Loft in der Luft : Tierische Wohnkultur

Sie mauern sich ein, nagen sich Baumaterial zurecht, konstruieren reißfeste Fäden: Von Vögeln, Insekten & Co. können Architekten lernen

von und Kaspar Heinrich
Behausung des Siedelwebers
Behausung des SiedelwebersIMAGO

Die Seidenfacharbeiterin

GOLDSPINNERIN

Die weibliche Nephila pilipes spinnt, das lässt sich nicht leugnen. Sie lebt in den Tropen und Subtropen und fertigt ihre Netze aus besonders ansehnlicher Seide an, die im Sonnenlicht gelb-golden schimmert. Bis zu zwei Meter groß kann so ein Netz werden, womit die Nephila in dieser Disziplin den Rekord unter den Spinnen hält.

Weil ihre gewobenen Fallen so stabil sind, dass sich selbst kleinere Vögel darin verfangen, werden sie von den Bewohnern des Südpazifiks zum Fischfang zweckentfremdet. Dabei wird das Netz auf der Wasseroberfläche ausgebreitet, und kleinere Fische, die danach schnappen, verenden in den Maschen. Auf Madagaskar sammeln die Einheimischen Nephila-Weibchen und lassen sie ihren goldenen Faden spinnen, den sie dann weiterverarbeiten. Vom spanischen König Karl III. und der französischen Kaiserin Josephine ist bekannt, dass sie sich Strümpfe und Handschuhe aus dem reißfesten Exkret bestellten. Neun verschiedene Seidensorten können die Tiere produzieren. Sie dienen zum Auskleiden der Wohnung, zum sicheren Abseilen, für den Netzbau, den Kokon und das Einwickeln der Beute. Der Bau der Heimstatt ist Frauensache: Die deutlich kleineren Männchen leben nur in den Netzen der Weibchen und ernähren sich von den Resten ihrer Beute.

Der Maurermeister
DOPPELHORNVOGEL

Ein Sicherheitsfanatiker ist dieser asiatische Nashornvogel. Zur Brutzeit lebt das Weibchen nämlich für viele Wochen in 20 Meter hohen Baumhöhlen, und um sich selbst und die Eier vor Feinden zu schützen, mauert es den Eingang von innen fast gänzlich zu. Dazu benutzt es einen Mörtel aus feuchter Erde, Kot und Futterresten, den es mit Schnabelschlägen festklopft. Nur ein enger Spalt bleibt offen. Durch diesen versorgt das Männchen zuerst das brütende Weibchen, dann die ein bis drei Jungtiere mit Nahrung – hauptsächlich Insekten. Stirbt es, kümmert sich ein Junggeselle um die Fütterung. Im Gegenzug erhält er in der nächsten Brutsaison das Vorrecht zur Paarung.

Im freiwilligen Kerker durchlebt das Weibchen eine Schnellmauser. Während es in der Höhle hockt, fallen ihm Flügel- und Schwanzfedern aus – und es wird flugunfähig. Je schneller die alten Federn ausfallen, desto mehr Zeit bleibt für das Nachwachsen der neuen. Ein flauschiger Vorteil: Die Federn machen die düstere Baumhöhle gleich ein bisschen gemütlicher und wohnlicher. Die Jungtiere nutzen den Schutz der Baumhöhle so lange, bis sie voll ausgewachsen sind und fliegen können.

Die Artistin

ZWERGMAUS

Die Zwergmaus hatte schon immer Fans, ein besonders großer war Alfred Brehm. „Sie ist eine Künstlerin, wie es nur wenige gibt unter den Säugetieren. Eine Künstlerin, die mit den begabtesten Vögeln zu wetteifern sucht“, schrieb der Zoologe 1883 in „Brehms Tierleben“.

Grund der Begeisterung: ihr Nest, das die Zwergmaus in hiesigen Gräser- und Getreidefeldern baut. Dabei zieht das nur rund fünf Gramm leichte Nagetier verschiedene Gräser zusammen, schlitzt jeden Halm mit den Zähnen der Länge nach auf und verwebt die mehrfach gespaltenen Fasern zu einer Kugel. Schlafnester haben nur einen Eingang, Nester zur Aufzucht von Nachwuchs in den meisten Fällen zwei.

Mit bloßem Auge ist die Zwergmaus, die zu den kleinsten Säugetieren zählt, in den hohen Gräsern kaum zu erkennen. Anders sieht es mit ihren Nestern aus. In einem Meter Höhe hängen die kunstvollen Kugeln und sind für Fressfeinde leicht zu entdecken – besonders für den gefährlichen Neuntöter. Ein Vogel aus der Familie der Würger mit der unangenehmen Eigenschaft, seine Beute zu Lagerungszwecken auf Dornen aufzuspießen. Forscher haben Neuntöter-Lager mit sieben nebeneinander durchbohrten Mäusen gefunden.

Um nicht auch noch gewittert zu werden, lässt sich die Zwergmausmutter eine ganze Menge einfallen: Sie leckt den Urin vom Mäusenachwuchs auf, schluckt Kot und vertreibt den Mäuserich kurz nach der Paarung aus dem Nest, denn er riecht zu stark nach, nun ja, Maus. Vielleicht wäre ein Nest im Boden eine gute Alternative. Aber um Löcher zu graben, ist die Zwergmaus einfach zu schwach.

Der Origami-Künstler

BIRKENBLATTROLLER

Er ist ein leidenschaftlicher Bastler unter den Käfern, der Schwarze Birkenblattroller aus der Unterfamilie der Triebstecher. Zumindest das Weibchen. Nach der Paarung nagt es s-förmige Schnitte in den oberen Teil eines Birkenblattes – und zwar links und rechts der Mittelrippe. Diese knabbert der Käfer an, damit das Blatt zu welken beginnt, beißt sie jedoch nicht durch. Anschließend rollt er eine Hälfte des Blattes zur Mitte und wickelt die zweite Hälfte darum, so dass ein Trichter entsteht.

Der Bau der „Tüte“ dauert etwa eine Stunde, am Ende wird die untere Öffnung des Blattes mithilfe von Rüsselstichen geschlossen. Klebematerial hat der in Europa beheimatete Käfer nicht nötig. In den fertigen Blattwickel legt das Weibchen die Eier. Im Inneren des Blattes herrscht ein günstiges Mikroklima vor, und auch für die Versorgung mit Nahrung ist gesorgt. Ist das Blatt verwelkt, fällt die Tüte mit den geschlüpften Larven auf den Boden herab, der Blattroller-Nachwuchs kann den Wickel verlassen und sich im Erdboden verpuppen.

Die Knotenspezialisten

SIEDELWEBER

Schon der lateinische Name Philetairus socius weist auf die soziale Ader des spatzengroßen Vogels aus dem Süden Afrikas hin. Seine Gemeinschaftsnester aus Zweigen und Halmen baut er meist an starken Ästen, aber auch an Telegrafenmasten. Damit machen Webervögel jedem Seemann Konkurrenz, sie beherrschen verschiedene Knoten und Schlingen, mit denen sie ein textilartiges Gewebe herstellen. Es ist Männersache, die Nester zu bauen, Pflanzenfasern heranzuschaffen und sie kunstvoll zu verflechten. Jeden Teil des Nestes bauen sie aus anderen Materialien: das Dach aus Halmen, Fasern und Blättern, das Innere der Kammern polstern sie mit Tierhaaren und Daunen aus.

Das Weibchen begutachtet anschließend die Rohbauten und stellt dabei hohe Ansprüche, schließlich sollen hier ihre Kinder aufwachsen. Überzeugt sie das Eigenheim, hilft sie bei der Inneneinrichtung. Hat ein Nest nach einer Woche noch kein Weibchen beeindruckt, reißt der Architekt es ein und versucht am selben Ort erneut sein Glück.

Im sozialen Wohnungsbau des Siedelwebers kann es bis zu 300 einzelne Kammern geben. Das Nestgebilde kommt dann auf beachtliche Maße: sieben Meter Länge, fünf Meter Breite, drei Meter Höhe und einige Tonnen Gewicht. Vorsicht: Wird es zu schwer, droht der Ast unter dessen Last zu brechen – und der Bau vieler Generationen stürzt zu Boden. Denn über 100 Jahre kann das Heim der Siedelweber halten. Falken, Geier und Uhus quartieren sich übrigens gern als Untermieter in den ausladenden Nestern ein.

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