Zeitung Heute : Londons heimliche Herrscher

Die City ist nur ein kleiner Bezirk der britischen Hauptstadt – doch dort sitzt das große Geld. Seit dem Mittelalter regiert hier die City Corporation, mit Macht verändert sie das Gesicht der Stadt. Ein Pfarrer kämpft dafür, dass dabei die Menschen nicht vergessen werden.

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Von Claudia Keller Die Sonne ist für die anderen. In Aysha Azads Wohnzimmer schlüpft das Licht nur wenige Stunden durch die schmalen Fenster. Damit hat sie sich abgefunden. Auch dass die Küche kein Fenster hat und die Tochter jeden Tag mault, weil der Geruch von Curry überall hängt: in den Jeans, in den langen schwarzen Haaren, in den Koranseiten. Wenn die Hochhäuser gegenüber stehen, wird sie wohl den ganzen Tag die Lampen brennen lassen, ans Lüften der Küche ist dann gar nicht mehr zu denken, sagt die kleine Frau und zupft ihren roten Sari zurecht. Sie will sich wehren gegen die Baupläne. „Aber die Leute von der City interessiert sowieso nicht, was wir denken. Wir sind ja nur Mieter. Und das sind nur Sozialwohnungen.“ 900 Euro im Monat zahlen die Azads für ihre vier Zimmer. Nicht viel für die Londoner Innenstadt.

Eine halbe Stunde zu Fuß von Aysha Azad entfernt spannt sich der Himmel weit und hellblau über der mittelalterlichen Guildhall. Junge Frauen und Männer in schwarzen Anzügen hasten vorbei, das Handy am Ohr, Akten unterm Arm. Hier ist das Herz der City of London, jenes 2,6 Quadratkilometer großen Innenstadtbereichs, den die Engländer Square Mile nennen. Um die Ecke ist Londons Wall Street mit den Banken, Unternehmensberatungen, der Börse. Seit über 800 Jahren treffen sich in der Guildhall die Mitglieder der City of London Corporation. Ein Gremium, das von den Firmen und den nur 6000 Bewohnern der kleinen Londoner City gewählt wird, und das mittlerweile über Bauprojekte in der gesamten Millionenmetropole bestimmt. Dabei geht es um neue Bürotürme – und um viel Geld, um Millionen und Milliarden Pfund, Euro, Dollar, Yen. Und es geht um massive soziale Umbrüche.

Schon im elften Jahrhundert rang die City als wichtigster Handelsplatz Britanniens der Krone ein unabhängiges Stadtrecht ab, das erste im gesamten Königreich. Eine Geschichte, auf die die City of London Corporation stolz ist. Jedes monatliche Treffen der 125 Mitglieder wird in alter Tradition zelebriert: In roten und blauen Umhängen steigen die Männer und Frauen vor der Guildhall aus ihren Limousinen, in einer Prozession ziehen sie in den Saal, der mit seinem steinernen Gewölbe und den großen Bogenfenstern wie eine gotische Kathedrale aussieht. Zwei Lakaien tragen Schwert und Zepter voran, sie gehören zum Lord Mayor, der mit Perücke und pelzbesetzter Robe die Corporation nach außen repräsentiert.

Was man als britische Absurdität abtun könnte, versinnbildlicht die Macht des Geldes. Früher finanzierte die City die Kriege der Könige, heute ist sie „ein globales Machtzentrum“, sagt Michael Snyder, der die Geschäfte der Corporation führt und sich gern als deren „Premierminister“ vorstellt. „Die City of London ist der weltweit führende Dienstleister für die Finanzindustrie“, sagt er. „Deshalb ist die britische Regierung von uns abhängig, eigentlich sogar ganz Europa.“ Und vor allem London: Mit ihrem Geld finanziert die City Corporation öffentliche Parks wie Hampstead Heath, sie unterhält Schulen und gibt Geld für Busse und U-Bahnen. Eine Hilfe, auf die die chronisch klamme Stadt angewiesen ist. Und jedes neue Bauprojekt steigert den Grundstückswert – und damit die Steuereinnahmen für den Bezirk. Londons Oberbürgermeister Ken Livingstone und selbst Tony Blair seien jedenfalls jederzeit offen für seine Anliegen, sagt Snyder. Ein Anruf genüge.

Ein Mitglied der City Corporation hat wenig Zeit für Pomp und Circumstance. William Taylor muss für einen Vortrag Bibel, Koran und Thora vergleichen, die Sonntagspredigt vorbereiten und über die Doktorarbeit nachdenken. Außerdem ist er mit Aysha Azad verabredet. „Macht nichts, wenn ich die Phrasen über die Finanzindustrie verpasse“, sagt er. Dass alle Londoner und nicht nur die Banker etwas vom Blau des Himmels abbekommen, sei viel wichtiger. Er setzt sich dafür ein, dass nicht nur die Interessen der Finanzindustrie Gehör finden in der City, sondern auch die der normalen Londoner, der Minderheiten, der Bangladeschis wie Aysha Azad.

„Es kann doch nicht angehen, dass die City of London Corporation, dass das Herz Londons eine reine Businesslobbygruppe ist.“ Taylor, 41 Jahre alt, groß, schlank, geht in Aysha Azads Wohnzimmer auf und ab und verzieht seine Lippe verächtlich. Er ist Pfarrer der anglikanischen Kirche, arbeitet in einem interreligiösen Forschungszentrum und versucht nebenbei „mehr Demokratie in die City of London Corporation zu bringen“. Seit zwei Jahren ist auch er dort Mitglied. Die Azads und andere Einwandererfamilien haben ihn gewählt. Sie leben in Portsoken, einem Viertel am östlichen Rande der City, in schäbigen Sozialwohnungen. Taylor hatte sich dafür eingesetzt, dass dort eine Schule nicht für ein Bürohochhaus weichen musste. Woanders hätte er vermutlich keine Chance gehabt. Denn die meisten der wahlberechtigten 6000 Anwohner der City sind selbst Banker. Sie würden einen wie ihn, dessen Herz nicht im Börsentakt schlägt, kaum wählen. Die Zeremonien, die Roben in der Guildhall seien schon ein bisschen gewöhnungsbedürftig, sagt Taylor, der ein zerschlissenes orangefarbenes Cordhemd trägt.

„Die City Leute sagen, dass der unregulierte Markt eine Art Naturgesetz ist. Dass es dazu keine Alternative gibt. Dass deshalb keine politischen Debatten nötig sind“, sagt Taylor. „Das kann man so sehen. Aber das ist natürlich nur eine Seite. Was die Banker und Finanzinvestoren beschließen, verändert London total. Da muss doch öffentlich drüber diskutiert werden. Leben wir in einer Demokratie oder nicht?“ Aysha nickt. Als Mitglied der Corporation kennt der Pfarrer die Pläne für die Glaspaläste, für die Bürotürme, die nicht nur in der City, sondern auch in den benachbarten Bezirken errichtet werden sollen. Die Planer gehen davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren eine halbe Million Menschen nach London ziehen werden, zahlungskräftige Diener der Finanzindustrie. Die Hochhäuser, die vor Ayshas Wohnzimmer gebaut werden sollen, sind nur ein Anfang. Allein in Tower Hamlets, in dem Bezirk, der sich im Osten an die City anschließt, sollen Büros für 100 000 Menschen und Wohnungen für 80 000 entstehen. Jetzt leben hier 200 000 Menschen. Tower Hamlets zählt zu den ärmsten Gegenden Großbritanniens.

William Taylor fürchtet, dass gewachsene Gemeindestrukturen auseinandergerissen werden. Menschen, die jetzt schon täglich um ihr Auskommen bangen, werden dann keine Chance mehr hier haben. Auf dem Weg zu Aysha hat der Pfarrer eine Zeitung gekauft. Die Titelgeschichte handelt davon, dass Ende 2006 über 4000 Citybanker einen Bonus von mindestens 1,5 Millionen Euro erhalten. Taylor deutet auf die Zeile: „Das wird die wahnsinnigen Wohnungspreise noch weiter steigern“, schreibt der Kommentator.

Schon jetzt koste ein großes Appartement in der City im Schnitt 1,5 Millionen Euro. Für 220 000 Euro könne man eine Garage kaufen, für 150 000 einen Stellplatz. Da sich im Westen ein Grüngürtel um die City legt, könne das ganze Geld nur im Osten und Norden der Stadt investiert werden, sagt der Pfarrer. Ähnliche Entwicklungspläne wie für Tower Hamlets hätten auch die Bürgermeister der angrenzenden nördlichen und östlichen Bezirke in der Schublade.

„Kaum jemand traut sich, etwas gegen die City zu sagen. Dass Wirtschaftsinteressen vorgehen, ist mittlerweile Common Sense.“ Taylor holt aus seiner Umhängetasche einen Artikel aus einer Fachzeitschrift für Stadtplanung hervor. Die Wissenschaftler weisen nach, wie sehr auch der Londoner Oberbürgermeister Ken Livingstone und seine Stadträte von der City Corporation beeinflusst werden. Sie sind zwar die demokratisch gewählten Volksvertreter, vergleichbar dem Berliner Senat. Die Macht aber habe die City, die über das Geld verfüge. „Und wie viel Geld!“, sagt der Pfarrer. „Allein die jährlichen Einnahmen aus den historischen Gebäuden und Grundstücken in London machen 100 bis 130 Millionen Euro aus.“ Dazu kommt noch Geld aus den Steuern, die die Firmen der City zahlen. Mit dem Geld wird heute in der City fünfmal am Tag die Straßen gefegt und eine eigene Polizei bezahlt.

Auf dem Heimweg läuft der Pfarrer an Spitalfields Market vorbei. Er habe nicht grundsätzlich etwas gegen die City, sagt er. Er freue sich, wenn es London finanziell gut geht. Aber er sehe eben auch die negativen Folgen. Zum Beispiel, dass die Atmosphäre vieler Straßen verloren gehe. Hier, zwischen Liverpool Street Station und Brick Lane, befand sich früher einer der wichtigsten Obst- und Gemüsemärkte Londons, sagt Taylor und zeigt auf einen alten, fein sanierten Backsteinbau mit ziseliertem Eisentor. Mit Mitte 20, nach dem Theologiestudium in Oxford und bevor er Pfarrer wurde, hat er sich in diesem Stadtteil niedergelassen. Hier, wo Charles Dickens seinen „Oliver Twist“ aufwachsen ließ und Jack the Ripper sein Unwesen trieb.

Taylor ist vom Universitätscampus zu den Einwandererfamilien aus Bangladesch in die Brick Lane gezogen. Er stand morgens um fünf auf und arbeitete auf dem Gemüsemarkt als Laufbursche. Er jobbte in Kneipen als Kellner, wollte wissen, worüber die Kumpels lachen, in welchen Kneipen sie Bier trinken, zu welchen Prostituierten sie gehen. Ein Gemüsehändler sagte ihm damals: „Wie erfolgreich ein Markt ist, hängt davon ab, welche Leute kommen und wie die miteinander umgehen. Es ist eine Sache der zwischenmenschlichen Kontakte, der Atmosphäre. Das ist etwas ganz anderes als Effizienz und Leistung“. Das Gleiche gelte für London, sagt Taylor. Wo es keine gewachsenen Gemeinschaften gebe, funktioniere eine Stadt nicht mehr.

Der Pfarrer hat zusammen mit den Händlern und Anwohnern, mit den Besitzern der georgianischen Häuschen in der Nachbarschaft gekämpft, dass Spitalfields Market erhalten bleibt. Damals traf er zum ersten Mal auf die Macht der City Corporation, die er vorher nicht kannte. Er demonstrierte, verteilte Flugblätter, machte Eingaben. Er hat ein Buch über das Viertel geschrieben. Genutzt hat es wenig. Die Markthalle existiert nur noch zur Hälfte, darüber wölbt sich ein gläserner Bürokomplex. Touristen wühlen auf der Suche nach Schnäppchen in silbernen Ringen und indischen Seidenschals. Wenn es nach den City-Planern geht, wird es auch bald den Smithfield Markt nicht mehr geben. Hier sollen viktorianische Hallen durch gläserne Bürotürme ersetzt werden. „Ich glaube, die wollen aus London ein langweiliges Frankfurt machen“, sagt Taylor.

London hat sich immer verändert, doch seit der Erfindung der Eisenbahn hat sich nicht mehr solch eine Flut von Bauprojekten über die Stadt ergossen. im 19. Jahrhundert lebten 150 000 Menschen in der City, heute ist das Herz Londons von Pendlern bevölkert, 340 000 Menschen fahren täglich zum Arbeiten in die Büros der City. Die Immobilienpreise in ganz London sind explodiert: Vor 30 Jahren, erzählt ein Anwohner, kaufte er sein viktorianisches Haus im Osten Londons für 4500 Euro, heute ist es 750 000 wert. Der Haken: Um ein solches Haus halten zu können, braucht man Geld – die Gemeindesteuern bemessen sich am Wert des Hauses. So wird vielen alteingesessenen Bewohnern das Leben in der City und auch in äußeren Bezirken zu teuer.

Angesichts dieser Veränderungen, die Auswirkungen auf so viele Londoner hätten, sei es nicht tragbar, dass die so einflussreiche City Corporation von 6000 City-Bewohnern gewählt werde. Die in der Square-Mile ansässigen Firmen hätten von der Anzahl ihrer Angestellten abhängig zwar auch Wählerstimmen, aber in der Regel lege das Management fest, wer wählen dürfe und wer zur Wahl stehe. Taylor will, dass alle 340 000 Angestellten wählen dürfen. „Wenn die wüssten, dass die Pläne auch ihre Heimatbezirke betreffen, würden die sich bestimmt interessieren.“

Tony Travers befasst sich als Professor an der London School of Economics mit der Entwicklung Londons. „Die City Corporation hat seit 1000 Jahren nichts an Macht eingebüßt“, sagt der Mann mit dem grauen Bürstenschnitt und lehnt sich im Sofa einer Hotellobby zurück. Früher seien die Kaufleute und Zünfte die treibenden Kräfte gewesen, heute sei es der Finanzsektor. Natürlich habe die City auch mehr zu sagen als Oberbürgermeister Ken Livingstone und ihre Macht beschränke sich nicht auf den Finanzdistrikt. „Und ja, die City of London Corporation ist ein Überbleibsel aus der Vergangenheit. So etwas wäre in keinem anderen europäischen Land möglich.“ Die City werde von einer Art Verdienstadel der Banker regiert. Travers schaut in die Ferne und kann daran nichts Schlimmes finden: „Die britische Verfassung ist ja auch nicht wirklich demokratisch“, sagt er, man müsse sich nur die Queen anschauen oder das House of Lords mit seinen vererbbaren Sitzen. Der Professor nennt das schlicht „ den britischen Pragmatismus.“

Michael Snyder, der Geschäftsführer der City Corporation, wird deutlicher. Für langwierige Debatten sei hier eben nicht der richtige Platz. „Wir können uns ganz auf den Finanzmarkt konzentrieren. Das ist unsere Stärke. Traditionelle demokratische Abläufe mit konkurrierenden Parteien und Wahlkämpfen würden uns nur davon ablenken.“ An den Wänden seines Büros hängen schon Entwürfe künftiger Bürotürme. Berlins Regierender, weiß Snyder, habe es da doch viel schwerer.

Pfarrer William Taylor hat das Forum „Open City of London“ gegründet, um den Londonern eine Stimme zu geben, die die Pläne der City kritisch sehen. „Ist das nicht meine Verantwortung als Vertreter eines Viertels in der City Corporation? Ist das nicht meine Aufgabe als Pfarrer?“ Seine Kollegen aus der City Corporation meiden ihn mittlerweile. „Die wichtigen menschlichen Dinge ereignen sich nicht in den Machtzentren, nicht in der City of London, sondern am Rande“, predigt er beim Sonntagsgottesdienst. „Die Leute erzählen mir, wie sehr sie auf der Suche nach Spiritualität sind, aber dass sie die Kirche, das organisierte Christentum ablehnen.“ Christen sollten sich nicht weniger organisieren, sondern mehr, sagt er, und auch nicht unter sich bleiben: „Denn Solidarität ist Macht“. Aysha Azad hat das erkannt: Mit ihren Nachbarn sammelt sie jetzt Unterschriften gegen die Baupläne.

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