Zeitung Heute : London bringtes an den Tag

HERMANN RUDOLPH

Programmatiker und Pragmatiker: In der SPD verstricken sich derzeit beide Linien in einer Weise, die die Partei in die Defensive drücktVON HERMANN RUDOLPHDeutschland ist nicht England, die erneuerte Labour-Party nicht die SPD, von den Unterschieden zwischen deren Führungsgrößen und Tony Blair ganz zu schweigen.Man braucht sich also vielleicht nicht zu wundern, daß der Jubel in der SPD über den Wahlsieg der britischen Schwesterpartei merkwürdig rasch verklungen ist - obwohl doch die Sozialdemokraten, die bei den kommenden Bundestagswahlen fast genauso lange in der Opposition sein werden wie es die Labour-Party war, dringend eine Rückenstärkung bedürfen.Aber der Wahlsieg von Tony Blair hat eben nicht nur ein Exempel dafür geboten, daß eine Partei es schaffen kann, aus einem fast endlos anhaltendem Tief herauszukommen.Blairs Erfolg, errungen um den Preis der Annahme der Veränderungen, die die Konservativen in die englische Gesellschaft eingegraben haben, spielt der SPD auch einen Probierstein zu, an dem sich zeigt, wo sich die politischen Linien in der SPD scheiden. Nun haben es die Protagonisten der SPD dem Publikum ja nie besonders schwer gemacht, Differenzen zwischen ihnen zu entdecken.Daß Lafontaine für die härtere, konfrontative Gangart steht, Schröder für die aufmunternde Geste genen über der Wirtschaft, weiß heute jedes Kind.Doch vor dem Hintergrund des englischen Ereignisses drängt sich auf, wie verschieden, erstens, die Modelle des Machtwechsels sind, auf die die beiden potentiellen Spitzenkandidaten setzen.Und, zweitens, wird sichtbar, daß es das unterschiedliche Verhältnis zur Wirklichkeit der Industriegesellschaft ist, an dem die politischen und persönlichen Spannungsfelder zwischen Lafontaine und Schröder aufbrechen. Natürlich ist es übertrieben, Lafontaines Strategie auf den Nenner der Sonthofen-Strategie des seligen Franz-Josef Strauß zu bringen.Doch bleibt unübersehbar, daß sie darauf gerichtet ist, durch die Zuspitzung von Gegensätzen den Wind des Wunsches nach einem Wechsel, den man in dieser Gesellschaft spüren kann, zum Sturm zu machen.Schröder dagegen glaubt offenbar, daß man den Wechsel kompromißfähiger wird fahren müssen, wenn er gelingen soll - sozusagen in der Breite der vorherrschenden Bedürfnisse, von Arbeitnehmern bis Unternehmern, abgestützt. Lafontaine und Schröder verkörpern damit auch die zwei Linien, die es in der SPD immer gegeben hat.Man könnte sie die von Programmatikern und Pragmatikern, von Parteitagen und politischer Praxis nennen - was auf Schlagworte bringt, daß die Partei stets in Versuchung war, ihre Politik am Leitseil ehrgeiziger Programme entlang und an den realen Verhältnissen vorbei zu machen.In der Gegenwart, durchzogen von einer Vielzahl wilder Modernisierungsprozesse, schlägt sich dieses sozialdemokratische Uralt-Dilemma nieder in einer - mindestens - ambivalenten Stellung zur Modernisierung und der Gefahr, schließlich zur Partei des administrierten Schutzes vor Veränderungen - die SPD, wie man spöttisch gesagt hat, als Betriebsrat im Unternehmen Bundesrepublik. Die beiden Linien hat es in der SPD immer gegeben.Da liegt es nahe, daß sie abermals im Kampf um die Macht hervortreten und daß es dieses Konfliktmuster ist, nach dem Lafontaine und Schröder Position beziehen.Auch nicht neu, aber fatal für die SPD ist es, daß sich die beiden Linien gegenwärtig in einer Weise verstricken, die die SPD in die Defensive drückt.Allerdings: aufgelöst, aufgehoben wurde diese Spannung immer nur durch besondere Personen und Konstellationen - etwa in den sechziger und siebziger Jahren, der großen Zeit der SPD.Aber damit sind wir wieder bei Tony Blair.Denn dessen Erfolg liegt doch wohl darin, daß sein persönliches Charisma die Bruchlinien der Partei überwand.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar