Löhne und Gehälter : Attraktiver Staat?

Zwei Studien zu den Einkommen im öffentlichen Dienst zeigen: Höher Qualifizierte verdienen beim Staat wohl schlechter als in der Privatwirtschaft, geringer Qualifizierte dagegen besser.

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Ein Arbeitgeber, der schlecht zahlt, wird irgendwann nur noch mit einem schlechten Produkt am Markt vertreten sein. Und mit einer gewissen Zwangsläufigkeit dann gar nicht mehr. Das ist unter Ökonomen ausgemachte Sache, denn schlechte Bezahlung führt zu Produktivitätseinbußen, neue Mitarbeiter sind schlechter als die bei der Konkurrenz, die Belegschaft insgesamt ist weniger motiviert, sie trägt sich mit Kündigungsabsichten (und die Zahl der „inneren Kündigungen“ häuft sich), die Stimmung wird schlecht, es gibt Abwanderungen, soweit das die Branchenverhältnisse erlauben.

Folgt man dem Ökonomen Giacomo Corneo von der Freien Universität Berlin, läuft der deutsche Staat Gefahr, ein solcher Arbeitgeber zu werden. Jedenfalls für Hochqualifizierte. Also Männer und Frauen mit guter Ausbildung und hoher Intelligenz. Denn laut Corneo ist die Bezahlung im öffentlichen Dienst, bei Professoren, Lehrern und Richtern, seit den 1980er Jahren deutlich hinter der im Privatsektor zurückgeblieben. Vor allem seit Mitte der 90er Jahre. Während sich die Bezahlung der Lehrer zum Beispiel real seit 1977 nur um etwas mehr als 0,1 Prozent im Jahr verbesserte, ging es bei Industriemeistern um 0,95 Prozent und bei Managern um 2,67 Prozent nach oben. Indexiert man das, lautet die Zahlenreihe 105 (Lehrer), 138 (Meister) und 232 (Manager). Ähnlich sieht das Verhältnis bei Richtern und Professoren aus. Um zumindest mit den Meistern nachholend gleichzuziehen, wären nach Corneo Gehaltssteigerungen von einem Drittel nötig.

Man kann es natürlich auch andersherum sehen: Die Einkommen von Managern und Meistern sind dem öffentlichen Dienst davongelaufen, weil der Konkurrenzdruck die Gehälter nach oben schob (gute Industriemeister sind gesucht) – oder weil man sich an den USA orientierte, wo ein Manager in den 50er Jahren vierzigmal so viel verdiente wie ein Arbeiter, heute aber das Sechshundertfache. Und möglicherweise waren die Einkommen der Staatsdiener vor 1980 auch ziemlich hoch, relativ gesehen, so dass zumindest die qualifizierten Industriebeschäftigten nur aufgeholt haben - aber dazu gibt es keine Daten.

Dass der öffentliche Dienst eine hohe Arbeitsplatzsicherheit bietet und im Fall der Hochqualifizierten auch Berufe in Bildung und Justiz, die attraktiv sind (weshalb man auf Einkommen verzichtet), kann laut Corneo das Defizit nicht ausgleichen, das der Staat als Arbeitgeber mittlerweile gegenüber der Privatwirtschaft riskiert. Freilich müsste er, um besser zahlen zu können, die Einnahmen beträchtlich steigern – also die Steuern erhöhen. Die Aussichten dafür sind nicht gut.

Bemerkenswert ist, dass der Staat aber nur bei den Höherqualifizierten (also den Akademikern) der – relativ gesehen – schlechter zahlende Arbeitgeber ist. Eine Studie der EU-Kommission hat das gerade wieder bestätigt. Demnach liegen die Gehälter in dieser Gruppe um 16,8 Prozent unter denen in vergleichbaren Beschäftigungen in der Privatwirtschaft. In den Gruppen mit geringerem Bildungsgrad aber liegen die Einkommen beim Staat um 24,5 Prozent über der Privatwirtschaft. Im Schnitt erhalten die Staatsbediensteten in Deutschland zehn Prozent mehr. Ob man da vielleicht umverteilen sollte – innerhalb des öffentlichen Dienstes und auch im Verhältnis zum Privatsektor, der ja das Geld erwirtschaften muss, mit dem die Staatsbediensteten bezahlt werden?

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