London : Auf Tand gebaut

"Ob ich Angst um meinen Job habe? Hören Sie, in der City hat jeder Angst um seinen Job." Großbritannien hat die Krise besonders hart getroffen, denn seine Bedeutung als Finanzplatz ist enorm. Jetzt steht London vor einem Scherbenhaufen – und arbeitet schon an seiner Renaissance.

Matthias Thibaut[London]
City London
Tatort London. Die City London ist bekannt für ihren Finanzdistrikt. -Foto: dpa

Simon K. sitzt mit dem Blackberry in der Hand in einem Café im Zentrum der „City“ und starrt durchs Fenster auf den riesigen Bauzaun. Für einen Moment sieht alles tot und verlassen aus. Dann setzt sich ein Baukran in Bewegung. „Leadenhall Building 614 000 Square Feet Office Space“, die Werbung für neuen Büroraum klingt angesichts der Entlassungen, der Pleiten und der leer stehenden Büros in der Londoner City wie der reine Trotz. „Es bleibt uns nichts anderes übrig, als den Sturm zu reiten und unser Bestes zu geben“, sagt Simon. Mit Anzug, weißem Hemd und Manschettenknöpfen sieht er aus wie ein Banker. Auf dem Bauzaun steht in riesigen Lettern ein Spruch von Mahatma Gandhi: „Sei selbst der Wandel, den du in der Welt sehen willst.“ Simon steckt den Blackberry in die Tasche und steht auf. „Ob ich Angst um meinen Job habe? Hören Sie, in der City hat jeder Angst um seinen Job.“

Eine gute U-Bahn-Stunde entfernt steht Kevin Watson im Physikraum der Watford Grammar School for Boys. Er hat keine Angst mehr um seinen Job. Der Geruch von Schülerschweiß hängt in der Luft. Ein Schüler in schwarzer Schuluniform klopft. „Sir, haben Sie hier ein Handy gefunden?“

Watson hat die Jacke seines blauen Anzugs korrekt zugeknöpft, so ist er es gewöhnt. 15 Jahre lang war er Investment- Banker, fuhr jeden Tag mit der U-Bahn quer durch die Stadt in den Finanzbezirk, wenn er nicht gerade um die Welt flog. „Neue Leute kennenlernen, neue Länder sehen, ich wurde dessen nie müde. Und natürlich war die gute Bezahlung eine der Hauptattraktionen.“

Physiklehrer wurde Kevin, als er vor fünf Jahren von seiner Bank, Bear Stearns, entlassen wurde. Er und sein Team machten nicht genug Gewinn. Kevin war nicht überrascht, als Bear Stearns vor einem Jahr von JP Morgan, Chase & Co. übernommen wurde.

Jetzt bezieht er ein bescheideneres Lehrergehalt und hat es statt mit Bankern, „von denen jeder bereit ist, dir einen Dolch in den Rücken zu stoßen“, mit einem Kollegium zu tun, wo jeder den anderen unterstützt. Er ist zufrieden. „Viele Banker verlassen die City, wenn sie 40 werden, und fangen etwas Neues an. Ich habe kein Problem damit, hart zu arbeiten und viel Geld zu verdienen. Aber wenn das alles ist, verpasst man das Beste im Leben: Zeit für Beziehungen, sein Leben mit anderen teilen.“

Über die Krise liest er in der Zeitung. Von dem 1,5 Billionen Pfund teueren Rettungspaket für die einstürzenden Banken, von den Verstaatlichungen, den wegschmelzenden Pensionsfonds, den Entlassungen. Er liest, dass Premier Brown eine „neue Moral“ im Bankwesen fordert, und hört, wie die Bischöfe von den Kanzeln gegen „Gier und rücksichtslose Selbstbereicherung der Banker“ wettern. „Ja“, sagt Watson, „ich habe in meinen 15 Jahren gesehen, wie die alte Loyalität, die man für seine Bank hatte, durch individuelle Gier ersetzt wurde.“

Die Baustelle an der Leadenhall Street ist nicht die einzige. An der Skyline der City steht ein Kran neben dem anderen. Würde man die über 20 Bürogiganten, die zurzeit in Planung oder im Bau sind, aufeinanderstellen, würden sie vier Kilometer in den Himmel ragen. London ist auf Zukunft eingestellt. Doch niemand glaubt, dass diese Projekte jetzt noch gebaut werden. Jedenfalls nicht so bald.

„Manhattan an der Themse“ hieß London, als in den 90er Jahren die neuen Hochhäuser um die St. Pauls Kathedrale herum aus dem Boden schossen. Die Labour-Regierung und die City hatten einen Pakt geschlossen: Man ließ die City gewähren, solange Steuern für Schulen und Krankenhäuser in die Kassen von Schatzkanzler Brown flossen.

Die City wurde zum Nabel von Labours „Cool Britannia“. 2007 flossen 70 Milliarden Pfund aus der „Square Mile“ in die Haushaltskasse. Banken und Versicherungen liefern ein Fünftel der britischen Wirtschaftsleistung. Die 2,6 Quadratkilometer der City sind für Großbritannien, was die Autoindustrie für Deutschland ist – nur dass sie nicht von Öl und Nabenfett, sondern Champagner und Kaviar geschmiert wird. „Die City ist das Allerwichtigste. Der Rest des Landes kann dem Tourismus überlassen werden“, sagte ein Berater Browns.

London wurde ein Magnet für Wohlstand aus aller Welt. Die Regulierung war leicht, die Wohlstandssteuern niedrig. Die OECD zählte London zu den „offiziellen Steueroasen“ der Welt. Milliardäre aus allen Ländern zogen her, vor allem aus Russland. In den fünf Jahren bis 2005 wuchs das liquide Vermögen der Briten von einer Billion auf 1,6 Billionen Pfund, ermittelte die Analysten-Gruppe „Tulip Financial Research“ – während Durchschnittsbürger Schulden machten, um mit dem neuen Wohlstandsrausch Schritt zu halten. Die durchschnittliche Haushaltsschuld der Briten wuchs auf knapp 60 000 Pfund an.

Der Ex-Banker Geraint Anderson, der in dem Buch „City Boy“ die zynische City-Kultur von Macho-Wettbewerb, Großmannsucht und Materialismus beschreibt, resümierte: „Wir sind jetzt alle Thatchers Kinder. Wir leben in einem Land, wo es keine Gesellschaft, nur einen Haufen Individuen gibt, die miteinander um die Brocken kämpfen.“ Und er zitiert den Rapper Curtis „50 Cent“ Jackson: „Get rich or die trying“ – Werde reich, oder stirb beim Versuch, es zu werden.

Watson macht die Amerikaner für den Geldrausch verantwortlich, die in den 80er Jahren die bis dahin britischen oder europäischen Banken in London aufkauften und ihre Kultur des „Hire and Fire“ über den Atlantik brachten. „Man wurde in guten Zeiten angestellt und wusste, dass man wieder gefeuert würde, sobald es etwas schlechter lief. Das führte dazu, dass jeder so viel Geld wie möglich zu machen versuchte, solange es gut lief und, bis zum höchsten Management, Risiken aufhäufte. Auch die ganz oben, die eigentlich im Interesse der Aktionäre die Risiken hätten kontrollieren müssen, waren Teil dieser Kultur.“

Jetzt ist die Blase geplatzt, und London wird als „Reykjavik an der Themse“ verspottet. Im Februar bezahlte ein Banker im May Club in Soho noch einmal eine Champagner-Rechnung von 43 000 Pfund. Aber Schattenschatzkanzler George Osborne verkündet: „Die Party ist vorbei.“ Die Risiken erwiesen sich als unkontrollierbar. Die Wogen des Reichtums versickern. Laut dem Wirtschaftsinstitut Oxford Economics wird London mindestens 194 000 Jobs verlieren – davon mindestens 40 000 hochwertige Arbeitsplätze in der City.

Aber die Krise ist nicht durch Arbeitslosigkeit allein, nicht einmal durch Verluste und Bilanzkrisen definiert. Entscheidender ist, dass Londons Geschäftsmodell infrage steht, der Ruf der City, das Selbstvertrauen des Finanzsektors in sein aggressives Unternehmertum. Kevin Watson spricht von einem Riss, der durch die City ging. „Die Gemeinsamkeit der Interessen, das Vertrauen zwischen den Angestellten, den City-Arbeitern, und den Besitzern, den Aktionären, ist zerbrochen“. Statt getreulich das Geld der Nation zu hegen und zu pflegen, hat sich die City selber bereichert.

Deshalb ist der Fall von Sir Fred Goodwin jetzt wichtiger als das Schicksal von Lina Billimoria, die im Januar als IT-Managerin einer Vermögensverwaltung entlassen wurde – ein Schock, und eine Chance für die 43-Jährige. „Die Entlassung hat mir die Freiheit gegeben, einen alten Wunsch zu erfüllen.“ Sie möchte jetzt an einer Grundschule arbeiten, dort Computertechnologie einführen „und ganz andere Erfahrungen machen“.

Bei der Krise der City ist es nicht so, wie wenn eine Autofabrik schließt und die Arbeitslosen am Arbeitsamt Schlange stehen. City-Arbeiter gehen nicht aufs Arbeitsamt. „Sie sind adaptionsfähig und risikofreudig, gute Networker und artikuliert. Das sind in der Regel Leute, die ihr Schicksal in die Hand nehmen“, sagt der Psychologe Peter Jenkin Morgan, der seine Praxis in der City hat. 2001, als die Dot-Com-Blase platzte und sieben Prozent der City-Angestellten den Job verloren, schmolzen die Arbeitslosen fast ohne Aufhebens weg. Organisationen wie „Voluntary Services Overseas“, die Entwicklungshelfer vermitteln, melden gesteigerte Anfragen; auch die Klempnerschule „Pimlico Plumbers“, die von dem ehemaligen Computerprogrammierer Mike Portsmouth gegründet wurde. Die Jungen und Flexiblen gehen auf Reisen oder arbeiten im Ausland.

Sir Fred pocht dagegen auf seine Rente. Er ist zwar erst 50, bezieht aber, seit er seinen Job verlor, eine Bankdirektorenpension von 703 000 Pfund jährlich – und hat damit einen Aufschrei im Land ausgelöst. Zehn Jahre lang war er Chef der Royal Bank of Scotland, machte die Bank durch immer gewagtere Übernahmen zu einer der größten der Welt, bis er die Sache mit der kühnsten Übernahme in den Sand setzte. 50 Milliarden Pfund bezahlte er für die holländische Großbank ABN Ambro – gerade, als die Blase platzte. „Es könnte mir nicht mehr leidtun“, entschuldigte sich Sir Fred vor einem Unterhausausschuss und räumte seine Fehler ein. Auf die Pension will er dennoch nicht verzichten. Sogar der Chef der britischen Notenbank, Mervyn King, wunderte sich, „dass alle es für eine gute Idee hielten, Bankdirektoren auf diese Weise zu bezahlen“.

Kevin Watson erklärt, warum die Bezahlung der Banker im Kern der Krise steht. „Weil die Angestellten in den Banken bis hinauf zu den höchsten Direktoren begannen, für sich selber zu arbeiten, statt für die Bank und ihre Aktionäre.“ Noch schärfer als der Chef der Bank von England fragt der Physiklehrer aus Watford, wie jemand eine solche Pensionszahlung autorisieren und glauben konnte, damit im Interesse der Institution und der Aktionäre zu handeln. „Das Gleichgewicht zwischen den Institutionen und ihren Angestellten ist aus den Fugen geraten. Es muss repariert werden. Es ist eine Frage der Unternehmensverfassung und der Kultur. Beides muss sich ändern.“

Pünktlich um 11 Uhr 55 erscheinen im London Metal Exchange in der Leadenhall Street, ein paar Meter vom Bauloch entfernt, die Buchstaben „Al“ auf einem großen Bildschirm. Ein paar Männer mit Anzügen sitzen auf roten Lederbänken, die einen Kreis bilden. Drumherum stehen andere an Computerbildschirmen oder haben Telefonhörer am Ohr. Einer zeigt drei Finger und macht mit der Hand kreisende Bewegungen. Plötzlich wedelt der schlanke Mann mit der randlosen Brille mit seinen Papieren und schreit etwas wie „Buy, buy, kaufen, kaufen“. Andere fallen ein, das Gemurmel wird zum Lärm, dann zum Dröhnen, als würde in einem Bierkeller Panik ausbrechen. An einer elektronischen Anzeigentafel bewegen sich Zahlen geheimnisvoll nach oben. Punkt 12 Uhr klingelt eine Glocke und es wird still. In diesen fünf Handelsminuten wurde der Aluminiumpreis für die Welt festgelegt. „Aluminium zwei Prozent stärker“, melden die Agenturen.

Der „Metal Exchange“, eine der ältesten Handelsbörsen der Welt, ist eines von vielen Symbolen für die institutionelle Resistenz der City. In einer Vergleichsstudie der weltweit wichtigsten Finanzdienstleistungszentren lag London Anfang März unverändert auf Platz 1 – vor New York. In der Liga der teuersten Städte für Büroansiedlungen ist London dagegen zum ersten Mal in neun Jahren hinter Tokio und Hongkong auf den dritten Platz gerutscht.

„London wurde schneller und härter getroffen, weil seine Bedeutung als Finanzplatz so enorm ist und weil es dem internationalen Handel voll ausgesetzt ist“, sagte der stellvertretende Direktor des Internationalen Währungsfonds, John Lipsky. London ist wegen seiner internationalen Verflochtenheit anfälliger, könnte aber genau aus diesem Grund wieder schneller aus der Krise auftauchen, glaubt ein Bericht der London School of Economics über die Aussichten für die City. Auch City-Skeptiker Watson glaubt, dass London ein global führendes Finanzzentrum bleiben wird. „Weil wir Briten wendig und flexibel sind und wissen, wie man in Marktsituationen schnell reagiert.“

Unweit der „Bank“, dem Mittelpunkt der City, erinnert das „Monument“ an den Brand, der 1666 die City in Schutt und Asche legte. „Dies ist nicht das erste Mal, dass London schwer getroffen wurde“, sagt Lord Mayor Ian Luder. Er sieht in der globalen Krise eine globale Chance, von der London profitieren kann. „Buchhalter sehen auf die Schulden und Minusbeträge. Aber es sind unsere immateriellen Aktiva, die uns aus der Krise bringen werden“. Gerade erst wurde die Flamme oben auf der 61-Meter-Säule neu vergoldet.

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