Zeitung Heute : Löscht es aus, das Ungeziefer!

JULIAN HANICH

Mehr Material als Menschen: Paul Verhoevens Sci-Fi-Spektakel "Starship Troopers"JULIAN HANICHEin romantischer Schwelger ist der Holländer Paul Verhoeven nicht.Gefühlskälte, physische und psychische Gewalt sind schon eher seine Sache.Und doch gibt es in seinen amerikanischen Filmen fast immer eine Wendung, in denen er sich als Philanthrop zu erkennen gibt: Der zum Cyborg reanimierte Polizist mit Namen "Robocop" gibt sich am Ende wieder menschlich; Sharon Stone, die ihren Gefühlsfrost in "Basic Instinct" mit dem Eispickel auslebt, entdeckt schließlich, na ja, die Liebe; und auch das Karrieregirl Nomi kehrt Las Vegas geläutert den Rücken ("Showgirls"). In "Starship Troopers" ist das anders.Denn Hauptdarsteller dieses Films sind Heerscharen von Bestien, die vom Menschen nur eine Charakterentwicklung wollen: die ins Grab.Deshalb hat weniger der Regisseur, sondern das Post-Production-Team den Film geprägt, etwa Phil Tippett (Oscars für "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" und "Jurassic Park") und John Richardson (Oscars für "Aliens" und "Cliffhanger") - entsprechend endlos ist die Abspann-Liste für 3-D-Effekte, Spezialeffekte, visuelle Effekte, Makeup-Effekte.Lauter Menschen, denen Hollywood sehr viel Geld zugesteckt hat, um die irrwitzigsten Killerkäfer und Riesenlibellen zu kreieren - in der Auslösung von Ängsten sind Insekten, von Kafka bis Cronenberg, ohnehin eine gute Wahl.Und tatsächlich, alles ist so perfekt und teuer, daß selbst Dinos jämmerlich dagegen wirken. Wir befinden uns in einem Jahr in ferner Zukunft.Die Gesellschaft entspricht dem political-correctness-Ideal: Schwarz und Weiß, Frau und Mann, oben und unten sind gleich (und stehen unter derselben Dusche!).Man schickt sich die Post per CD-ROM und kann Live-Übertragungen von Hinrichtungen anzappen.Die Story paßt gut in Hollywoods Fin-de-siècle-Nervosität: Die Menschheit ist von einem Planeten wildgewordener Insekten bedroht und die vereinigten Streitkräfte müssen die Welt retten, logisch.Das alles beginnt ironisch, aber die vergnügliche Parodie mutiert bald zum brüllendem Ernst.Stramm marschieren die Helden des Universums mit viel Tamtam dem Todfeind entgegen: Löscht es aus, das Ungeziefer! Dabei verpulvert Verhoeven Menschenleben wie Munition und schleudert in freudigem Zynismus das Humankapital zum Fester hinaus. "100 000 Tote in einer Stunde!" gibt der Fernsehsender Federal Network bekannt.Ach, die schöne neue Welt ... In 14 Berliner Kinos; Kurbel (OV)

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