Zeitung Heute : Lindas Welt

„Die Serben“, sagt sie, „wollen uns umbringen.“ Sie ist neun Jahre, Kosovo-Albanerin und weiß ganz genau, was gut ist und was böse. Der Krieg ist längst vorbei, aber der Hass zwischen den beiden Volksgruppen ist immer noch da. Und nachts kehren die Albträume wieder.

Frank Rothe[Mitrovice]

Sie fällt auf. Vielleicht weil sie kleiner ist als die anderen Kinder in ihrem Alter. Vielleicht auch, weil sie immer vornweg läuft. Rennen die anderen los, ist sie schon da. Sie lacht laut, fast wie ein Junge, und mit den Jungen spielt sie auch Fußball. Sie ist das einzige Mädchen in ihrem Viertel, das das darf. Sie wirkt erwachsener, reifer, ein Mädchen mit einer Geschichte, die zu schwer erscheint für ihr Alter.

Eurolinda ist ein Kind des Kosovo, neun Jahre alt, hat eine Großmutter, die ihr das Euro vor den Namen Linda gesetzt hat, eine vierjährige Schwester Erestina und eine Mutter, die 33-jährige Alicia. Von den meisten wird Eurolinda einfach Linda genannt. Ihr Alltag spielt in Mitrovice, einer geteilten Stadt. Im Norden wohnen die Serben, im Süden die Albaner, dazwischen stehen die bewaffneten Posten der Kfor. Wenn sich Serben und Albaner mal wieder mit Steinen bewerfen, rücken die UN-Truppen aus und treiben die Menschen auseinander. Denn hier in Mitrovice können Unruhen im schlechtesten Falle damit enden, dass sich die Menschen gegenseitig töten.

Das Haus, in dem Linda lebt, ist das letzte auf der albanischen Seite. Vor dem Eingang steht ein Posten der französischen Kfor. Geht Linda an den Soldaten vorbei, sagt sie: „Hello.“ Alle sechs Monate werden die Kfor-Truppen ausgetauscht. Linda mochte die Einheit davor lieber, die jetzigen Soldaten kann sie nicht leiden. „Sie grüßen nur selten zurück.“ Zudem hat sie etwas gegen Franzosen. „Die mögen die Serben und lassen sie in den albanischen Stadtteil, damit sie uns umbringen.“

Der Rücken des Vaters

Die Älteren haben ihr das erzählt. Linda hat allerdings auch eigene Erfahrungen. Da gibt es die Geschichte mit den Steinen. Die Serben von der anderen Straßenseite haben damit begonnen, sagt sie, dann haben die Albaner Steine zurückgeworfen, so lange, bis die Serben wiederum Steine warfen. „Die französische Kfor hat zugeschaut.“ Die Welt von Linda ist sehr einfach strukturiert. Es gibt die Bösen, und es gibt die Guten. Die Bösen wohnen im serbischen Stadtteil, und die Guten wohnen dort, wo Linda wohnt.

Linda sammelt Puppen, die hängen neben einem Foto des Präsidenten Ibrahim Rugova an der Wand im Wohnzimmer. Ihre Mutter hat sie aus Hilfslieferungen herausgefischt, damals im Krieg, und damit sie nicht einstauben, wurden sie an die Wand genagelt. „Sie sind aus Italien“, sagt Alicia.

Als ihr Mann noch lebte, baumelten keine Puppen über dem Sofa. Linda erinnert sich kaum an ihn. 1998 war sie gerade mal vier Jahre alt. „Das Einzige, was ich von meinem Vater weiß, ist, dass er immer gesagt hat: ,Komm hinter meinen Rücken, Kleine.’“ Diesen Rücken vermisst Linda manchmal. Wenn die Großmutter Aufgaben verteilt oder die Mutter mit ihr schimpft. Allerdings passiert das gar nicht so oft. Denn Linda hat in diesem Haus eine Menge zu sagen. Sie spricht nämlich Englisch, und das ziemlich gut für eine Neunjährige. Die Mutter kann es nicht, und die Großmutter schweigt. Wenn es ihr in der Wohnung zu eng wird, zieht Linda ihre Schuhe über und geht nach draußen. Sie läuft um die Ecke zum Wachposten der Kfor.

3500 UN-Soldaten sind in der geteilten Stadt Mitrovice stationiert. Von den 100000 Einwohnern sind 12000 Serben, fast 90 Prozent sind Albaner. Wer zu den Serben im Norden von Mitrovice will, muss die Posten der Kfor passieren. Doch in den Norden möchte kaum jemand, hin und wieder ein paar Angestellte der UN, um im serbischen Stadtteil Kaffee zu trinken, weil die Restaurants hier schicker sind als in den albanischen Vierteln.

Linda bleibt vor den aufgestapelten Sandsäcken stehen, hinter denen die Soldaten im Ernstfall Schutz finden, und zeigt auf ein Panzerfahrzeug. „Das ist ein Jeep“, sagt sie und hebt den Kopf. Sie hebt fast immer den Kopf, denn die Menschen um sie herum sind größer. Wenn sie nach oben schaut, fallen ihre Haare nach hinten, und über ihre Sommersprossen huschen die Schatten der Wolken. Und Wolken gibt es momentan sehr viele. Erst gab es einen Monat lang überhaupt keinen Regen, und jetzt fällt er mehrmals am Tag. Man könnte meinen, dass dieses Wetter zu diesem Land und seinen Geschichten passt. Unzählige Geschichten kursieren hier, und meist sind es grausame Geschichten.

„Milan, Nevena und Alena“, sagt Linda. Das sind die Namen von serbischen Kindern. Mit ihnen hat sie gespielt, vor dem Krieg. Es waren Nachbarn, sie sind mit ihren Eltern geflohen. Wohin, weiß Linda nicht. „Nach Serbien“, sagt sie und deutet in eine Richtung, die über die Grenzposten vor ihrer Tür hinaus geht.

Linda sagt, ihr Vater und ihr Onkel hätten 1998 tot auf dieser Straße in der Nähe des Kfor-Postens gelegen. Mit der Hand zeigt sie erst auf ihren Hals, deutet eine Schnittbewegung über der Kehle an und richtet den Zeigefinger dann auf den Bürgersteig der Straße. Es ist eine der drei Straßen, die sie kennt, die breiteste, sie verläuft parallel zu den Bahngleisen und führt direkt zu ihr nach Hause. Es ist Lindas Hauptstraße, zwei kleinere Straßen führen in das albanische Wohnviertel hinein. Außerhalb von diesen drei Straßen und dem Marktplatz, auf dem aus Deutschland abgeschobene Kosovaren Zigaretten und Mehl verkaufen, kennt Linda die Welt nicht.

Ein Toter im Plastiksack

Ihre Mutter erzählt später, dass ihr Mann unter einer Brücke am Ortseingang gefunden wurde, verschnürt in einem Plastiksack, nicht weit vom Hotel Palace, dem größten Hotel in Mitrovice. Lindas Erinnerungen trügen. Aber was Tod bedeutet, das hat sie damals erfahren, als die Straßen mit Leichen übersät waren und Verwesungsgeruch in der Luft hing. Manchmal ärgert Linda ihre Mutter damit, dass sie sich immer noch einen Vater wünscht. In ihrer Vorstellung ist ein Vater dazu da, einen im Auto durch die Straßen und zur Schule zur fahren.

Dass ihr leiblicher Vater eigentlich noch lebt, weiß sie nicht. Als ihre Mutter im vierten Monat schwanger ist, trennt sie sich von ihm und heiratet einen anderen, Lindas Stiefvater, das tote Familienoberhaupt. Die Mutter will es ihr nicht sagen, vielleicht später, vielleicht nie.

Lindas Stiefvater hat ein Kind aus seiner ersten Beziehung hinterlassen. Dieser Junge lebt am Rande von Mitrovice. Der Krieg hat seine Mutter verwirrt. Manche sagen, sie sei verrückt. Mit einer Axt ist sie einmal auf ihren Sohn losgegangen, und hätte sich der Großvater nicht dazwischen geworfen, hätte der Junge wahrscheinlich nicht überlebt.

Linda kennt ihn aus der Schule, wenn er ein Gedicht aufsagen muss, dann stottert er, während die anderen Schüler lachen. Linda tut er Leid. Mindestens so Leid wie der „Der kleine Luli“. Luli ist die Hauptfigur aus ihrem Lieblingsbuch. Darin geht es um einen Jungen, der ein Waisenkind ist, kein Geld und „Pickel hat“, wie Linda sagt. Er läuft in kaputten Turnschuhen durch die Stadt. Die anderen Jungen ärgern ihn, wie es eben weltweit ist, wenn man nicht die richtigen Turnschuhe trägt. „Zum Schluss schenken sie dem kleinen Luli ein paar Turnschuhe“, erzählt Linda. Linda hat nicht vor Rührung geweint, jedenfalls nicht vor den anderen Mitschülern. „Ich fühle mich stark, und ich schlage jeden, der etwas gegen mich hat.“

Linda hat zu Hause geweint, allein und nur für sich. Mittlerweile kann sie das Buch fast auswendig. Vielleicht findet sie auch Ähnlichkeiten mit Luli. Die Wohnung, in der sie mit der Schwester, Großmutter, Mutter und deren Schwester lebt, ist klein. „Ich wünsche mir manchmal, wir wären weniger“, sagt sie. Dabei ist im Flur gegenüber gerade eine Wohnung frei geworden, die von Herrn Gotic, der war Serbe und ist geflohen. Seine beiden Zimmer gehören jetzt zu den anderen zwei kleinen Zimmern von Lindas Familie.

Vor neun Monaten gab es auch noch einen Großvater, der ist an Diabetes gestorben. Seitdem muss Linda die Couch im Wohnzimmer nur noch mit ihrer Großmutter teilen. Und mit dem Tod des einzigen Mannes im Haus ist die Geschichte vom serbischen Arzt, der eines Tages kam, noch vor dem Krieg, endlich zur Geschichte geworden. Linda hat sie sich dennoch gemerkt. Der Arzt besuchte den kranken Großvater und forderte von der gesamten Familie, dass sie serbisch sprechen sollte, ansonsten würde er ihn nicht behandeln. Vielleicht ist Linda damals klar geworden, dass es einen Unterschied zwischen Menschen und Menschen, Nachbarn und Nachbarn gibt. Vielleicht ist ihr der Unterschied nur deshalb klar geworden, weil die Mutter diese Geschichte ihren Freunden immer wieder erzählt hat und Linda dabei saß. Wer weiß es schon, der Arzt war eben kein guter Mensch, und Serbe war er ja auch noch.

„Die Serben sind nicht gut, die Albaner sind besser“, sagt Linda. Aber was ist ein Serbe? Linda überlegt, und dann fällt ihr ein, dass es auch gute Serben gibt, jedenfalls einen. Im Krieg kam die Miliz zu ihr ins Haus. Alicia gab Lindas kleiner Schwester gerade die Brust. Die Männer suchten nach Waffen und schubsten die junge Mutter durch den Raum. So lange, bis ein Serbe sagte: „Hört auf.“ Das war ein guter Serbe.

Traumland Amerika

Meist versucht Linda, diese Erinnerungen zu vergessen. Dennoch hat sie einen Albtraum. „Tschetniks kommen in unser Haus und fordern meine Mutter und meine kleine Schwester auf, die Hände hoch zu nehmen. Dann kommen die Franzosen, und immer wenn sie kommen, wache ich auf“, sagt Linda.

Wie wird es in Lindas Leben weiter gehen? Natürlich hat sie ein Ziel. Amerika. Jeden Tag nach der Schule besucht sie ihre Mutter bei AMG (Advancing The Ministry Of The Gospel). Das ist eine Einrichtung religiöser Amerikaner, die in Mitrovice Waisen und Halbwaisen betreuen. Lindas Mutter putzt bei AMG. Solange sie sauber macht, sitzt ihre Tochter vor dem Fernseher und schaut Filme aus Amerika. Lydia, die Tochter der Direktorin von AMG, setzt sich oft zu ihr. „Sie erzählt mir viel von Amerika. Da ist es gut. Ich will da hin.“ Außerdem hat Linda von Lydia erfahren, dass die Amerikaner sehr sauber seien. Ihre Englischkenntnisse hat sie ebenfalls von ihr.

Linda lügt nicht. Nicht oft jedenfalls. Aber hin und wieder muss es doch sein. Zu ihren Freunden sagt sie: „Ich packe jetzt meine Sachen und gehe nach Amerika.“ Linda stopft dann eine Tüte mit Kleidung voll und verlässt das Haus. Die Freunde schauen ihr hinterher. Mit der Tüte unterm Arm läuft Linda ein paar Meter am Bahndamm entlang, verabschiedet sich bei dem Kfor-Posten mit einem „Good Bye“. Am Ende des Weges angekommen, kehrt sie um. Linda hat die Straße, die sie aus Mitrovice heraus führt, noch nicht entdeckt. Dafür ist sie noch zu jung. „Aber meine Freunde sind immer ganz neidisch, wenn ich fort gehe.“

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