Zeitung Heute : Linke und rechte Reflexe

Von Harald Martenstein

Schon heute oder morgen kann es in Deutschland passieren, dass Neonazis einen sogenannten Migranten zu Tode hetzen, vielleicht sogar in der Münchner U-Bahn. Gewalt gegen Deutsche, Gewalt gegen Ausländer, da kann man nichts gegeneinander aufrechnen. Das muss man beides sehen. Wenn man sich aber beides ansieht, erkennt man schnell, dass es sich in beiden Fällen um ungebildete, chancenlose, gedemütigte junge Männer handelt. Das entschuldigt natürlich nichts.

Ich habe eine Frage an die Leute, die liberal denken, wie ich. Sie betrifft den alten Lehrer, der kürzlich in der Münchner U-Bahn von zwei jungen Migranten krankenhausreif geschlagen worden ist. Bekanntlich hat der CDU-Politiker Koch aus diesem Anlass ein härteres Jugendstrafrecht gefordert. SPD, FDP und Grüne werfen ihm, wahrscheinlich zu Recht, Populismus vor.

Wenn aber Kochs Rezept falsch ist – welches Rezept ist dann das richtige? Wie lautet die Alternative zu Koch? Das würde ich gerne einmal gesagt bekommen. Aus der SPD-Ecke höre ich zur Jugendgewalt eigentlich immer nur zwei Argumente. Erstes Argument: Wir müssen den jungen Migranten bessere Chancen verschaffen, der Staat muss sich darum kümmern, dass sie in der Schule Deutsch lernen und später einen Beruf. Sicher. Fast niemand bestreitet dies. Die Fehler der Vergangenheit dürfen sich bei den heute Drei- oder Fünfjährigen nicht wiederholen. Bei den U-Bahn-Prüglern handelt es sich aber um 20-Jährige, die kann man nicht in die Grundschule zurückschicken. Auf ein Problem von jungen Männern antworten die SPD und SPD-nahe Experten, indem sie uns erklären, wie wir Fünfjährige behandeln sollten.

Zweites Argument: Wir bilden uns das alles nur ein. Es gibt überhaupt kein Anwachsen der Jugendgewalt, es gibt keine Lost Generation von jungen, knallharten Männern, es gibt nur Einzelfälle. Wenn also mein Sohn sagt, dass die Gegend ums Kottbusser Tor für deutsche, nichtmigrantische Jugendliche zu gewissen Zeiten gefährlich ist, hat er Halluzinationen. Wenn ich behaupte, dass die Hasenheide nachts eine No-Go-Area ist, leide ich an einer Geisteskrankheit. Falls dies wirklich so ist, möchte ich von der SPD wissen, wie ich diese lästige Krankheit wieder wegbekomme.

Wenn irgendein Problem auftaucht, fordern die Konservativen immer härtere Strafen. Das ist bei ihnen wie ein Reflex. Ob das hilft, weiß ich auch nicht. Wie sieht eigentlich der linke Gegenreflex aus? Nach einer Weile ist es mir eingefallen. Ja, klar, natürlich! Die Reaktion der SPD und der Grünen auf das Problem Jugendgewalt könnte darin bestehen, dass man das Recht von Rentnern, in der U-Bahn nicht zusammengeschlagen zu werden, als Verfassungsziel in das Grundgesetz schreibt. Dies wäre klassische sozialdemokratische Politik.

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