Zeitung Heute : Living next door to Axel

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Stephan Wiehler

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Darauf war ich nicht vorbereitet, denn ich hatte angenommen, das käme erst viel, viel später. Aber so wie es aussieht, gibt es einen anderen Mann im Leben meiner Tochter.

Er heißt Axel und ist kürzlich in die Wohnung nebenan eingezogen. Ich kenne Axel schon eine Ewigkeit aus unserer gemeinsamen Heimat in Westdeutschland. Der Zweite Weltkrieg hat unsere Familien vor drei Generationen zur Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweißt. Unsere Omas mütterlicherseits sind Anfang ’45 gemeinsam aus Westpreußen geflüchtet, hatten sich dann aus den Augen verloren, und am Ende verschlug es sie beide durch Zufall in die gleiche Gegend an der Nordsee, wo sie sich wiedertrafen. So etwas verbindet.

Deshalb zögerte ich keine Sekunde, als Axel mir vor einigen Wochen wiederum vollkommen zufällig in Kreuzberg über den Weg lief und mich nach einer Wohnung fragte. Da die Wohnung neben unserer gerade frei geworden war, wurde Axel unser neuer Nachbar. Er richtet sich ein, manches fehlt noch, und weil es unter guten Nachbarn so üblich ist, helfen wir gerne, wo wir können. Deshalb kommt Axel häufiger vorbei, leiht sich mal eine Auflaufform, einen Kochtopf oder einen Stuhl, und mit jedem seiner Besuche freut sich Emma mehr über Axel.

Binnen kürzester Zeit hat sich zwischen den beiden eine sehr vertraute Beziehung entwickelt. Steht Axel vor der Tür, hält Emma nichts mehr in meinen Armen, hingebungsvoll stürzt sie sich ihm entgegen und plappert wild drauf los, als habe sie dieser Typ von nebenan aus einer quälenden Langeweile befreit. Und ich stehe daneben und habe keine Ahnung, was sie ihm erzählt. Ich habe das Gefühl, sie unterhalten sich in einer Art Geheimsprache – und ich bin eifersüchtig auf die beiden. Das ist natürlich lächerlich, ich weiß. Emma ist 13 Monate jung, und Axel ist 36 Jahre alt, vermutlich wird niemals etwas Ernstes daraus, aber wer weiß?

Ich bin über mich selbst schockiert. Wird aus mir etwa einer dieser grauenhaften Väter, die junge Verehrer ihrer Töchter mit dem Messer durchs Viertel verfolgen? Werde ich später ihre Schulkameraden, die nachmittags zu ihr zu Besuch kommen, mit finsteren Augen an der Haustür abpassen, um sie zu erschrecken? Ich sehe mich schon als grau melierte Witzfigur vor einem hoch gewachsenen jungen Mann stehen, der Emma mit einem Blumenstrauß zu ihrer ersten Verabredung abholen will, und statt ihn freundlich zu begrüßen und ihm einen Drink unter Männern anzubieten, verlange ich ein polizeiliches Führungszeugnis und eine Verdienstbescheinigung von ihm, ehe er meine Tochter überhaupt zu Gesicht bekommt. Emma würde mich dafür hassen. Das darf nicht geschehen. Daran müssen wir unbedingt arbeiten!

Väter, die bei ihren Töchtern Punkte sammeln wollen, laden sie am heutigen Sonnabend oder am morgigen Sonntag zum Theaterfest im FEZ Wuhlheide (An der Wuhlheide 197) ein. Unter dem Motto „Kinder spielen für Kinder“ zeigen junge Theatergruppen aus ganz Deutschland ihre neuesten Inszenierungen. Der Eintritt kostet zwei Euro, das Familienticket fünf Euro. Weitere Informationen unter Tel. 530 715 04 oder im Internet unter www.fez-berlin.de .

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