Zeitung Heute : Lindenlife

Leberwurstiges Parfait

Bernd Matthies

Unter den Linden – das ist immer noch ein Boulevard der Träume. Denn die Realität denkt überhaupt nicht daran, sich den Ansprüchen der Hauptstädter an ihre Lieblingsstraße zu fügen. Und so ist dort zwei bis drei Mal im Jahr alles überfüllt, wenn nämlich am Brandenburger Tor gerade gefeiert wird. Sonst herrscht Ruhe gerade am Kernstück zwischen Pariser Platz und Friedrichstraße, kein Wunder, denn die meisten Gebäude dort sind so abweisend wie die Russische Botschaft. Ihr direkt gegenüber liegt das „Lindenlife“, geplant als eine Manifestation der kulinarischen Moderne, das einige mühsame Jahre hinter sich gebracht hat. Küchenchef Rainer Wolter, einst in Hamburg mit einem Michelin-Stern geziert, bot hier stets gut gemachtes Essen zu knapp kalkulierten Preisen; ich habe das Restaurant speziell unter diesem Aspekt häufiger empfohlen.

Doch jahrelanges Kochen mit angezogener Bremse ist nicht gut für die Motivation. Erst verschwanden die asiatischen Akzente, die hier wohl fehl am Platze waren, dann schwenkte die Küche mehr und mehr in die deutsch-bürgerliche Richtung; die Ankündigung eines Gourmet-Angebots im ersten Stock ziert ein Jahr später nur noch die schlecht gepflegte Website des Betriebs. Auch die Servicekräfte lassen nur noch wenig Esprit spüren, keine Spur von „Lindenlife“, sofern man bei Nennung dieses Namens Aufbruchstimmung zu verspüren hofft.

Und wie das so ist: Einmal irritiert, beginnt der Gast am Handwerk zu zweifeln. Sollte das fade, leberwurstige Gänsestopfleberparfait zum kompetent gemachten „Wintersalat“ wirklich eigener Produktion entstammen, dann ist schwer begreiflich, weshalb die Küche sich die Mühe macht. Die deftige, dunkelbraune Fischsuppe traf den mediterranen Geschmackspunkt; sie wäre besser zu essen gewesen, wenn jemand in der Küche die großen Fischstücke enthäutet hätte. Dazu die traditionelle Sauce Rouille und muffige, offenbar schon ziemlich lange herumstehende Croûtons. Keine Einwände hatten wir gegen die zart geschmorte, unter dem Grill knusprig aufgemotzte Entenbrust mit Wirsing, Möhren und (wenig rosmarinigen) Rosmarinkartoffeln sowie gegen den Lachs auf Schwarzwurzeln und Kartoffeln – handwerklich einwandfrei, gut abgeschmeckt und sauber gegart. Wäre da nicht der Anspruch des flotten Namens, der den Gast mehr erwarten lässt als eine einfallslos solide Bürgerküche, die im Ratskeller Neuruppin, beispielsweise, zweifellos hohes Lob verdiente. Bei den Desserts bricht dann plötzlich ungehemmte Kreativität durch, leider ohne allzu große Überzeugungskraft: Zur Panna cotta mit Tonkabohnenaroma gab es einen mit (unangekündigtem) Balsamicoeis streng übertönten Orangensalat, und das geeiste Tiramisu - mit ausgelagertem Mokkaschaum - lag auf Ananas-Stücken, denen ein seltsam blümerantes Fremdaroma jeden Eigengeschmack ausgetrieben hatte. (Hauptgerichte um 15, Desserts um 7 Euro).

Auch das flotte Weinkonzept stagniert seit dem Start. Es gibt hier bekanntlich ausschließlich Weine aus Rheinland-Pfalz, durchweg von guten bis sehr guten Winzern, und zwar für einen fixen Aufschlag auf den Einstandspreis. So kommt etwa ein sehr schöner Grauburgunder von Christmann (Pfalz) auf 21,60 Euro, was sehr günstig ist. Doch das Angebot, um die 60 Weine insgesamt, wird nicht gepflegt, vieles ist ausgetrunken; offenbar ist kein kompetenter Sommelier im Haus. Und so stellt der erwartungsfrohe Gast frustriert fest, dass von mehreren Spitzen-Weingütern (Klaus Keller, Wittmann) nur die Basis-Qualitäten verfügbar sind, wo doch hier gerade die Top-Weine erschwinglich wären. Trotz weitgehender Leere mussten wir uns den Wein einmal selbst aus dem Kühler holen und nachschenken, was der Kellner hinterher mit dem eigenartigen (und hoffentlich selbstkritisch gemeinten) Satz „Na, wie sieht’n dit aus?“ quittierte. Sehnse: Dit is Lindenlife. Wir hatten es viel besser in Erinnerung.

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