Zeitung Heute : Lorenz Adlon Ochsenschwanz mit Pfiff

Elisabeth Binder

VON TISCH ZU TISCH

Wenn ein Luxusrestaurant eine Reservierung entgegennimmt, ohne nach der Telefonnummer des Anrufers zu fragen, kann man beruhigt Aktien kaufen: Tiefer wird das Tal der Rezession kaum werden. Den Vorzeigekoch des Adlon, Karl-Heinz Hauser, hat es vor einiger Zeit ausgerechnet ins schöne Blankenese verschlagen. Die Nachfolger geben sich schon bei den Amuse Gueules intelligent in einer schlicht-pfiffigen Ausprägung. Die Appetitanreger sind in dieser Klasse am besten mit den ersten, alles entscheidenden Sekunden eines Autorennens zu vergleichen. Da werden Akzente gesetzt: Wantan mit Zander gefüllt, grüner Spargel in der Lachsroulade, Hummermedaillon. Das geht in eine leichtere, spielerische Richtung, der hoffentlich die Zukunft gehört. Auch der zweite Amuse-Gueule-Gang hatte Witz und Klasse, ein pikantes Ochsenschwanzragout in der Kupfercasserole mit Brotrand um den Deckel.

Dazu gibt es einen Lichtblick, was den sonst oft pompös-pädagogischen Service in Luxusrestaurants betrifft. Je mehr Frauen auch in diese von klerikalem Zeremoniell bestimmte Domäne vordringen, desto erträglicher wird es. Im Lorenz Adlon trafen wir auf eine Service-Managerin, die exakt den richtigen Ton zwischen Selbstbewusstsein, Würde, Zurückhaltung und Dienstleistungsgeist auf höchstem Niveau traf. Schlicht, vornehm, freundlich, aufmunternd und kein bisschen belehrend.

Die Speisekarte wirkte fast untertreibend, denn die Saucen, denen nach bester französischer Sitte ganz offensichtlich eine besondere Zuneigung der Köche gilt, werden kaum erwähnt. Dabei fand ich den fruchtigen roten, mit grünweißem Kräuterrand dramatisch eingefassten Spiegel, auf dem sich das Küchlein aus Thunfischtartar befand, besonders gelungen; gekrönt wurde das Ganze mit Kaviar und Blattgold. Das Olivenciabatta dazu war fast zu kräftig im Geschmack. Crostini in einer originellen Abwandlung hätten womöglich besser gepasst. Wunderbar saftig und zart war der Loup de Mer mit reichlich Trüffeln und fast schwebendem Kräuterschaum, dazu bitter-süßer glasierter Chicoree als aparter Geschmackskontrast.

Kommen wir zur Hauptsache. Neben den Menüs gibt es die Klassiker für zwei Personen, wir entschieden uns für die Steinbuttkoteletts. So perfekt saftig würde man den Steinbutt in einer kleineren Portion wohl nur sehr schwer hinbekommen. Warum die Flusskrebse dazu nicht ganz von ihrem Panzer befreit worden waren, habe ich nicht verstanden. Dafür war die Sauce wieder exzellent. Das glasierte Gemüse war analog zu den Flusskrebsen mit dekorativen grünen Stielansätzen versehen.

Kitzelnder Camembert

Eine eigene Dessertkarte gibt es nicht, die Auswahl der Nachtische ist recht begrenzt. Die lauwarme Apfeltarte mit Bourbonvanilleeis und Schokoladengebäck war von guter Qualität, allerdings fehlte ihr ein Schuss Esprit, irgendeine innovative Wendung, die nicht den Vergleich zu einem Lenôtre-Apfeltörtchen aus dem KaDeWe provoziert hätte. Aufmerken ließ der mit Périgord-Trüffeln gefüllte, sehr reife Camembert. Von der Idee her ist das ganz hübsch, es kitzelt zum Abschluss außerdem noch einmal alles heraus, was die Geschmacksnerven zu leisten im Stande sind. Dazu gab es zu einer Rebe arrangierte, kleine geschälte Muskadettrauben. Die Etagère mit Petits Fours ergänzte den Dessert-Eindruck mit schönen Würfeln vom Schokoladenkuchen.

An den edlen Rosen, die reichlich im ganzen Raum verteilt waren, haben wir uns auch gefreut. Lustig fanden wir die Bitte, nur mit ausgeschalteten Handys hier zu verweilen, als weiteren Hinweis darauf, dass dies ein Ort höherer Weihen ist. Darauf weisen auch die Preise hin. Wir hatten drei Gänge für jeweils 85 Euro, dazu einen Würzburger Stein für 48 Euro. Der offene Champagner kostet 15 Euro. Es gibt eigentlich kaum Chancen, zu zweit eine Rechnung unter 250 Euro zu bekommen. Nach oben hin scheinen wenig Grenzen gesetzt zu sein, was meinen notorisch mäkeligen und allen oberflächlichen Prestige-Dingen gegenüber höchst skeptischen Begleiter zu einigen kritischen Bemerkungen veranlasste. Eine grundsätzlich euphorische Adlon-Haltung ist wahrscheinlich die beste Begleiterin bei einem Besuch in diesem Restaurant.

Im Laufe des Abends ist es dann doch noch voll geworden. Es sind wohl überwiegend Besucher von außerhalb, die der Nimbus lockt. Es freute uns allerdings zu sehen, dass die anderen auch nicht artiger waren als wir und sich nichts diktieren ließen. Die netten Schweden etwa verweigerten sogar das Dessert mit dem proletarischen Hinweis, dass sie satt seien. Bravo. Solche Leute sind die Vorkämpfer des emanzipierten liberalen Genusses. Mal schauen, ob das erstrittene Terrain zu halten sein wird, wenn die Aktien wieder steigen.

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