Zeitung Heute : London: Durch die Mörder-Metropole

Peter Münder

Keine beschaulichen London-Touren rund um Picadilly-Circus, Trafalgar Square oder den Tower schlägt uns Gerald Hagemann in seinem Führer vor, sondern faszinierende Rundgänge zu den Wirkungsstätten von Säurebadmördern, Giftmischern, Prostituiertenmördern und anderen Killern. Statt der Heldentaten über Lord Nelson also gruselige Details über die verstümmelten Opfer von Jack the Ripper, Beschreibungen der Mordwerkzeuge im Black Museum statt elegischer Hymnen auf die Elgin Marbles im British Museum. Kriminalgeschichte als Kulturgeschichte also: "Machen wir uns nichts vor", meint Hagemann, "seit Caurasius, Befehlshaber der römisch-britischen Flotte 286 nach Christus gegen Kaiser Diokletian rebellierte und sich zum Herrscher über die britischen Inseln ausrufen ließ, ist London nie mehr eine gewaltlose Stadt gewesen."

Durch Whitechapel auf den Spuren von Jack the Ripper, eine Besichtigung des Kriminalmuseums im New Scotland Yard, Abstecher zu Polizeiwachen, Gerichten, Hinrichtungsstätten und zu Schauplätzen, an denen spektakuläre Morde verübt worden: Die zwölf Rundgänge durch Bloomsbury, Covent Garden, Notting Hill, Westminster, Chelsea, Soho sind ebenso informativ wie spannend. Ganz abgesehen davon, dass der Goldschmied, Zauberrequisitenhersteller und Kriminalautor Gerald Hagemann ein amüsanter Plauderer ist. "Es war wieder mal Zeit, das Fass mit Säure aufzufüllen", schreibt er etwa, als der Säurebadmörder John George Haigh wieder pleite war und sich auf sein nächstes Opfer vorbereitete, auf dessen Vermögen er es abgesehen hatte.

Natürlich vermitteln die Rundgänge auch bezeichnende Einblicke in gesellschaftspolitische Zusammenhänge. Da brauchte sich 1889 ein gutbürgerlich gekleideter Verdächtiger mit Blut auf den Manschetten nur als Gentleman mit besten Connections auzugeben, um von der Polizei sofort freigelassen zu werden.

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