Zeitung Heute : Londoner U-Bahn: Ein Fiesling für die Unterwelt

Matthias Thibaut

Er ist rücksichtslos, brutal und verschlagen, genau der richtige Mann für den Job, und wenn er es schafft, ist er jeden Penny wert." Wie einen finsteren Kopfjäger pries der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone den Mann an, den er in den USA angeheuert hatte. "Nie hingen die Hoffnungen der Nation an einem so seidenen Faden", trompetete der "Evening Standard", und die Pendler drückten, als sie lasen, was der amerikanische Fiesling verdienen sollte, die Nasen noch ein bisschen tiefer in die Zeitung: zwei Millionen Pfund für einen Vierjahresvertrag und als Dienstwohnung ein Zwei-Millionen-Pfund-Haus am Sloane Square. Bob Kiley, der in seinem langen, grauen Staubmantel wirklich ein bisschen wie ein alternder Westernheld aussieht, soll dafür nicht gefährliche Gangster aus der Stadt verjagen, sondern die Londoner U-Bahn vor dem endgültigen Verfall retten. Und das möglichst, bevor sich Livingstone 2004 wieder zur Wahl stellen muss.

"No chance", sagt Sandra, Sekretärin und U-Bahn-Nutzerin, befragt nach den Aussichten. Kiley gilt als bester Nahverkehrsmanager der Welt, aber das lässt sie kalt. Immerhin hat der Ex-CIA-Offizier die U-Bahnen von Boston und New York auf Vordermann gebracht und sich als Chef der New Yorker U-Bahn einen Ruf als "Hammer der Gewerkschaften" erworben. Der "rote Ken" und der EX-CIA Agent, schon ein seltsames Gespann.

Wir stehen vor der Holborn Tube Station im Gedränge, und da ist der Hoffnungshorizont beschränkt. Es ist Rush Hour, kurz vor sechs, und das Scherengitter am U-Bahn- Eingang ist geschlossen. Fast täglich stehen die Menschen so in Trauben bis auf die Straße und warten auf Einlass. "Wir müssen den Zugang zu den Bahnsteigen wegen Überfüllung einschränken. Wir tun das Ihrer Sicherheit zuliebe. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten", wiederholt die Lautsprecherstimme immer wieder. Man bleibt höflich. In Deutschland wäre wohl längst Geschimpfe ausgebrochen. Hier zuckt man apathisch mit den Achseln. "Ken stellt 24-Stunden-Ultimatum. Livingstone will Regierung wegen Privatisierungsvorschlägen vor Gericht bringen", steht auf der Abendzeitung in dicken Lettern. Sandra, abgestumpft vom täglichen Chaos auf der Central Line, sagt nur: "Ich glaube es, wenn ich es sehe."

Die Londoner haben Livingstone (Jahresgehalt als Bürgermeister: 84 385 Pfund) gewählt, weil er versprach, etwas gegen die U-Bahn-Misere zu tun. Seit die Regierung in den achtziger Jahren die Betriebszuschüsse zurückschraubte, sind die Zustände bei der ältesten U-Bahn der Welt von Jahr zu Jahr katastrophaler geworden. Chronische Überfüllung, Verspätungen, Hitze und Schmutz. Im Dezember war jede zehnte Rolltreppe außer Betrieb, und auf der Piccadilly Line zum Flughafen fielen über ein Fünftel der Züge aus. Nur die jährliche Erhöhung der Fahrkartenpreise kommt bei der "Tube" noch pünktlich. Als Kiley vor einem Jahr in London war, musste er wegen einer ausgefallenen Rolltreppe "eine endlose Reihe von Treppen hochsteigen. Das hat einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen".

Vorerst haben Livingstone und Kiley aber gar keine U-Bahn, die sie wieder auf die Beine bringen könnten. Die Regierung Blair will die legendäre "Tube" erst teilweise privatisieren, bevor sie förmlich der neu geschaffenen Stadtregierung übetragen wird. Hat man Angst, dem abtrünnigen Livingstone, der mit seiner Kandidatur gegen den offiziellen Labourkandidaten so viel Staub aufgewirbelt hatte, zu viel Macht zu überlassen? "Nie werde ich die Zerschlagung der U-Bahn zulassen", versprach Livingstone. Die Londoner stimmen ihm mit überwältigender Mehrheit zu. Sie haben mit den privatisierten Eisenbahnen schon genug Verdruss.

Vor den Augen der ungläubig staunenden Londoner findet so, beflügelt von alten ideologischen Feindschaften in der Labourparty, ein erbittertes Tauziehen um die U-Bahn statt. Labour will die Schienenwege drei Privatkonsortien 30 Jahre lang überlassen, um sich die riesigen Investitionskosten zu sparen. Zehn Milliarden Pfund werden in den nächsten zehn Jahren gebraucht. Jede der Gesellschaften würde die Schienenwege von vier bis fünf U-Bahnlinien übernehmen und diese dann an die öffentliche Hand zurückvermieten. "Idiotisch", sagt Kiley über den Plan, eine "Balkanisierung des U-Bahnsystems". Auch sei die Sache viel zu teuer. "Wir wissen nicht einmal, wie viel die privaten Konsortien für ihre Aufwendungen berechnen wollen. Wer auch nur ein bisschen Verstand hat weiß, dass man mit einem U-Bahn-Netz kein Geld verdienen kann."

Praktisch alle Experten stehen hinter Kiley und Livingstone. Doch Schatzkanzler Brown hat einen von Verkehrsminister Prescott und Kiley ausgehandelten Kompromiss abgelehnt. Der eiserne Schotte traut den U-Bahn-Managern nicht zu, dass sie die Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur effizient verbauen können. Zum Beweis kann er auf das Missmanagement beim Bau der neuen Jubilee Line verweisen. "Wir lassen uns nicht von diesem Yankee herumkommandieren", werden Mitarbeiter aus dem Schatzamt zitiert. "Wie der Zauberer von Oz" halte Brown im Hintergrund die Fäden der Verhandlungen in der Hand, konterte Kiley in einem Papier, in dem er den Alternativplan erläutert, die U-Bahn-Renovierung durch Pfandbriefe zu finanzieren.

Der Streit tobt seit Monaten. Politisch steht einiges auf dem Spiel. Wenn die Regierung an ihren Plänen festhält oder Kiley gar das Handtuch wirft, wird sich Livingstone für den Rest seiner Amtszeit vor der Verantwortung für die U-Bahn drücken können. Nur - auch Schatzkanzler Brown hat sich mit seinem ganzen Prestige hinter den Labourplan gestellt. Und er, sagen die, die es wissen müssen, habe noch nie im Leben einen politischen Rückzieher gemacht.

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