Zeitung Heute : Lieder aus dem Vorzimmer zur Hölle

CHRISTOPH FUNKE

Bente Kahan gastiert mit "Stimmen aus Theresienstadt" im Theater TribüneFür 150 000 aus ganz Europa zusammengetriebene Menschen war Theresienstadt, Hitlers höhnisch inszeniertes Ghetto der Jahre 1941 bis 1945, das Vorzimmer zur Hölle, Ausgangspunkt für den Transport in die Gaskammer.Bente Kahan, 1958 in Oslo geborene Schauspielerin und Musikerin, geht bei ihrem Gastspiel in der Tribüne den Schicksalen in dieser Stadt nach, die den Juden, so die zynische faschistische Behauptung, "geschenkt" worden war.Auf nackter schwarzer Bühne skizziert sie die Schicksale von fünf (fiktiven) Frauen, singt Lieder, spielt Kabarett.Und fällt zurück in eine Stille, die sich dem Wort verweigert, geht ins Dunkel, weil kein Licht mehr ertragbar ist. Von Frauen wird erzählt, die um ihre Würde kämpfen und doch machtlos bleiben gegenüber dem allgegenwärtigen Terror, dem Hunger, der Krankheit, dem Sterben.Wie die Schauspielerin, nur mit ein paar Requisiten arbeitend, in ihrem Antlitz Hoffnungen zeigt, List, Humor, Lachen unter Tränen, und wie dann wieder das Entsetzen beherrschend wird, die Trauer und die tiefe Scham, das hat schlichte Wahrhaftigkeit.Nur vorsichtig ändert Bente Kahan Haltungen, Hilfe geben Mantel, Schal, Tuch und Brille, eine Mütze und ein Handschuh, aus Koffer und Schachtel geholt.Alles Heftige ist gemieden, weich sind die Übergänge von Figur zu Figur, überraschend aber das geschwinde, fast fröhliche Heraustreten aus den Lebensgeschichten der Frauen - für die Lieder. Denn Rückgrat des Abends mit den Berichten über Schauspielerin, Musikerin und Krankenschwester, über die junge Mutter und die bürgerliche Frau aus Hamburg sind Lieder, die im Ghetto entstanden.Auf abenteuerliche Weise gelang es, Gedichte und Texte von Ilse Weber, die in den Gaskammern von Auschwitz umkam, zu retten.Diese Lieder, zum Teil von Bente Kahan vertont, legen Zeugnis ab vom Dasein im Angesicht des Todes.In ihnen spiegeln sich ein unbändiger Lebenswille, ein verzweifelter Humor, eine Heiterkeit, die auch von den furchtbaren Lebensbedingungen im Ghetto nicht zu brechen war.Solcher Trotz erklärt auch die Kabarettszenen mit ihrem verbissenen, aber ungreifbaren Widerstand, ihren verzweifelt spaßigen Untertexten.In Theresienstadt wurde gespielt und gesungen um ein bißchen Vergessen, einen Hauch von Normalität, und doch steckte in jeder Szene und Zeile das Wissen um ein unausbleibliches furchtbares Ende. Dieses Leben auf der Grenze holt Bente Kahan mit ihren polnischen Musikern Dariusz Swinoga und Miroslav Kuzniak hervor, ohne den Versuch dokumentarischer Schärfe oder pathetischer Überredung.Was gespielt und gesungen wird, zwingt die Zuhörer in das Nachdenken hinein, verhindert eilig gedankenlosen Zwischenbeifall, bewahrt auch am Schluß die Momente der Ruhe, der Stille, die dieser besondere Abend braucht."Morgen fängt das Leben an", inszeniert von der Mitautorin Ellen Foyn-Bruun, verdient die Aufmerksamkeit des Berliner Publikums.CHRISTOPH FUNKE

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