Zeitung Heute : Lieblingslaster finden

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Ungeduld galt lange als das tugendhafteste Laster, das man sich zulegen konnte. Wer in Fragebögen aller Art, bei Vorstellungsgesprächen oder beim Liebeswerben eine schlechte Eigenschaft angeben musste, hatte gar keine andere Wahl. Wer sagt schon gern von sich, er habe gar kein Laster? Damit würde er Eitelkeit, Selbstüberschätzung und noch eine ganze Reihe anderer Laster offenbaren, ohne sie direkt zu benennen, sich also bestenfalls zum uneloquenten Trottel machen.

Andererseits: Wer sagt schon gern, er sei ein Säufer, Kokser, Geizhals, Neidhammel. Klingt alles schlecht. Ungeduld aber klingt immer gut. Nicht abwarten können, das hat etwas Dynamisches, mit dem Kopf durch die Wand Gehendes, alle Voranbringendes. Der Fahrtwind nimmt den Geruch des Lasters, zurück bleibt eine zu Unrecht gefallene Tugend. Schade, dass man sie so abgewetzt hat, dass sich jeder, der sich selber der Ungeduld zeiht, nun das Laster der Unoriginalität offenbart.

Denn eigentlich ist es tatsächlich Ungeduld, die hervorragende Menschen auszeichnet. Es ist nicht diese zähnefletschende, vordränglerische Ungeduld, die nicht abwarten kann, bis eine Schlange sich in Bewegung setzt und mit spitzen Ellbogen alle aus dem Wege räumt. Es ist nicht die Feindin der Höflichkeit, von der hier die Rede ist. Und es ist auch nicht die kindliche Ungeduld, mit der man auf den Osterhasen wartet, auf ein neues Auto oder auf eine Begegnung mit lang vermissten Freunden. Die gute Ungeduld bezeichnet den Drang, Dinge zu bewegen und die komplette Unfähigkeit, abzuwarten, bis andere sie bewegen.

Bornierte Menschen sind in der Lage, sich auf einen Status zurückzuziehen und zu sagen: Lass die anderen nur machen, mein Geschäft ist dies und jenes nicht. Wenn dem kreativ Ungeduldigen etwas wichtig ist, wartet er nicht darauf, dass seine Sekretärin ihre Mittagspause beendet, sondern greift selbst zum Hörer. Dinge, die sowieso gut im Fluss sind, delegiert er gerne und mit ruhigem Gewissen. Verhältnisse, die von ihm persönlich durcheinandergebracht werden wollen, rührt er allerdings lieber eigenhändig um, egal, ob Leute dafür zur Verfügung stehen oder nicht.

Ungeduld beinhaltet eben auch dieses ewige Kribbeln, das einer verspürt, der sich nicht leicht zufrieden gibt. Der mit offenen Augen durch die Welt geht und immer etwas entdeckt, was sich noch verbessern lässt. Der Ungeduldige will immer etwas optimieren, verändern, weiterbringen und hat damit das Zeug, zum Schutzheiligen der Evolution zu avancieren, wenn es sowas denn geben könnte. Dem von Natur aus Ungeduldigen kann etwas Unfertiges, Halbes geradezu körperliche Qualen bereiten. Ohne eine gewisse Ungeduld hätte es nie einen Menschen auf dem Mond gegeben, wird es nie einen Menschen auf dem Mars geben.

Heute ist Sonntag, der Tag der Bescheidenheit, an dem wir uns ein neues Lieblingslaster suchen müssen. Vielleicht haben wir hier ja schon eine Alternative entdeckt, die sich für den Lasterpart in Fragebögen anbietet: Sagen Sie einfach „Geduld“. Dies als schlechte Eigenschaft anzugeben, birgt zusätzlich tugendhafte Ironie in sich. Damit haben wir endlich das ambivalente Laster par excellence geschaffen.

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