Zeitung Heute : Listen des Überlebens

Sie wohnen in der Schule. Sie sammeln, was die Welle übrig ließ, und schreiben auf, wer von ihnen noch da ist. Wie man in einem Ort in Sri Lanka versucht, Herr über das Chaos zu werden

Ingrid Müller[Kalutara]

Jetzt ist auch noch der Grill weg. Den hatte Micel Justin nach dem Tsunami noch retten können. Der Grill stand vor dem, was einmal sein Haus war, an einem Trampelpfad zum Strand in Kalutara. „Die Mafia“, flüstert der untersetzte Mann lächelnd. Irgendjemand hat das einzige Stück gestohlen, das von dem kleinen Restaurant in dem Ort 40 Kilometer südlich von Sri Lankas Hauptstadt Colombo übrig geblieben ist.

Immerhin stehen die Hauswände noch. Auf dem Vordach des Gebäudes liegen ein Wäscheständer und ein Kochtopf aus Ton, braune Streifen an den ehemals weißen Wänden markieren, wo die Riesenwelle sich durchgefressen hat. Nun versuchen er und seine Frau, tagsüber ein paar Habseligkeiten vor der Tür zu trocknen und drinnen alles wieder zu reinigen. Vor der Tür sind die Schulhefte und -bücher des Neffen Nirmal auf einem Mäuerchen ausgebreitet, dort steht ein kleines aufgequollenes Sideboard, drinnen hängen an den modrig riechenden Wänden schon wieder ein paar Bilder.

Die Familie hatte mit Geschwistern, Onkeln, Tanten und Großvätern 110 Mitglieder, 15 von ihnen sind nun tot. Was mag in dem Mann vorgehen, der all das ununterbrochen lächelnd erzählt?

Am Strand vor dem Haus hat noch niemand begonnen aufzuräumen. Manche wollen auch gar nicht mehr, wie der 57-jährige Alexander Silva und der 68 Jahre alte Lukas Kurei. Sie haben ein Radio vor den Fluten gerettet. Mit dem haben sich die zahnlosen Männer mitten in das Chaos am Strand gesetzt. Sie hören die Cricketmeisterschaften und starren hinaus aufs Meer. Micel will möglichst bald in sein Haus zurück, seit dem Tsunami isst und schläft er in der Schule. Das tun mehr als 200 Menschen aus dem Viertel, das hinter der Sebastian Church liegt. Es ist eines der 59 Camps für die Tsunami-Opfer im Distrikt.

Auch in der Kirche haben über 300 Menschen Zuflucht gesucht. Tagsüber sind fast alle unterwegs, um aufzuräumen, nur die Kinder mit ihren Müttern bleiben zurück und ein paar ältere Frauen liegen erschöpft auf den Kirchenbänken. Sie werden von der Airforce betreut. Vor wenigen Tagen hing hier noch ein Schild mit der Aufschrift „Wir haben noch keine Hilfe bekommen“.

„Die Menschen haben das Militär um Hilfe gebeten, die Armee schafft es nicht, also sind wir von der Airforce gekommen, die Organisation hat nicht geklappt“, sagt der Kommandeur Rohan Perera. Sie kamen am 7. Januar und kümmern sich um die Verwaltung. „Nur einer ist bewaffnet“, berichtet Perera voller Stolz über seine Mannschaft – sechs Mann und eine Frau. Vier von ihnen sitzen an diesem Nachmittag unter einem Baum im Schatten und schreiben Listen. Wasser haben sie genug, aber das Essen reiche nicht mehr lange, sagt Perera. Listen sind hier allgegenwärtig. Eine große schwarze Tafel vor der Kirche zum Beispiel listet die Bewohner auf. 85 Familien, 156 Männer, 170 Frauen, fünf Kinder unter einem Jahr, sechs unter drei, vier Schwangere. Es ist ein bisschen so, als könnten die Listen Ordnung in die Unordnung bringen, die direkt hinter der Kirche beginnt.

Gestern wurde die Zahl der Toten in Sri Lanka noch einmal um 7200 auf 38195 nach oben korrigiert. Im Distrikt Kalutara wurden mehr als 24 000 Menschen Opfer der Riesenwelle, 220 starben.

Auch der Sekretär des Distrikts hat jede Menge Listen. Jayalath Dissanayake verwaltet die Katastrophe mit vier Telefonen und zwei Handys, hinter sich einen weiß gestrichenen Safe mit dickem Messingwappen. Wie viele Einwohner sein Distrikt hat, kann er nicht sagen. Er weiß aber genau, dass es keine Menschen in der Kirche gibt, die nicht mehr viel zu essen haben. Das kann nicht stimmen. Der Regierungsvertreter gähnt und wendet sich wieder dem Stapel Papier vor sich zu. Gelangweilt zeichnet er die gestempelten Blätter ab. Zwischendurch klopft er auf den Hörer eines Telefons, damit ihm eine Mitarbeiterin aus dem Nachbarraum eine Verbindung macht. Im Hof sitzen rund 20 Männer und warten stundenlang – wohl auf Anweisungen des Chefs.

Im Tsunami-Camp in der Schule kümmern sich unterdessen drei Frauen um die Menschen, die hier Unterschlupf gefunden haben. Sujatta Senaratne, Chefin des einzigen Kinderkrankenhauses der Insel in Colombo, und ihre Freundinnen touren nach der Arbeit durch die Camps des Distrikts. Sie bringen Unterwäsche für die Frauen und Mädchen. „Sie brauchen sie, aber sie sind zu schüchtern, um danach zu fragen“, sagt Sujatta Senaratne, während sie weiße und schwarze Hemden und Unterhosen verteilen. Nachmittags um fünf starten sie jeden Tag, 23 Camps haben die drei Frauen schon besucht. „Mit Wahlkampf hat das nichts zu tun“, sagt die Ärztin, die mit dem Parlamentsabgeordneten Rajitha Senaratne verheiratet ist, ungefragt. Ihr Mann ist Mitglied der Oppositionspartei. Eine ihrer beiden Freundinnen ist die Schwester des Oppositionsführers. Die Kinder jedenfalls freuen sich, wie die elfjährige Odene in ihrem rosa Kleidchen mit Pailettenoberteil, das sie gestern bekommen hat. So ein schönes hatte sie noch nie.

Ein paar hundert Meter entfernt scheint das Leben weiterzugehen wie vor der Katastrophe. Auf der Hauptstraße sind alle Geschäfte geöffnet, der Verkehr tost wie eh und je. Die Familie von Anula Perera – Perera ist ein häufiger Name hier – hat gerade in Wadduwa die Hochzeit der Tochter gefeiert. 250 Gäste sind ins Villa Ocean View Hotel gekommen. „Es war so schön“, strahlt die Mutter. Ihre Familie hat niemanden in der Flut verloren. Sie hat in 18 Jahren als Hotelangestellte mehr als 500 Hochzeiten für Gäste organisiert. Da sollte die der eigenen Tochter nicht ausfallen. Auch nicht nach dem Tsunami. Im Juli wird die 28-Jährige für ein Aufbaustudium nach Kanada gehen. Da sollten die Verhältnisse vorher geregelt sein.

Auch im Royal Palms Beach Hotel im nördlichen Teil des kleinen Ortes geht das Leben schon fast wieder seinen normalen Gang. Dort hat die Riesenwelle nur 20 Zimmer im Erdgeschoss überflutet, die meisten davon sind schon wieder hergerichtet. Im Garten zeugen nur noch ein paar zerfetzte Palmen von der Katastrophe. Aber auch einige Angestellte des Hotels haben ihre Häuser verloren und leben in einem der Camps. Die fest Angestellten haben immerhin ihre Arbeit behalten, das Hotel hatte nicht einen Tag geschlossen. In der Lobby warten Mitarbeiter in weißen Uniformen mit Goldkordeln und die Empfangsdame Shereen Wijethunga im grün-goldenen Sari auf Gäste. Zurzeit beherbergt das Hotel ein älteres Paar aus England und 14 russische Gäste, normalerweise sind die 124 Zimmer des Hotels im Januar ausgebucht. „Die Agenten der Reisebüros waren schon da, um zu schauen, ob alles aufgeräumt ist“, sagt Frau Wijethunga. Sie hofft, dass die Urlauber bald wiederkommen.

Auf die hofft auch Micel Justin. Er hat sich gerne mit seinen Gästen am Strand unterhalten. Ihre Fotos und Danksagungen, die er in einem kleinen schwarzen Taschenkalender von 1991 zusammengetragen hat, sind mit dem Tsunami verschwunden.

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