Literatur-Wiederentdeckung : Der frühe Tod des Georg Heym

Er schreibt Gedichte und Dramen, er will Ruhm, er fällt auf in der Szene der Expressionisten. Georg Heym fantasiert von Revolution und träumt vom Ertrinken – 1912 stirbt er in der Havel.

Gunnar Decker
Mit Bekannten spazierte Georg Heym (rechts) 1911 durch den Grunewald.
Mit Bekannten spazierte Georg Heym (rechts) 1911 durch den Grunewald.Foto: Verlag für Berlin-Brandenburg

Am 16. Januar 1912 werden am frühen Morgen minus 14 Grad Celsius gemessen. Es weht ein mäßiger Ostwind. Daran, dass auf Wannsee und Havel das Eis dick genug ist, um Schlittschuh laufen zu können, zweifelt niemand. Das Wetter ist klar – ideale Bedingungen für Georg Heym und seinen Freund Ernst Balcke, als sie mit der S-Bahn von Charlottenburg nach Pichelsberge fahren. Der 24-jährige Heym trägt ausgeliehene Rennschlittschuhe mit sich. Bei der Dampferanlegestelle Schildhorn betreten sie das Eis, mittags erreichen sie die Insel Lindwerder und rasten in einer Gaststätte. Im Nachhinein wird man rekonstruieren, was geschah, kurz nachdem sie gegen 14 Uhr wieder aufs Eis gingen und in Richtung Schwanenwerder liefen. Ernst Balcke muss in Höhe der Holzablage Breitehorn bei voller Fahrt in ein Loch gestürzt sein, das Fischer ins Eis geschlagen hatten. Heym versucht ihn zu retten, fällt hinterher.

Später bestätigen Waldarbeiter, die am Ufer gearbeitet hatten, aus einigen hundert Meter Entfernung etwa eine halbe Stunde lang Hilferufe gehört zu haben. Dann sei es still geworden. Warum sie nicht geholfen hätten? Weil keiner von ihnen aufs Eis gehen wollte.

Das „Berliner Tageblatt“ meldet am 19. Januar: „Der ertrunkene Referendar Dr. Georg Heym war auch literarisch hervorgetreten, er hatte vor einiger Zeit einen Band Gedichte ,Das ewige Leben‘ veröffentlicht, die Spuren einer schönen Begabung zeigten.“ Nein, um ewiges Leben ging es in „Der ewige Tag“, wie der Band tatsächlich heißt, nun gerade nicht. Einen „Monomanen des Todes“ nennt der Freund und Mitdichter Erwin Loewenson ihn, einen, der gerade darin gleichzeitig das Leben selbst repräsentierte: „Sein Blut abenteuerte sich durch diese Hindernis-Welt..., eine Rauf-Natur, in orphischer Trunkenheit: er packte so zu, daß aller Raum sich verkürzte, daß die Umständlichkeit unserer gewohnten Abwicklung plötzlich als unfreiwilliger Witz dastand.“

Nach einem wie ihm, so scheint es, verlangt das beginnende 20. Jahrhundert, zumal in Berlin, diesem Moloch mit eben noch undenkbaren Aufstiegsmöglichkeiten und Absturzrisiken. Hier existiert alles dicht nebeneinander, bürgerliches Leben und proletarisches Überleben. Es klingt wie ein unter den Bedingungen der Großstadt wiedergeborener Barock, was Georg Heym im Dezember 1911 schreibt: „Meine Seele ist eine Schlange,/ Die ist schon lange tot, / Nur manchmal in Herbstesmorgen, / Entblättertem Abendrot / Wachse ich steil aus dem Fenster, / Wo fallende Sterne sind, / Über den Blumen und Kressen / Meine Stirne spiegelt / Im stöhnenden Nächte-Wind.“

Georg Heym wird zum Chronisten dessen, was Hegel das „unglückliche Bewusstsein“ nannte. Die Angst vor dem, was kommen wird, vertreibt man sich in den neuen Clubs und Kabaretts der Stadt, bevorzugt im Café des Westens, treffender „Café Größenwahn“ genannt. Expressionismus ist wie Pfeifen im dunklen Wald – sehr grell, sehr schrill. Heyms „Verfluchung der Städte“ wird so zur explosiven Liebeserklärung an die urbane Existenz, in der uralte mythische Bilder auferstehen: „Ihr seid verflucht. Doch eure Süße blüht / wie eines herben Kusses dunkle Frucht, / Wenn Abend warm um eure Häuser sprüht, / Und weit hinab der langen Gassen Flucht.“

Die Vorspiele zu einem derartigen Pathos sind regelmäßig banal: überreizter Alltag, der Heym anekelt. So entsorgt er, bürgerlich Kammergerichtsreferendar am Amtsgericht Lichterfelde, eine Grundbuchakte, die ihn nervt, im Klo, das prompt verstopft. So einen Skandal gab es hier noch nie! Als Paul Raabe fast ein halbes Jahrhundert später den Nachlass Heyms für das Marbacher Literaturarchiv sichtete, kam er auch in diese gegen alle Zeitenwechsel resistente Behörde, in der immer noch die Empörung über den unerhörten Vorgang nachzitterte.

Aus Sicht der literarischen Moderne, die als Expressionismus in den Jahren 1910 bis 1912 in Berlin mit einem unüberhörbaren Schrei zur Welt kommt, ist Heym ein genialisch unbedarftes Sonntagskind. Ein derber Klotz mit zarter Seele, hysterischer Barrikadenkämpfer in der Fantasie, von Zukunftsvisionen kaum emporgerissen und schon zu Boden geschleudert: Alles, was er zu Papier bringt, klingt bereits wie ein Nachruf auf seine eigene übersteigerte Zukunftserwartung. So auch seine Revolutionsgedichte auf 1789. Da heißt es in „Bastille“: „Mit einem Wutschrei ist Paris erwacht.“ In „Danton“: „Er weint vor Wut.“ Und mit „Louis Capet“ endet ein Zeitalter: „Man schleift ihn schnell herauf. Er wird gestreckt. / Der Kopf liegt auf dem Block. Das Fallbeil saust. / Blut speit sein Hals, der fest im Loche steckt.“ Beginnt so das Neue? Ja, aber wiederum im Blut derer, die jene neue Zeit verhießen. So blickt der gerade einmal 22-jährige Dichter auf den zum Schafott gebrachten Robespierre: „Die aschengraue Stirn wird schweißbetaut. / Der Mund verzerrt sich furchtbar im Gesicht. Man harrt des Schreis. Doch hört man keinen Laut.“ Das erhitzte Volk ist in seinen Augen ein wildes Tier; lasst es frei und schaut, wen es als ersten zerreißt.

Der im schlesischen Hirschberg Geborene, im Neuruppiner Schulexil („Klein- Sibirien“) in wilhelminische Normen gezwungen, wird an die Küste Berlins gespült wie ein Schiffbrüchiger. In dieser Stadt, die aus lauter Geschwindigkeit und elektrischer Überhelle gemacht scheint, stößt er 1910 zu dem „Neuen Club“, einem Kreis Gleichgesinnter, der das „Neopathetische Cabaret“ veranstaltet. Man trifft sich, debattiert, präsentiert Selbstgeschriebenes. Diese Abende sind Mittelpunkte der neuen literarischen Szene Berlins. Den Rahmen bilden zunächst Nietzsche-Texte über Rausch und Kunst, Else Lasker-Schüler liest Prosa, unter den Zuhörern sind Karl Kraus und Gottfried Benn.

Am 6. Juli 1910 trägt dort erstmals Georg Heym seine Gedichte vor, im „Papierhaus“ in der Dessauer Straße. Am nächsten Tag erscheint im „Berliner Tageblatt“ ein Bericht: „Das Zauberwort ,Aufmachung‘ verstehen auch die wildesten Lyriker unserer Zeit. Die Haare sind kurz und die Fräcke tadellos geschnitten, und ebenso wohlgekleidet sind die Verse. Es ist fürchterlich, wie hoch unser literarisches Niveau geworden ist... Und dann der erste Lyriker (ich habe ihm heilig schwören müssen, seinen Namen zu erwähnen; also er heißt Georg Heym; sein Nachruhm sei hiermit begründet)... Seine Reime sind erlesen, und in jedem neuen Vers hat er ein neues dichterisches Bild mit klangvollen Worten.“

Dabei fühlt sich Heym vor allem als Dramatiker. Er hat nur einen großen Traum: seine Stücke gespielt zu sehen. Aber dazu kommt es nicht. Ganze 20 dramatische Versuche produziert er von 1905 bis 1911. Nur drei von ihnen werden vollendet. In der Werksausgabe nehmen diese dramatischen Texte 700 Seiten ein.

Der Tod trifft den Autor mit der Genauigkeit einer wohlüberlegten Pointe. Denn Monate zuvor hat er einen Traum, dessen visionärer Gehalt noch heute irritiert – er sieht sich ertrinken: „Ich stand an einem großen See, der ganz mit einer Art Steinplatten bedeckt war. Es schien mir eine Art gefrorenen Wassers zu sein... Ich wagte einige Schritte, und die Platten hielten. Ich fühlte, daß sie sehr dünn waren; wenn ich eine betrat, so schwankte sie hin und her. Ich war eine ganze Weile gegangen, da begegnete mir eine Frau, die meinte, ich sollte umkehren, die Platten würden nun bald brüchig. Doch ich ging weiter. Plötzlich fühlte ich, wie die Platten unter mir schwanden, aber ich fiel nicht. Ich ging noch eine Weile auf dem Wasser weiter. Da kam mir der Gedanke, ich möchte fallen können. In diesem Augenblick versank ich auch schon in ein grünes schlammiges, schlingpflanzenreiches Wasser.“

Welch ein brachliegender Enthusiasmus sei in ihm, stöhnt Heym, er werde daran noch ersticken. „Denn ich bedarf gewaltiger äußerer Emotionen, um glücklich zu sein. Ich sehe mich in meinen wachen Phantasien immer als einen Danton, oder einen Mann auf der Barrikade, ohne meine Jacobinermütze kann ich mich eigentlich gar nicht denken. Ich hoffe jetzt wenigstens auf Krieg.“ Es ist der Hunger nach einer Tat, die mehr als nur den bewegt, der sie unternimmt. Die Abwesenheit eines geschichtlich bedeutsamen Geschehens bekommt etwas Drängendes. Doch die Geschichte endet für ihn immer im apokalyptischen Bild des großen Krieges, der ein makabres Schauspiel ist, absurder Totentanz eines Zeitalters! Das Gedicht „Der Krieg“, geschrieben im September 1911, drei Jahre, bevor der wirkliche ausbricht, klingt wie eine bittere Bestandsaufnahme, nach der Katastrophe. „Auferstanden ist er, welcher lange schlief, / Auferstanden unten aus Gewölben tief. / In der Dämmerung steht er, groß und unbekannt, und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand. / ...Eine große Stadt versank im gelben Rauch, / warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch. / Aber riesig über glühenden Trümmern steht, / Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht.“

Am 15. September 1911 notiert Heym in sein Tagebuch einen Satz von Baudelaire: „Der gesunde Verstand sagt uns, daß die Dinge der Erde nur sehr wenig Realität besitzen, und daß es wahre Wirklichkeit nur in den Träumen gibt.“ Doch wer hält solche Träume aus?

Das Dämonische tritt in der Gestalt eines Sachbearbeiters auf, der Henker als Bürovorsteher: Das ist die moderne Hölle, wie sie dann etwa in den 1990er Jahren die britische Dramatikerin Sarah Kane in ihren Folter- und Zerstörungsstücken zeigen wird – ein Exzess, gemacht aus lauter Sachlichkeiten. Ein Foltertraum: „Mir und dem dritten Gefährten sollte ein Auge ausgestochen werden. Ich winkte ihm, er sollte mit mir fliehen, da die Tür auf die Landstraße hinaus offen stand. Er achtete nicht darauf. Er setzte sich ruhig nieder.“ Gerade diese Apathie, die Unfähigkeit zur Revolte, die die Gesellschaft des späten Kaiserreichs am Vorabend des Ersten Weltkriegs prägt, ist Heym nicht nur unerklärlich, auch unerträglich: „Der Henker trat vor und bohrte ihm eine vielleicht 4 cm lange Holzrolle, an der vorn ein kleiner scharfer Korkzieher angebracht war, in den Tränensack des linken Auges und drehte den Korkzieher immer tiefer in das Auge... Als ich die Landstraße entlang eilen wollte, trat der Geblendete in die Tür. Seine Augenhöhle war schwarz. Er wischte sie sich mit dem Taschentuch aus. Mich befiel eine ungeheure bodenlose Traurigkeit und ich entfloh, und wußte nicht wohin.“

Am 19. Januar 1912 suchen einige Fischer mit Stangen den Havelgrund ab. Sie schlagen dazu weitere Löcher ins Eis. Ohne Ergebnis. Am nächsten Tag wird endlich nahe der Einbruchstelle eine der Leichen geborgen. Es ist die Georg Heyms. Der Körper ist nicht vereist, er hat auf dem Grund des Flusses gelegen. Die Beine sind verkrampft und an den Leib gezogen, an den Füßen immer noch die Rennschlittschuhe. Seine zerkratzten, aufgerissenen Hände zeugen vom wilden Kampf mit den scharfen Bruchkanten des Eises, als er versuchte, aus dem todeskalten Wasser herauszukommen.

Durch den Grunewald transportiert man die Leiche zum Selbstmörderfriedhof Schildhorn, ein von Stacheldraht umzäuntes Areal mitten im Wald. Die Leichenhalle ist nicht mehr als ein baufälliger Schuppen. Hierher werden all die Toten gebracht, die man im Wald oder im Wasser der Umgebung findet. Die Leiche Heyms wird abgelegt, die Schlittschuhe behält er an. Als sein Freund Hans Thomas am nächsten Morgen hierher kommt, ist der Körper vereist und der Ausdruck des Gesichts, in dem das Blut gefror, auf unnatürliche Weise frisch. Es schien, so erinnert er sich, als schliefe er nur.

Grausig jedoch das Bild der anderen Toten, die man in dem Schildhorner Verschlag ablegte: ein junger Charlottenburger, der sich vor den Zug geworfen hatte, daneben ein ausgesägter Eisblock, in dem der aufgedunsene, jedoch kopflose Leib eines Malergehilfen steckt. Ein in seiner bizarren Schaurigkeit schon fast wieder komisches Bild, wie aus Heyms Gedicht „Die Morgue“, in dem es heißt: „Die Wärter schleichen auf den Sohlen leise, / Wo durch das Tuch es weiß von Schädeln blinkt. / Wir, Tote, sammeln uns zur letzten Reise / Durch Wüsten weit und Meer und Winterwind.“

Noch in Heyms Todesjahr wird der Nachlassband mit Gedichten „Umbra vitae“ erscheinen und 1913 die Novellensammlung „Der Dieb“. Die Leiche bleibt drei Tage lang in Schildhorn liegen, dort wird sie auch eingesargt. Ob man ihr dazu die angefrorenen Schlittschuhe abgenommen hat, ist nicht bekannt.

Von Gunnar Decker erschien soeben das Buch „Georg Heym. ,Ich, ein zerrissenes Meer.‘“, Verlag Berlin-Brandenburg, 19,90 Euro.

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