Zeitung Heute : Lola in Technoland

SILVIA HALLENSLEBEN

Romantisches Märchen: Yolande Zaubermans Spielfilm "Clubbed to death"VON SILVIA HALLENSLEBENMan kann, oder frau auch, eine alte, möglichst bekannte Oper nehmen, Mozart bietet sich an, und dann lädt man sie mit ein paar tagesaktuellen Einsprengseln für den heutigen Gebrauch auf.Drogen zum Beispiel, Technomusik, Gewalt, Sie wissen schon, was die Jugend heute so macht.Oder man geht den umgekehrten Weg: Sucht ein Milieu, das gemeinhin gerade mal dafür gut ist, Stoff für Reportagen oder sozialkritischen Elendsrealismus bereitzustellen, eine Welt, wo man Drogen und die Gewalt gar nicht suchen muß, weil sie von selbst vor der Kamera liegen.Und dann macht man aus dem Schmuddelstoff große Oper. Die französische Regisseurin Yolande Zauberman hat genau dies getan.Sie geht dorthin, was sie eine "Dritte Welt vor unserer Haustür" nennt: die möblierten Zimmer nordafrikanischer Immigranten, schäbige Betten in häßlichen Betonburgen, Discos, in denen jene ihre Ängste wegtanzen, die der Glitzer der Konsumkultur permanent ausstößt.Sie geht, oder besser, sie schickt eine Botin, Lola, die sich in einer warmen Sommernacht mit dem letzten Bus in eine unbekannte Gegend am Rand der Stadt verirrt.Lola, die zwanzig Jahre alt sein soll, der man aber höchstens sechzehn abnimmt, landet in einem riesigen Club, einer Disco, einem gigantischen Tanz- und Musiktempel irgendwo in den Hügeln vor der Stadt.Es ist eine Auszeit, eine Gegenwelt, Lola in Technoland, und Lola wird getrieben, läßt sich treiben, von der Musik, zu den Männern, den Drogen, irgendwann dann landet sie bei einem, Emir, der sich ihren Verführungsversuchen widersetzt.Emir lebt mit seinem Bruder auf einem Doppelbett zwischen Kisten und einer Küche, wo Tee gebraut wird.Er ist mit Saida liiert, der unnahbaren Tempeltänzerin der Technokathedrale.Emir und Ismael haben Schulden, deshalb müssen sie gegeneinander boxen. Yolande Zaubermans erste Filme waren beide Dokumentationen, die Menschen an den Rändern ihrer Gesellschaften porträtiert haben.Auch hier schaut sie hin wie in einem Dokumentarfilm, genau, gründlich, mit Distanz und Engagement.Wie aber schon in "Ivan und Abraham" spielt Zauberman auch hier mit der Spannung zwischen Realismus (schwarz-weiß) und Expression (Cinemascope).So scheint sie Orte gefunden zu haben, die Authentizität versprechen, doch sie halten sie nicht ein.Alles ist konkret und doch völlig künstlich.Diese Spannung macht die alltäglichen Orte zu mythischen, allerdings aufgeladen mit Welthaftigkeit: Die Bushaltestelle: Pforte in eine andere Welt - sie wurde irgendwo auf einer Freifläche mit ein paar Requisiten aufgebaut.Der Music-Club: Kathedrale einer ekstatischen Religion - irgendein Schuppen vor den Toren von Lissabon.Aber: die Musik wurde zu den Dreharbeiten wirklich eingespielt, laut.Innenräume öffnen sich von Gängen und verwinkelten Gassen.Eine Topographie läßt sich nicht herstellen; nie wird klar, in welcher Stadt, welchem Land, dieser Film eigentlich spielt.Kameramann Denis Lenoir arbeitet mit einer unruhigen, nie aufdringlichen Handkamera.Das Licht ist roh, unbesänftigt.Wie durch ein Labyrinth vorbei an den Menschenmassen taumelt Lola, Traumtänzerin im Nebel, im überblendeten gleißenden Licht.Die Menschen, stumme Bewohner einer anderen Welt, keine Käppi- und T-Shirt-Träger.Auch die Musik hat mit dem, was an Kommerz-Techno verkauft wird, nichts zu tun, bewegt sich auf einem Grat fast spiritueller Intensität. Von der Musik angezogen, durch sie taumelnd, streifen die Protagonisten durch die Welt auf der Suche nach etwas, von dem sie nicht zu wissen scheinen, was es sein könnte.Emir (Roshdy Zem) hat Zuflucht in Drogen gefunden, Saida in Emir.Lola, die zierliche, von der wir fast nichts wissen, außer, daß sie die Liebe sucht und sich doch nichts anderes darunter vorstellen kann, als, kindlich, festgehalten zu werden, oder weiblich-pubertär, die Verführungskraft ihres Körpers zu erproben ("Nicht mal ich mache dich an?").Der kreisrunde Ausschnitt, den Lola in ihrem kleinen Schwarzen auf dem Bauchnabel durch die Nacht trägt, ist wohl einmal von Modedesignern als erotisches Attribut gedacht worden, um den teilenthüllten Körper geheimnisvoll in Szene zu setzen.Bei Lola wirkt er wie eine entblößende Parodie.Nicht, weil das darunter Vermutete unansehnlich wäre, im Gegenteil.Die Aussparung auf ihrem Körper verstört, weil sie auf eine andere Leere verweist, die auf ihrem Gesicht.Das schaut, das lächelt, das lacht, aber es bleibt Projektionsfläche, kann sich nie vom Blick der anderen befreien.Lola begehrt nicht.Aber auch sie ist süchtig.Süchtig, begehrt zu werden.Eine maßlose, eine unstillbare Sucht, eine Sehnsucht, so ungerichtet, daß auch die starken Arme Emirs zwar romantischer Fluchtpunkt, aber nie Erfüllung sein können. Auf der narrativen Ebene finden sich hier einige Menschen, andere bleiben zurück.An der Verlassenheit, die sie mit sich herumtragen, ändert das wenig.Ein mißglückter Liebesfilm? Nihilistische Bestandaufnahme? Oder doch einfach Sozialkitsch? Es ist die ausgehaltene Spannung zwischen Hoffnungslosigkeit und Glück, zwischen Sehnsucht und Abgrund, der Unerfüllbarkeit der Wünsche und dem Zeigen ihrer Erfüllung, die "Clubbed to Death" zu etwas machen, das selten gelingt: einem nicht süßen, nicht sentimentalen, sondern wahrhaft romantischem Kinomärchen.Ob man so etwas mag, ist eine andere Sache.

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