Zeitung Heute : Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling!

Von Esther Kogelboom

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Innerhalb von kürzester Zeit habe ich zwei Schreckenszenen des Liebeskummers beobachten müssen. Beide spielten sich ganz ähnlich ab. Vielleicht handelt es sich um ein Virus, das gerade in Prenzlauer Berg umgeht.

Es begann jeweils mit einer innigen Umarmung. Aus der Entfernung hätte man die Frau und den Mann für ein glückliches Paar halten können. Allerdings ist es wohl so, dass übertrieben lange Umarmungen, bei denen die Beteiligten sich reglos umklammern, nichts Gutes bedeuten. Beide Male lösten die Männer sich irgendwann. Sie drehten sich um und gingen. Die Frauen blieben stehen. Kaum war der Typ um die Ecke gebogen, wurden sie von fürchterlichen Heulkrämpfen geschüttelt – beschienen von wärmster Frühlingssonne, umgeben von lauter entspannten Menschen, die auf dem Weg zum Flohmarkt oder zum „Kauf dich glücklich“ waren.

So standen die Frauen weinend auf der Straße. Die eine beugte sich vornüber, so, als müsse sie kotzen, und ihre Tränen fielen auf die Straße. Die andere hielt beide Hände vor ihr Gesicht. Es sah aus, als würde sie vergeblich versuchen, eine Peel-off-Maske von Stirn, Wangen, Nase und Kinn zu ziehen.

Fest steht, dass der Frühling eine besonders ungünstige Zeit für Liebeskummer ist, aber auch eine wahrscheinliche. Alle lüften ständig, das ist gefährlich, weil es passieren kann, dass versehentlich die Innereien mitgelüftet werden und auch der Herzstaub in grauen Flocken vom Balkon segelt.

Ich bin nicht zu den traurigen Frauen von Prenzlauer Berg hingegangen. Mir fiel nichts ein, was ich hätte sagen können. Stattdessen erinnerte mich an meinen allerersten Liebeskummer.

Ich war 15 und unsterblich in meinen Freund verliebt. Dann kam dieser ungewöhnlich warme Frühlingstag, an dem ich im Chemie-Unterricht ein Referat über den Abbau von Steinkohle halten musste. Nun waren Referate noch nie mein Ding. Und ausgerechnet in der Fünf-Minuten-Pause vor der Chemie-Stunde, als ich hektisch mein Thesenpapier schrieb, machte mein designierter Ex-Freund mit mir Schluss. Er roch wie immer nach Nivea-Bodylotion.

Lange suchte ich nach Gründen: War dem Blödmann mein Faible für Tracy Chapman auf die Nerven gegangen? Hätte ich mal ein hübsches Kleid anziehen sollen und nicht immer nur Latzhosen, die selbst einem Elefanten zu groß gewesen wären? Biss sich mein Patchouli-Parfüm mit seiner Nivea-Bodylotion? Hätte ich mich weniger mit dem Abbau von Steinkohle und mehr mit Fußball beschäftigen sollen?

Meine Mutter sang: „Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling.“ Sie legte mich ins Bett, ich stand eine Woche nicht mehr auf. Es dauerte, bis sie mich wieder gesund gepflegt hatte, und ich erkannte, dass mich im Prinzip keine Schuld traf und dass es andere Jungs gab. Kein Witz: Einer roch sogar besser als mein erster Ex-Freund, nach frischen Waffeln mit Puderzucker.

Gesundheitspsychologenexperten teilen die Volkskrankheit Liebeskummer in drei Phasen: Schock, Wut, Bewältigung. Oder so ähnlich. Liebe traurige Frauen von Prenzlauer Berg, ich rate euch daher: Lenkt euch ab. Und wenn ich den Mann mit der karierten Hose, den dunkelbraunen Haaren und dem rostigen Fahrrad bzw. den Mann mit den Trainingshosen und dem Nike-Sweatshirt das nächste Mal vor der Schwarzen Pumpe sehe, werde ich euch rächen. Blutig.

Die sollen auch mal erfahren, wie schön es ist, wenn der Schmerz nachlässt.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt ständig gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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