Zeitung Heute : "Liebesmale, scharlachrot": Triumph des Manni-Rismus

Joachim Otte

Deutschländer sind Würstchen. In der Türkei, wo der Name für Türken steht, die in Deutschland aufgewachsen und wenig beliebt sind, behandelt man sie auch so. Serdar zum Beispiel wird von Baba, dem Einheimischen, zu einem "zersäbelten Schnitzel" verarbeitet und zuvor beschimpft: "Du kommst her und denkst, du kannst dir die erstbeste Frau, die dir über den Weg läuft, einfach mal so schnappen. Du bist ein Deutschlandschmutz... Entweder zückst du deine Börse oder deinen schlappen Schwanz, und wir, die richtigen Männer, dürfen die Arme verschränken und zukucken." Damit sind die Themen von Feridun Zaimoglus Romandebüt "Liebesmale, scharlachrot" benannt: männliche und nationale Identität, Liebe, Frauen - und Serdars Geschlecht, das "still liegt wie ein Bulettenwender im Besteckkasten".

Zaimoglu, 1964 in der Türkei geboren, lebt seit 30 Jahren in Deutschland. Bekannt wurde er durch seine Erfindung der "Kanak Sprak", mit der er dem Jargon der Deutschländer einen Namen verliehen, ihn literarisch dokumentiert und ästhetisiert hat. Das gleichnamige Buch von 1995 zeichnet Stimmen und Stimmungen von jungen männlichen "Kanakstern" auf. 1998 erschien "Koppstoff", das weibliche Pendant zu "Kanak Sprak". Zaimoglu definiert dieses Sprechen als "babylonisches Kauderwelsch einer unbedingt auffälligen Generation", als "eine Art Creol oder Rotwelsch mit geheimen Codes und Zeichen". Es enthält "Brocken aus dörflichen Dialekten und Anleihen aus dem Hochtürkischen genauso wie das metaphernreiche Slang-Stakkato der Straße und der Großstadtszenen". Mit der Kanak Sprak ist Zaimoglu angetreten, "Frische in die Branche zu stemmen", die er zwischen "Mittelstandsnarkose und Witzischkeit" verstauben sieht. Seine Provokationen gegen die "Knabenwindelprosa" der Popliteraten sorgten für Spannung, ob Zaimoglu sich mit der Kanak Sprak auch in freier ästhetischer Wildbahn bewähren würde.

Das Warten hat sich gelohnt. "Liebesmale, scharlachrot" ist ein starkes, witziges Buch. Zaimoglu hat das Problem in einer Weise gelöst, die elegant ist, weil sie nicht nur das natürliche Biotop der Kanak Sprak, die authentische, direkte Rede, in die Schriftlichkeit überführt, sondern auch Vielstimmigkeit und ironische Distanz ermöglicht. "Liebesmale, scharlachrot" ist ein Briefroman, der brünftige Männer ebenso wie betrogene Frauen zu Wort kommen lässt und sich über seine eigene Form mokiert.

In den "Leiden des jungen Ali" (Eigenwerbung Zaimoglu) flüchtet der Kieler Frauenheld Serdar vor den Liebeshändeln mit zwei Frauen an den mütterlichen türkischen Herd. Nun will er ein Galan der Feder werden und seine Libido nur noch in Haikus und Gedichte investieren.

Allein, die Hormone siegen: Serdars Aufmerksamkeit gilt hauptsächlich seiner Impotenz, später dann der reizenden Rena, eine "süperartige Frau", die er zu Babas großem Missfallen für sich gewinnt. Wie viele poetisierende Schwärmer der Literatur hat auch Serdar seinen bodenständigen Komplementärkumpel. Hakan ist der Pansa zum Quichote, der Wilhelm zum Werther. Doch anders als Wilhelm, den Goethe weder schreiben noch anders handeln lässt, bietet Hakan Serdar im Wettstreit um den spektakuläreren Brief ordentlich Paroli. Gleich im ersten Brief fordert er Serdar auf, die "Goethe-Nummer" zu beenden: "Ich geb n Scheiß auf deine Metaebene, Alter."

Das eigentliche Ereignis des Buches aber ist die Sprache selbst. Während in Zaimoglus früheren Büchern ein zorniger Prophetenton das Sprachbild und damit das Selbstverständnis der Deutschländer definierte, schlägt der Stil nun Volten zwischen Muezzin und Blödsinn, immer in Rufweite der "arabesken Natur" des von Serdar beschriebenen "inner-anatolischen Barock". Das ist Proll-Barock, Manni-Rismus sozusagen, orientalisierend und hyperziseliert. Nichts an diesen Codes ist gemäßigt, vielmehr werden Identität und Rang des Sprechers durch die überbordende und rückhaltlose Rede geprägt. Ich rede, also bin ich. Und ich bin, wie ich rede: vital, unberechenbar und schön.

Entscheidend ist die Paraphrase, die kunstvolle Anrede, die Namensgebung und Selbststilisierung ("Sammler der heiligen Vorhäute Christi"; "allerwonnigster Kokettierfetzen", "Streetlife-Kümmel") oder die Anrufung der Frau und die Beschimpfungsvirtuosität ("süpermatsche Batschemänner"; "Resterampenheio"). Ganz nebenbei zeichnen diese Girlanden präzise Sittenbilder aus der Türkei und Befindlichkeitsporträts von jungen Türken in Deutschland.

"Liebesmale, scharlachrot" ist oft banal, albern, versaut und pubertär - aber die Mischung zwischen Stilanachronismus und street credibility-Jargon in Turnschuhen ist so weit weg von Langeweile, dass man sich fragt, wann man zuletzt etwas vergleichbar Innovatives in Almanya und seiner jungen Literatur gelesen hat. Zaimoglu ist wie Serdar: "der ungestüme Machetenmann, der sie mit Feigwarzenprosa verhätschelt".

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben