Zeitung Heute : Lokalkolorit

BORIS KEHRMANN

1.Sinfoniekonzert des Orchesters der Komischen OperBORIS KEHRMANNPlötzlich steht er im Raum, scheinbar unbeweglich, scheinbar einfarbig - der Streicherklang, der auf magische Weise aus einer anderen Welt zu kommen scheint.Schwer und leicht, lastend und schwebend wie der Traum.Deutlich-undeutlich wie der Grund des Unbewußten.Nur ganz sachte atmet asynchroner Bogenstrich von 31 Streichern im Innern der naturtönig-obertonreichen Cluster.Unscharfe harmonische Konstellationen gleiten von einem Zustand zum nächsten.Man ahnt die Bewegung mehr, als daß man sie greifen kann.Es ist die harmonische und rhythmische Substanz der Exposition aus dem Kopfsatz der G-Dur-Klaviersonate D 894 von Franz Schubert, die der in Berlin lebende Komponist Dieter Schnebel wie in einem Aquarell verwischt, in einem flirrend gasförmigen Aggregatzustand vorsetzt."Blendwerk" ist eine eigenständige Komposition.Tritt in der Wiederholung der Exposition und in der Durchführung die mehr oder weniger notengetreue Instrumentation der Schubert-Sonate zu der Streicher-Schicht des "Blendwerks" hinzu, wird daraus die "Schubert-Phantasie", die 1978 entstand und 1989 überarbeitet wurde.Im 1.Sinfoniekonzert des Orchesters der Komischen Oper mit Yakov Kreizberg wurde aus der Überblendung, aus der subtil komponierten Aura des großen Kunstwerks eine handfeste, wenig sensibel ausgehörte Übermalung, in der Schubert und seine interpretierende Instrumentation durch Schnebel zu verschwinden drohte. Die junge chinesische Violinistin und Erste Konzertmeisterin des Orchesters der Komischen Oper Yamei Yu entfesselte bereits nach dem Doppelgriff-gespickten ersten Satz des Violinkonzerts von Tschaikowsky Beifallsstürme.Mit faszinierend kaltem Ton hatte sie die formelhaften Herzensergüsse des Solo-Parts in objektivierende Unnahbarkeit entrückt.Der Rückzug in die Bastion technischer Perfektion schlug jedoch bald in Mißachtung jeglicher dynamischen und emotionalen Differenzierung um.So sah sich bald gelangweilt, wer aus der Sportler-Devise "Höher, schneller, weiter" keinen Adrenalinstoß zu beziehen fähig ist. Yakov Kreizberg, der mit folkloristischen Holzbläser-Farben und schwungvoll-rhythmischem Lokalkolorit in den Orchester-Zwischenspielen dem taktvoll respektierten Eis der Solistin ein Gegengewicht hinzufügte, warf sich in Dvo«ráks 8.Sinfonie mit instinktivem Gespür für große Effekte auf saftige Al-fresco-Wirkungen im Makart-Stil.Mit sichtlichem Stolz auf sein Orchester nahm er den Jubel der Fans entgegen.An raffiniert kontrapunktisch gearbeiteten Stellen der Partitur drängte sich die Notwendigkeit einer deutlicheren Differenzierung der Instrumentalfarben und einer stärkeren Durchleuchtung der strukturellen Feinzeichnung unter dem Gemälde auf.Die auf Transparenz ausgerichtete Ästhetik der historischen Aufführungspraxis wird auch auf Dvo«rák übergreifen.Daran ließ das uneingelöste Potential dieses Abends keinen Zweifel.

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