Zeitung Heute : Lob der Distanz

Wie der Tagesspiegel und der Springer-Verlag auf die gesellschaftlichen Umbrüche der sechziger Jahre reagierten

Claus Larass

Mit einer kleinen Notiz auf Seite 1 meldete 1968 der Tagesspiegel die Besetzung des Rektorats der FU durch die Studenten. Auf Seite 13 folgte ein längerer Bericht. Er war frei von Emotionen. Irgendwo im Text wurde erwähnt, dass der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz mit Sand beworfen wurde. War das zu wenig für eine Lokalzeitung? Immerhin wurde Recht gebrochen, die Professoren entwürdigt, und der Tagesspiegel als liberal-bürgerliches Blatt hätte die Geschichte auch größer bringen und den Vorgang kritisch begleiten können.

Nicht so weit entfernt vom Tagesspiegel sah man die Welt ganz anders. Die Zeitungen des Springer-Verlages schlugen in jener Zeit andere Töne an. Von „Jungroten“ war die Rede, von „politischen Spinnern“, von „langbehaarten Affen“, von „Krawall-Studenten“.

Unter den Studenten der Freien Universität gab es viele, die heute zur Elite der deutschen Gesellschaft zählen. Otto Schily und Hans Eichel, Gesine Schwan, Elke Heidenreich oder Rüdiger Safranski, der mit seinen Biografien über Nietzsche, Schopenhauer oder jüngst über Schiller die Zeit deutscher Geistesblüte wieder lebendig macht.

Auch der Springer-Verlag verstand sich als ein liberal-konservatives Haus. Wie konnte es in derselben Stadt zu so unterschiedlichen Darstellungen kommen?

Wer die Vokabeln und Schlagzeilen jener Zeit isoliert betrachtet, wird schnell ein Urteil fällen. Es wäre aber zu einfach. Deutschland hatte damals den höchsten Anteil an Jugendlichen, und diese neue Generation hatte völlig andere Interessen als ihre Väter, die nach dem Krieg die Bundesrepublik aufbauten und nun stolz auf ihr Wirtschaftswunder waren und deshalb ihre dunkle Vergangenheit verdrängten. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, sagten die Studenten und warfen so ziemlich alles über Bord, was bis dahin als richtig und selbstverständlich galt. Ludwig Erhards qualmende Zigarre galt als Symbol des neuen Wohlstands, jeder Deutsche hatte wieder mindestens einen Wintermantel im Schrank, Italiens Strände waren erobert, die Industrialisierung forderte neue Strukturen und Entfesselung aus herkömmlichen Ritualen. Der Kampf gegen den „Terror der Ökonomie“ berauschte die junge Generation. Sie suchte sich ihre neuen Idole in weiter Ferne, in China, Vietnam oder auf Kuba, und feierte sie in immer neuen Demonstrationen quer durch Berlin.

Es war eine Zeit der Gärung und Neubestimmung. Selbst durch die katholische Kirche fegte nach dem Konzil ein heftiger Wind und veränderte das Leben bis in die abgelegenen Klöster. Die Protestanten wiederum verloren sich in politischen Debatten. Aus Amerika schwappte die Frauenbewegung nach Deutschland. Büstenhalter wurden in New York und Berlin aus Protest gegen Zwang und Abhängigkeit verbrannt, die Diskussion über „mein Bauch gehört mir“ begann. Es war eine laute Zeit, begleitet von Gewalt, die schließlich zu Terror und Mord führte.

Wenn man heute den Tagesspiegel aus diesen späten 60er und frühen 70er Jahren liest, fallen die Ruhe und Gelassenheit auf. Die Vorderseite wurde von außenpolitischen Themen dominiert. Das entsprach damals dem Verständnis der meisten deutschen Regionalzeitungen. Ein junger Redakteur, der versuchte, eine Sportmeldung auf Seite 1 unterzubringen, bekam in einem westdeutschen Verlag von seinem Verleger zu hören: „Wollen Sie das Image meines Blattes kaputtmachen?“

In Berlin gab es aber noch andere Gründe. Die Stadt hing am Tropf der Westmächte, Berliner Bürgermeister hatten durchaus eine Chance, in Washington, Paris oder London jeweils vom Präsidenten oder Premierminister empfangen zu werden. Außenpolitik berührte den Nerv der Stadt. Heute wird ein Regierender Bürgermeister in London oder Paris von seinem kommunalen Amtskollegen begrüßt, um mit ihm über Verkehrs- oder Abwasserprobleme zu sprechen.

Selbst bei großen Ereignissen blieb die Zeitung in ihrem Maß. Die Entführung eines US-Flugzeuges mit 116 Insassen im August 1969 wurde nicht sonderlich groß dargestellt, und selbst der Ausbruch des Nahostkrieges 1973 bekam nur einen dreispaltigen Aufmacher in normaler Schriftgröße. Massenhinrichtungen der Militärjunta in Chile wurden auf Seite 7 gewürdigt. Der Aufruf von König Feisal zum Heiligen Krieg gegen den Westen schaffte es auf Seite 1 – diese Drohung war neu, hatte noch nicht die inflationäre Tendenz wie heute.

Mit der großen, prägenden Gestalt von Karl Silex erreichte der Tagesspiegel einen überregionalen Standard. Seine Kommentare gehören zu den besten der deutschen Pressegeschichte. Die Zeitung schaffte es aber nicht, überregionale Bedeutung zu erlangen. Berlin war ein Brennpunkt, aber die Politik wurde woanders gemacht. Vielleicht wollte aber die westdeutsche Gesellschaft nicht allzu sehr von den Berliner Problemen belästigt werden. Es störte die Behaglichkeit.

Das Verhältnis des Springer-Verlages zum Tagesspiegel beruhte auf gegenseitiger kühler Distanz. Springer hatte durch den Kauf des Ullstein-Verlages mit den Zeitungen „BZ“ und „Berliner Morgenpost“ in Berlin die Medienhoheit gewonnen, tat sich aber schwer, in die bürgerlichen Schichten Berlins vorzudringen. Oft ist zu lesen, dass es dieses Bürgertum in Berlin nicht mehr gab, da die Elite spätestens nach dem Mauerbau nach Westdeutschland abwanderte. Sicher zogen damals Familien weg, Berlin entwickelte sich immer mehr zu einer subventionierten Stadt mit all den negativen Folgen. Berlin war auch kein industrielles Zentrum mehr. Große Managerkarrieren wurden in München, Frankfurt, Düsseldorf oder Hamburg gemacht. Trotzdem blieb in Berlin eine geistig überaus regsame Bürgerschicht, die im Tagesspiegel ihre Stimme fand.

1968 berichtete der Tagesspiegel auf der ersten Seite als Zweitaufmacher, dass dem Springer-Journalist Bernt Conrad von den DDR-Behörden die Fahrt über die Interzonenautobahn verweigert wurde. Und als Kardinal König Erzbischof Bengsch in Ost-Berlin besuchte, was damals ein Ereignis war, hoben beide Häuser die Bedeutung in ähnlicher Form hervor. Wenn es um die Rechte Berlins ging, waren sich beide Zeitungshäuser letztlich einig.

Sonst blieb es bei Sticheleien. Während der Ölkrise in den 70er Jahren sprachen sich die Springer-Zeitungen gegen das Tempolimit auf Autobahnen aus. Der Tagesspiegel: „Wer bei Springer schreibt, ist gegen die ,Entmündigung‘ des freien Bürgers auf der Autobahn.“ Schärfer wurde es selten.

Das Springer-Haus hätte sich in den gefährlichsten Momenten, als in der Kochstraße die Auslieferungswagen brannten, mehr Solidarität gewünscht. Der Tagesspiegel verurteilte zwar die Gewalt, aber Kampagnen passten nicht zum Selbstverständnis des Blattes. Die radikale Linke akzeptierte den Tagesspiegel, weil er nicht zum verhassten Springer-Konzern gehörte und weil sich viele dort fairer behandelt fühlten. Aber Übereinstimmung gab es nicht, der Bruch zwischen den Radikalen und der bürgerlichen Gesellschaft war bereits vollzogen. Dafür gibt es ein Datum. 1967 traf der konservative Journalist Joachim Fest zum letzten Mal Ulrike Meinhof. Er beschreibt die Szene in seinem Buch „Begegnungen“. Sie gingen am Schwarzen Grund in Dahlem spazieren. Fest berichtete von einem missglückten Treffen mit Rudi Dutschke. Sie klagte, dass sie mit ihren Zeitungskolumnen nichts erreicht habe. Die Schreibmaschine sei keine Waffe, und mit bloßen Gedanken sei nichts auszurichten. Folglich benötige man Waffen. Joachim Fest: „Nach dem Auseinandergehen hatte ich das Empfinden eines Abschieds für immer.“

Der Verleger Axel Springer zog in diesen heiklen Jahren nach Berlin. Das war mutig, bis zu acht Leibwächter mussten ihn ständig begleiten. In der breiten Bevölkerung war er beliebt, zumindest geachtet. Berlin war in seiner überwiegenden Mehrheit antikommunistisch, amerikafreundlich und litt bedeutend mehr unter Mauer und Teilung als der Rest der Republik. Springer vertrat ihre Stimmung, etwa mit der Schlagzeile nach dem Bau der Mauer:

„Der Westen tut NICHTS!

Präsident Kennedy schweigt...

MacMillan geht auf Jagd...

... und Adenauer schimpft auf

Willy Brandt“

Und ein paar Tage später:

„Wird Deutschland verkauft?“

Adenauer rächte sich, fragte den Springer-Kontrahenten, Spiegel-Herausgeber Augstein: „Hat denn der Herr Springer überhaupt politische Ansichten?“ Die hatte er zweifellos, obwohl er als begnadeter Blattmacher und Visionär sicher kein politischer Kopf war. Dann wären die Schlagzeilen sanfter ausgefallen, denn sie passten nicht in die so genannte politische Großwetterlage.

Schon gar nicht, als unter Brandt die Ostpolitik eine neue Richtung bekam und „Wandel durch Annäherung“ der neue Schlachtruf wurde. In Deutschland brach wie bekannt eine Art Glaubenskrieg aus, das intellektuelle Deutschland schlug sich auf die Seite Brandts, Springer wurde zunehmend isoliert. Heute wissen wir, dass die Ostpolitik zum Zusammenbruch des Ostblocks führte, nicht unbedingt zur Wiedervereinigung. Diesen Anspruch hielt Springer mit Aktionen wie „Macht das Tor auf“ lebendig.

An diesen bundesweiten Auseinandersetzungen konnte sich der Tagesspiegel mit seiner begrenzten Reichweite nicht beteiligen, ihm fehlte dazu auch das wirtschaftliche Fundament, wie es die großen Konzerne in Hamburg hatten. Es wäre auch nicht seine Aufgabe gewesen. Er sorgte in Berlin für einen vernünftigen Ausgleich und blieb deshalb eine verlässliche Stimme des Bürgertums.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar