Zeitung Heute : Linux: Neues Fundament für freies Betriebssystem

Peter Zschunke

Alan Cox, Ingo Molnar und Leonard Zubkoff haben es geschafft: Die drei Programmierer stehen stellvertretend für zahllose freie Entwickler, die in langwieriger gemeinschaftlicher Arbeit über das Internet ein neues Fundament für das freie Betriebssystem Linux gelegt haben. Der jetzt von Linux-Erfinder Linus Torvalds freigegebene Kernel 2.4 soll noch mehr Leistung bringen und dem System auch in der Klasse der Hochleistungsrechner zum Einzug verhelfen. Damit tritt Linux verstärkt in Konkurrenz zu Windows 2000 von Microsoft.

"Seit zu vielen Monaten gespannt erwartet, bringt 2.4.0 viele Verbesserungen, die dem erschöpften Release-Manager gerade nicht einfallen", schrieb Torvalds am 4. Januar in einem launigen Beitrag für eine Linux-Newsgroup. Als junger Student der Universität Helsinki begann Torvalds vor zehn Jahren mit der Arbeit an Linux. Er wollte für sich selbst und seinen 386er Computer ein Betriebssystem programmieren, das so stabil laufen sollte wie das auf den Großrechnern der Universität eingesetzte Unix. Bald gesellten sich Gleichgesinnte dazu, und 1994 wurde der Kernel 1.0 bereitgestellt - kostenlos und in jeder Programmzeile des Quellcodes offen gelegt, damit alle zur Verbesserung der Software beitragen konnten.

Der Kernel 2.4 löst das vor zwei Jahren fertig gestellte Linux 2.2 ab. In der Zwischenzeit bastelten die Linux-Hacker am Kernel 2.3 herum, der wie alle Versionen mit ungerader Zahl hinter dem Punkt als Entwicklerversion gilt und nicht für den Dauereinsatz gedacht ist.

Auch wenn sich Torvalds nicht mehr so recht an die Verbesserungen im Einzelnen erinnern mag - die Neuerungen des überarbeiteten Betriebssystemkerns werden seit langem erwartet. Dazu gehört vor allem die umfassende Unterstützung der USB-Schnittstelle für eine beschleunigte Datenübertragung zwischen PC und Zusatzgeräten wie Drucker oder einer digitalen Kamera. Verbessert wurde auch die automatische Erkennung von Geräten mit "Plug and Play". Im kommerziellen Einsatz wird die Leistungsfähigkeit nach oben getrieben: So sollen sich mit dem neuen Kernel 4,2 Milliarden Nutzer gleichzeitig mit einem Linux-System verbinden können - das entspricht schon fast der Gesamtbevölkerung der Erde. Dazu werkelt Linux 2.4 nun auch besser als bisher in Großrechnern mit mehreren Prozessoren und kann einen Arbeitsspeicher bis zu 64 Gigabyte ansprechen. Das neue Linux läuft auch auf Rechnerboliden wie Itanium-Servern oder Geräten der IBM-Serie S/390 und unterstützt den neuen Pentium-4.

Der neue Kernel kann im Internet heruntergeladen werden; die Datei umfasst komprimiert etwa 24 Megabytes. Wegen starken Andrangs kam es zu Problemen, das Programm abzurufen. Für die meisten Linux-Anwender empfiehlt es sich aber, das neue System zusammen mit einer der demnächst erscheinenden Distributionen zu installieren. Bereits im Februar soll die neue Version SuSE Linux 7.1 mit Kernel 2.4 erscheinen; auch das von erfahrenen Anwender geschätzte Debian-Paket wird schon bald mit dem neuen Systemkern verfügbar sein.

Auch der Linux-Kernel 2.4 enthält sicherlich noch einige Probleme. Aber schon hat die Arbeit an der Version 2.4.1 begonnen. Die Entwicklung von Linux und anderer freier Software kommt halt doch flotter voran, als es einem kommerziellen Unternehmen möglich ist. "Auf jeden Fall, habt Spaß damit", schrieb Torvalds in seinem Beitrag zur Freigabe des neuen Kernels. "Und macht euch nicht die Mühe, mir in den nächsten Tagen irgendwelche Fehler zu melden. Ich würde mich sowieso nicht darum kümmern. Linus."

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