Zeitung Heute : Literarisches Leben: Die Raserey im Schwarzwald

Helmut Böttiger

Von Winterhalter wird erzählt, dass er sich einmal nicht nur einfach auf seinen Nachtspeicherofen gesetzt habe - denn das machte er ohnehin immer, und seine dünnen Beine wippten dann nervös um das blecherne Kachel-Imitat - nein, einmal habe er sich ganz auf den Ofen gestellt und von der Zimmerdecke herab Verse deklamiert. Offenkundig tat er das, weil er von der Schattenseite kam. Er hieß Winterhalter, weil seine Vorfahren immer nur die sonnenabgewandte Seite des Hangs bewirtschaften durften, während die drüben auf der Sonnenseite nicht etwa "Sommerhalter" hießen, sondern ganz andere Namen hatten; die Sommerseite hielten sie eh für selbstverständlich. "Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht!, zitierte Winterhalter von der Zimmerdecke herab - das waren nicht nur einfach Verse.

Schon früh hatte Winterhalter die Angewohnheit, die Schwarzwaldhänge - denn um diese handelte es sich - wie wild hinauf- und herunterzurennen, und er scheute dabei keine Umwege, er suchte sie geradezu versessen auf. Erst abseits der ausgewiesenen Wege schien er zu sich zu kommen. Wer mit Winterhalter unterwegs war, wusste, dass es jedes Mal einen Moment gab, der grundsätzlich alles in Frage stellte. Zunächst schienen die Wege überschaubar - aber genau dann, wenn der Begleiter arglos geworden war, gab es einen kleinen, unauffälligen Ausfallschritt, und Winterhalter schlug einen kaum erkennbaren Seitenpfad ein, der sich schnell in einem undurchdringlichen Dickicht verlor. "Raserey", nannte er das, gedacht mit diesem y aus der Zeit der Aufklärung, und dann hörte man nichts mehr von ihm.

Winterhalter soll auf irgendeiner Dorfschule im Süddeutschen gelandet sein, Erdkunde oder Grammatik oder Sprachkunde unterrichten und dort sein Glück gemacht haben. Und auch die Verse auf dem Nachtspeicherofen sind so gut wie vergessen. Den Lyriker, von dem sie hauptsächlich stammten, kennt heute kaum noch jemand, er heißt Günter Eich.

Dies war das Geheimnis. Denn Eich kam aus einer ganz anderen Gegend, nicht aus dem schroffen Berg- und Tal-Gegensatz, der sich in Winterhalters Seele abgebildet hatte, sondern aus dem elegischen Flachland des deutsch-polnischen Odergebiets. Dass sich hier ein Gleichklang ergeben konnte, war nicht vorauszusehen gewesen, hier bewegte sich die Literatur auf ihrem ureigenen Gebiet und ließ sich nicht vermessen. In Eichs immer schütterer werdenden Gedichten, in seinen kurzen, scharfkantigen Prosastücken, die er "Maulwürfe" nannte, ist genau jene Ästhetik konzentriert, die Winterhalters frühes Leben ausmachte: der Nachtspeicherofen, der eigentlich nie heizte, aber unübersehbar da war, die Winterseite, das abrupte Abweichen vom Weg, das Jähe, die Raserey mit y. Eich war unberechenbar, er schaute mit ziemlicher Distanz auf alles, wo die Sonne zu auffällig hinschien, und seine Gedichte waren gezeichnet von unscheinbaren Ausfallschritten in verschwindende Nebensätze. Einige Zeilen waren wie Sinnsprüche: "Ich ziehe vor, Salatblätter auf ein Sandwich zu legen und unrecht zu behalten" oder "Laß dieses ohne Zeit / unangetastet / von Verstehen" oder "Statt Sekundärliteratur bin ich krank".

Bei Suhrkamp gibt es immer noch eine vierbändige Gesamtausgabe. Und hin und wieder stößt man, an entlegener Stelle, aber doch auffindbar, auf etwas, das weiterwirkt. Erst neulich war eine Ausstellung in Potsdam, und das Ausstellungsbuch ist im Berliner Lukas-Verlag erhältlich - vieles ist darin enthalten, sich entziehende Schwarzweißfotografien, kleine biografische Skizzen, die man gerne mit Winterhalter vergleichen möchte, obwohl man weiß, dass man nie damit zurande kommt. Der Katalog heißt: "Günter Eich - Nach dem Ende der Biographie". Das trifft ziemlich genau den Kern. Eich hat vieles vorausgeahnt. Eines seiner Schlüsselwörter heißt "Einverständnis", und es bedeutet das Schlimmste.

Wenn die Biografie langsam unkenntlich wird - "den Abend möchte ich in der grünen Dämmerung des Weins verbringen" - werden die Fragen immer offener, und es sind die Fragen, die von der Literatur immer gestellt werden, auch wenn sie manchmal schwer verständlich sind. Günter Eich hat auch noch kurz vor seinem Tod, in einem abseitigen Kleinverlag, eine Raserey veröffentlicht: "Nach Seumes Papieren". Wir werden mit Winterhalter weiter wandern.

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