Zeitung Heute : Locations ohne Langeweile

Hallenbäder, Museen, U-Bahn-Schächte: Ausgefallene Tagungsorte sind in Berlin groß im Kommen

Alva Gehrmann

ÜBER DEN DÄCHERN UND UNTER DER ERDE: TAGUNGSSTÄTTEN IN BERLIN UND BRANDENBURG

Im rundum verglasten Dachgeschoss des C/O-Berlin in der Linienstraße befindet man sich einerseits mitten in der City. Andererseits schwebt man auch über den Dingen. Denn von hier aus bietet sich ein Panoramablick über die Dächer der Hauptstadt. Das so genannte Daylightstudio ist 200 Quadratmeter groß, zudem gibt es zwei Dachterrassen. Deshalb wird dieser Ort offensichtlich gern für Tagungen und Events gebucht. „Zu uns kommen Firmen, die Ruhe suchen“, sagt Simone Jost, die für die Vermietung und Events zuständig ist.

Das C/O Berlin ist eigentlich ein kulturelles Forum für Fotografie. So finden in den anderen Etagen Fotoausstellungen statt. Zudem gibt es eine Lounge. Das Haus gehört zu einem der ältesten Gebäude in Berlin-Mitte, ursprünglich befand sich darin eine Gießerei. Im Rahmen der Sanierung wurde aber das Dach aufgestockt – nun sind neue und alte Gestaltungselemente miteinander verbunden. Das C/O-Berlin ist jetzt als lebendiges Forum gedacht. Deshalb können auch in anderen Teilen des Komplexes, inklusive des Hinterhofs, Veranstaltungen organisiert werden. „Es wurde sogar schon mal das ganze Haus als Location genutzt“, sagt Jost.

Das Interesse an außergewöhnlichen Tagungsorten in Berlin hat zugenommen. Was früher ein Konferenzraum im Hotel war, oder zeitweise die karge Fabrikhalle, ist heute eine Daylightstudio, eine Schwimmhalle oder ein U-Bahntunnel. Hauptsache anders, lautet das Motto bei immer mehr Unternehmen. Teilweise sind es sogar die Hotels selbst, die nach neuen Locations suchen. Dazu liefern sie das Catering.

Ein anderes Beispiel ist das „Queens 45 bc“. Von außen sieht die Event & Tagungslocation unscheinbar aus, wie eine normale Berliner Kneipe. „Was soll denn hier besonders sein“, fragen manche Gäste, wenn sie die Charlottenburger Lokalität betreten. Und kommen dann aus dem Staunen nicht heraus, wenn sich hinter dem Bücherschrank eine Geheimtür öffnet. „Der Zugang ist auch über andere Türen möglich“, sagt Manfred Pahlke, Manager des Queens 45, „aber die Geheimtür kommt immer gut an.“

Hier können die Besucher aber auch in eine andere Zeit eintauchen. Denn das Queens 45 verfügt über mehrere Räume im Stile der 20er und 30er Jahre. Alles sehr elegant, prunkvoll – von der Decke hängen Kronleuchter. Die Landesbank Berlin hat hier schon getagt, vor kurzem war sogar Lionel Richie dort. Auf Einladung eines Radiosenders feierte er gemeinsam mit 180 geladenen Gästen. „Richie war ganz angetan vom Ambiente“, erzählt Pahlke. Der große Festsaal mit integrierter Bühne und Cocktailbar bietet Platz für 250 Personen. Zudem gibt es eine Champagner Bar, den Grünen Salon und die Destille.

Eine historische Veranstaltungs-Stätte der ganz anderen Art ist das Stadtbad von Neukölln. Im Jugendstil-Gebäude fand unter anderem die Buchpräsentation der Kanzlergattin statt. Als Doris Schröder-Köpf ihr Kinderbuch „Der Kanzler wohnt im Swimmingpool“ vorstellte, lud sie Kinder und Presse ins Schwimmbad ein. „Grundsätzlich sind wir für alles offen“, sagt Klaus Lipinsky, Geschäftsführer der Berliner Bäder-Betriebe. Über 60 Hallen-, Frei- und Sommerbäder gehören zu den Bäderbetrieben. Nicht jedes Bad ist in gleicher Weise nutzbar, dennoch gibt es viele Möglichkeiten. Etwa im SSE Europa-Sportpark. Das Gelände, das direkt neben dem Velodrom liegt, war eigentlich als Olympiabad konzipiert – also sehr groß angelegt. Deshalb stehen im Sportpark Räume und Flächen zur Verfügung, in denen ohne weiteres Kongresse oder Seminare abgehalten werden können.

„Auch die Idee, über Wasser zu laufen, ist im Schwimmbad realisierbar“, sagt Lipinksy. Über das Becken wird eine Plexiglasplatte gelegt, auf die dann zusätzlich Stühle kommen. Einziger Haken: Der Aufwand ist relativ groß, weil die Plexiglasplatte von unten gestützt werden muss. Das ist nicht billig, aber ein besonderes Erlebnis. Die Bäder öffnen sich zunehmend für Events und Tagungen, sei es in den Hallen oder am Strandbad Wannsee. Es muss sich allerdings rechnen, schließlich kann es sein, dass durch aufwändige Veranstaltungen der normale Badebetrieb unterbrochen wird.

„Die Vermietung ist ein wichtiges Feld für die Zukunft“, meint der Geschäftsführer der Berliner Bäder-Betriebe. In Zeiten leerer Senatskassen erst recht – erfinderisch sind da seit Jahren auch die Museen. Der Hamburger Bahnhof öffnet sein Haus ebenso wie die meisten anderen Museen. Sei es das Ägyptische Museum, das Bodemuseum oder das Schloss Köpenick. Das bringt zusätzliches Geld in die Kassen der Staatlichen Museen zu Berlin. Durch die Einnahmen können sie zur Finanzierung von Ausstellungsprojekten beitragen und gleichzeitig einer neuen Zielgruppe die Kunst näher bringen.

Die Nachfrage nach Tagungen und Veranstaltungen in Museen ist mittlerweile so groß, dass vor kurzem die Agentur „Museum & Location“ gegründet wurde. „Das Pergamonmuseum ist unser Hauptanziehungspunkt“, sagt Josefine Haak, zuständig für die Häuser auf der Museumsinsel. Hier finden Veranstaltungen im Rahmen von Kongressen ebenso statt, wie Stehempfänge und gesetzte Essen. Zum Beispiel vor dem mächtigen blauen Ischtar-Tor. „Das ist ein Erlebnis für die Sinne“, sagt Haak. Ein ebenso unvergessliches Erlebnis sei es auch, eine Veranstaltung in der Skulpturenhalle der Alten Nationalgalerie zu realisieren.

Wem das noch zu normal ist, der kann seine Tagung auch unter der Erde abhalten. Am Potsdamer Platz befindet sich die Location „U3-Tunnel & Bahnhof“. Hier soll eines Tages die Linie U3 fahren, doch derzeit ist kein Geld da, diese weiterzubauen. So kann der Ort neuerdings für Events gebucht werden, bisher fanden im Tunnel und Bahnhof schon Modemessen und Ausstellungen statt. Platz gibt es genug: 6500 Quadratmeter misst die Locationfläche, die demnächst noch offiziell eröffnet wird.

Damit es nicht zu ungemütlich wird, wurde der Rohbau umgebaut, ebenso Lüftungsanlagen, sanitäre Einrichtungen, Licht-, Sound- und Tonanlagen installiert. „Zudem wurden extra Glasfenster eingesetzt“, sagt Jean Niewind, Event Koordinatorin des U3-Projekts. „Durch die kann man auf die Gleise der regulären U-Bahn sehen und auch die Menschen beobachten.“ Ein anderer Ausblick der besonderen Art.

www.co-berlin.com, C/O Berlin - The Cultural Forum for Photography, Linienstraße 144, 10115 Berlin, Tel: 28 09 19 25

www.berlinerbaederbetriebe.de, Berliner Bäder-Betriebe, Sachsendamm 2-4, 10829 Berlin, Tel: 030 - 787 32 641

www.queens45.de, Queens 45 bc, Königin - Elisabeth - Straße 45, 14059 Berlin, Tel: 39 88 50 40

www.museum-location.de, Tel: 20 21 49 19 (in der Alten Nationalgalerie), Tel: 39 83 88 71 (im Hamburger Bahnhof)

www.u3-tunnel.de, U3 Bahnhof & Tunnel, Betriebs- und Veranstaltungsgesellschaft mbH i.G., Potsdamer Platz 1, 10761 Berlin, Noch kein Telefon: info@u3-tunnel.de

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