Zeitung Heute : Lieblieb

MANUEL BRUG

Konturarm: Urs Dietrich beim Tanz-Winter im Hebbel-TheaterMANUEL BRUGEs gibt sie noch, diese sozialpädagogisch inspirierten Tanztheaterstücke der siebziger und achziger Jahre, in denen es menschlich zugeht und züchtig, wo man miteinander spielt, sich mehr bewegt als tanzt und immer sehr lieblieb ist.Urs Dietrich, der sanfte, langmähnige Schweizer aus dem Essener Folkwang-Stall, nun in Bremen als Ko-Choreograph von Susanne Linke engagiert, der durchaus auch für avanciertere Tanzmoderne einstand, aber nie ganz den Verdacht der Müsli-Fraktion von sich abstreifen konnte, hat jetzt ein solches Ding zum Berliner Tanz-Winter ans Hebbel-Theater gebracht. Keine Musik, fast nirgends, außer mal ein paar rhythmische Störgeräusche.Leere Bühne, ein paar Podeste und Stellwände, fahles Licht.Sechs Menschen sitzen und stehen herum, später gesellt sich noch ein staubbedeckter, Staub pustender und abschüttelnder Siebter hinzu.Jeder pflegt hier seine Ticks, so vergeht die Zeit, das gliedert irgendwie die Minuten.Eine Frau sitzt auf ihrem Koffer und spielt mit den Händen.Später erblühen aus dem Gepäck dieser Unbehausten bunte Blumen.Einer ist Geschäftsmann, hektisch und zerfleddert, der bindet sich seine Krawatte ab und um, klebt seinen Sakko ohne Nagel mit Spucke an die Wand.Zwei Frauen sind Groupies, schütteln sich, steppen herum, lüpfen ihre bunten Kleidchen.Der, den das anmacht, ist ein südamerikanischer Macho, die Muskeln quellen ihm aus dem Netzhemd, in der Hose hat er einen immerwährenden Drang.Dann ist da noch ein schlurfiger Stadtindianer und eben der dreckige Typ.Man kennt das.Diesmal heißt diese Stunde, da wir nichts voneinander wußten, "Die Langsamkeit des Augenblicks". Das ist kokett gemeint, geizt auch nicht mit überall ausliegenden Metaphern, ohne daß diese besonders zwingend oder originell wären.Die Episödchen sind sauber miteinander verklebt, sehr bekannt und total temperamentlos, selbst als es momentelang etwas hektischer wird; was im neckischen, gruppendynamisch ausgereizten Zerreißen einer Einkaufstüte gipfelt.Urs Dietrichs Bewegunsgsprache ist unspezifisch bis nicht vorhanden.Deshalb aber wohl so leicht konsumierbar.Ein Stück, zum es sich schnell darin bequem Machen.Man wird in seiner Betrachterruhe niemals aufgestört.Nicht einmal zum sich darüber Ärgern lohnt es.

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