bilder von „Blau ist eine warme Farbe“. Die Kamera scheint magnetisch angezogen zu werden durch den Mund von Adèle (Adèle Exarchopoulos, links). Dass die 15-Jährige leidenschaftlich gern isst, trifft sich da gut: Regisseur Abdellatif Kechiche kann ihr in Großaufnahme beim Essen von Nudeln, Schokolade und Austern zuschauen.

Teilweise ausgeglichen wird dieser Blick des Filmemachers – auch die Hinterteile seiner Figuren sind häufig im Fokus – dadurch, dass es ihm auch um Adèles Kopf geht. Kechiche porträtiert sie als aufgeweckt, schlagfertig und ernsthaft an Literatur interessiert. Wie schon in seiner beeindruckenden Jugendstudie „L’Esquive“ (2005) sorgt der Aufklärer Marivaux, dessen „La vie de Marianne“ Adèles Klasse im Französischunterricht durchnimmt, für schichtübergreifende Faszination.

Noch heftiger als der Klassiker wirkt allerdings die Pubertät auf Adèle. Ihre Gefühlswelt ist stärker durchgerüttelt als die ihrer über Jungs plappernden Mitschülerinnen. Während ihrer ersten Liaison – mit Thomas aus dem Jahrgang über ihr – bemerkt sie, dass etwas nicht stimmt. „Ich habe das Gefühl, ich täusche nur vor“, sagt sie zu einem Freund. Und: „Mir fehlt was.“ In ihren Träumen ahnt sie, worum es sich dabei handelt. Die Berührungen einer Frau. Adèle ist ihr zufällig auf der Straße begegnet: blaue Haare, den Arm um eine andere Frau gelegt, ein kurzes Lächeln. Als die beiden sich in einer Lesbenbar wiedersehen, erfährt sie, dass die Frau Emma (Léa Seydoux) heißt und Kunst studiert.

Ein Flirt, ein Nachmittag im Park. Adèle und Emma kommen in diesem langsam erzählten, dreistündigen Epos schneller zueinander als in Julie Marohs Graphic Novel „Blau ist eine warme Farbe“, auf der der Film basiert. Zudem spielt der Sex in der Vorlage eine kleinere Rolle. Bei Kechiche, der mit den Hauptdarstellerinnen in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, ist die lange, erste Bettszene zentral. So begrüßenswert es ist, dass lesbischer Sex im Kino mal explizit und ohne Weichzeichner inszeniert wird, so bitter ist es, dass Kechiche nur eine an Heteropornos orientierte Stellungschoreografie durcharbeitet. Ähnlich vorhersehbar geht es weiter, als Emma die Lust an Adèle verliert und ihr die Klassen- und Interessenunterschiede plötzlich wichtig werden. Wie sich die Jüngere anschließend betäubt weiter durch ihr Leben tastet, das schildert Kechiche mit einer ergreifenden Einfühlsamkeit. Intensiv. Nadine Lange

F 2013, 180 Min., R: Abdellatif Kechiche, D: Adèle Exarchopoulos, Léa Seydoux

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