Zeitung Heute : Literatur muß sich mit Zeitgeschichte beschäftigen

KATRIN HILLGRUBER

Der Schriftsteller Mario Vargas Llosa zu Gast beim Autorenkreis der BundesrepublikKATRIN HILLGRUBER"Glücklich und überrascht" zeigte sich Mario Vargas Llosa über die Tatsache, daß er beim Autorenkreis der Bundesrepublik eine knapp vierstündige Verteidigungsrede für den Neoliberalismus halten durfte, ohne Widerspruch zu ernten.Doch wer aus dieser Runde von Karl Corino, Richard Herzinger bis Ulrich Schacht hätte dem peruanischen Romancier und Politiker im unfreiwilligen Ruhestand - 1990 unterlag er als Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Front gegen Alberto Fujimori und verließ das Land - schon ernsthaft widersprechen wollen."Scharf hinter Schacht" übrigens, dem erzkonservativen Redakteur der "Welt am Sonntag", zieht Joachim Walther als Vorsitzender des Autorenkreises die Grenze nach rechts für seinen Verband.Selbstverständlich sei man überparteilich, aber die meisten Angebote zur Kooperation kämen nun mal vom Bildungswerk der Konrad-Adenauer-Stiftung; was soll man da machen. Vargas Llosa wirkte an diesem Nachmittag im treppab gelegenen Tagungsraum eines Hotels in Pankow wie ein Besucher von einem fremden Stern.Der Auftritt hatte in seiner Brillanz etwas galaktisch Entrücktes.In völlig freier Rede, von Bärbel Diehlmann hervorragend gedolmetscht, zeichnete der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels von 1996 seinen Sinneswandel vom linken Idealisten zum wirtschaftsliberalen Pragmatiker nach.Mit Anfang zwanzig kam Vargas Llosa als Promotionsstipendiat nach Madrid und Paris, und erst hier in Europa will er zu seinem Bewußtsein als Lateinamerikaner gefunden haben: "Ich erkannte, daß Südamerika nicht nur Diktatoren, sondern auch gute Schriftsteller hervorgebracht hat." Mitte der sechziger Jahre kamen ihm, der die kubanische Revolution wie viele Intellektuelle als pluralistisch und fleckenlos idealisiert hatte, die ersten Zweifel an Fidel Castros Politik. Sogenannte Asoziale, zu denen neben Kriminellen auch homosexuelle Künstler zählten, wurden in Lagern interniert und mußten in der Landwirtschaft arbeiten, um ihnen die städtische Sittenlosigkeit auszutreiben.Als dann nach der Niederschlagung des Prager Frühlings zahlreiche Schriftsteller schwiegen, um dem ideologischen Feind nicht in die Hände zu spielen, veröffentlichte Vargas Llosa einen Artikel zum Thema "Der Sozialismus und die Panzer".Der offene Bruch mit seinen bisherigen Überzeugungen habe ihn zur Zielscheibe für ehemalige Verbündete werden lassen, ihm aber zugleich eine ungeahnte Unabhängigkeit und Gedankenfreiheit beschert, sagte der heute 61jährige. Die Vermischung von Politik und Leben, das Amalgam aus Erfindung und eigener Biographie, das sich bis in Romane wie den wohl populärsten, "Tante Julia und der Lohnschreiber", verfolgen läßt, haben aus Mario Vargas Llosa einen Autor mit Balzacschem Totalitätsanspruch gemacht.In "Tod in den Anden" von 1994 reflektierte er mit kaum verhüllter Bitterkeit seine politische Niederlage.Der zuletzt erschienene erotische Roman "Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto" führte ihn zu gewohnten erzählerischen Höhen zurück. Doch um Literatur ging es ihm kaum bei diesem Vortrag, eher um eine Verlagerung des Individualismus vom künstlerischen zum gesellschaftlichen Prinzip.Der Einflußnahme von Religion und Militär begegnet er höchst skeptisch, vor allem angesichts des Staatsstreichs in Peru von 1992.Seitdem solle Präsident Fujimori als zivile Figur nur noch den Anschein von Legalität erwecken.Andererseits lehnt Vargas Llosa ebenso entschieden das europäische Modell der sozialen Marktwirtschaft ab.Dadurch geriet in seine unbedingte Verteidigung des Spiels der freien Kräfte ein durchaus irrationales Element, betrachtet man die sozialen Verhältnisse in Südamerika. Großen Anklang fand der weltläufige Stargast des Autorenkreises mit seiner Einschätzung der Intellektuellen und ihrer schwindenden Rolle in der demokratischen Gesellschaft.Sie dürften sich nicht länger als Wegweiser begreifen und müßten lernen, die Mittelmäßigkeit als Bestandteil, wenn nicht gar als Wesen der Demokratie zu akzeptieren, meinte Mario Vargas Llosa.Als einstiger Sartre-Anhänger gibt er inzwischen dem humanen Moralisten Albert Camus recht, wenn er nicht gerade Karl Popper oder andere Wirtschaftstheoretiker studiert.Wie das alles für ihn persönlich zusammenpaßt und zu einem kongruenten Gedankengebäude wird, stellte er in seiner Autobiographie "Der Fisch im Wasser" dar.Eine Überzeugung ist ihm durch alle Wandlungen hindurch geblieben: "Die Literatur muß sich mit der Zeitgeschichte beschäftigen, sie darf sich nicht von der erlebten Gegenwart abwenden." 

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