Zeitung Heute : Logische Denker händeringend gesucht

HARALD OLKUS

Ein Studium, das Spaß macht, ohne Zulassungsbeschränkungen, überfüllte Hörsäle und Seminare und gleich nach dem Abschluß einen gut bezahlten Job, den man sich aussuchen kann.So dürften die Tagträume von Studenten aussehen, die in der Masse der Kommilitonen zu ertrinken drohen.Daß Wunsch und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen, merkt mittlerweile jeder Studienanfänger in den ersten Wochen.In einem Fach aber, das an etwa 20 Universitäten in Deutschland gelehrt wird, unter anderem an der Technischen Universität in Berlin, werden die Studentenwünsche wahr - es ist die Wirtschaftsmathematik.

"Für die Wirtschaftsmathematiker stehen die Chancen im Moment ungeheuer gut", sagt Rolf Grigoriew, Mathematikprofessor und Prüfungsobmann für den Studiengang."Die Absolventen werden mit Kußhand genommen." Selbst die generelle Forderung an die Absolventen nach Mobilität gilt hier nicht."Mittlerweile gibt es auch genügend Jobangebote in Berlin." Schon beim an der TU obligatorischen Abschlußinterview erscheinen viele in Schlips und Kragen und haben bereits eine Stelle in der Tasche.Banken suchen ebenso "händeringend" nach Wirtschaftsmathematikern wie Versicherungen.Auch in Logistikunternehmen sowie in der Informations- und Telekommunikationsbranche (IT) sind sie gesuchte Leute.

"Alle meine Bekannten aus dem Studium arbeiten im IT-Bereich", sagt Kerstin Fritzsche, die seit ihrem Studienabschluß im Juli vergangenen Jahres bei einer IBM-Tochter als Softwareberaterin arbeitet."Das hat viel mit Wirtschaft und wenig mit Mathematik zu tun." Ihren gut bezahlten Job hat sie "mühelos" gefunden."Die Branche boomt im Moment und außerdem wird man im Studium in diese Richtung gelenkt."

Das Studium der Wirtschaftsmathematik an der TU besteht aus den drei Säulen Betriebswirtschaft, Mathematik und Informatik."Wir haben als Besonderheit eine ausgesprochen gute Integration der Informatik, bestätigt Rolf Grigoriew."Das scheint uns eine gute Qualifikation zu sein." Der wirtschaftswissenschaftliche Lehrstoff setzt sich zusammen aus den Fächern Betriebswirtschaftslehre, Rechnungswesen, Investition und Finanzierung.

Der Studiengang an der TU besteht seit etwa zehn Jahren, rund 60 Studenten legen pro Jahr ihre Abschlußprüfung ab.Von einem Bedarf an 10 000 Wirtschaftsmathematikern in den kommenden Jahren geht die Universität Ulm aus, die derzeit stark für den Studiengang wirbt.Dem stehen insgesamt lediglich 300 Absolventen jährlich gegenüber.

Die Studienabbrecherquote an der TU ist relativ hoch.Von etwa 60 Studienanfängern pro Semester bleiben weniger als 40 übrig, erzählt Grigoriew.Die meisten springen noch vor dem Vordiplom ab.Wer das hinter sich gebracht hat, hält durch."Viele der Abbrecher wollen eigentlich BWL studieren und werden im ersten Semester von Mathe erschlagen", sagt Kerstin Fritzsche, die ursprünglich Mathematik studieren wollte, sich dann aber für etwas Angewandteres entschieden hatte."Voraussetzung für ein erfolgreiches Studium sind gute Noten in Mathematik und man sollte sich sicher sein, daß es das richtige ist."

Das Studium habe sich zwar anders entwickelt, als sie es sich vorgestellt hatte, "aber ich habe es gern studiert." Vor allem die Verbindung zwischen den drei Säulen müssen sich die Studenten selbst herstellen.Ein Praktikumsprogramm, das den Studenten bei der Suche hilft, wird jetzt aufgebaut.

Ein großer Vorteil des Studiums sind die vielfältigen Jobchancen, sagt Kerstin Fritzsche.Vom Berechnen der optimalen Ausnutzung von Verkehrsplänen oder Schaltplänen über die Entwicklung und das Entschlüsseln von Codierungssystemen bis zur Organisation bei Banken und Versicherungen reicht das Spektrum der möglichen Jobs."Die Studenten können in vielen Bereichen eingesetzt werden", sagt Rolf Grigoriew."Sie lernen im Studium Strukturen zu entdecken und systematisch an eine Aufgabe heranzugehen.Deshalb sind sie bei den Arbeitgebern beliebt.Die fachspezifischen Dinge kann man noch bei der Arbeit erlernen."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben