Zeitung Heute : "Lottomittel reichen nicht aus"

KURT SAGATZ

Berlin befindet sich auf dem Weg in die Informationsgesellschaft.Zum "Projekt Zukunft" des Landes Berlin gehört die Initiative "Computer in die Schulen".Sie soll die über 1000 Berliner Schulen - unter anderem dank Mitteln der Lottogesellschaft - mit moderner Informationstechnologie versorgen.

Neben dem Senat beteiligt sich auch die Berliner Wirtschaft an diesem Vorhaben.Mit dem Präsidenten der Industrie- und Handelskammer zu Berlin, Werner Gegenbauer, sprach Kurt Sagatz.



TAGESSPIEGEL: Nach einer etwas längeren Anlaufphase beginnt für das Berliner CidS!-Projekt nun die heiße Phase, die neben dem Land auch von der Berliner IHK und der Bankgesellschaft Berlin begleitet wird.Was sind die Gründe für die Beteiligung der Wirtschaft an dem Projekt?

GEGENBAUER: Wer heute in den angelsächsischen Ländern in die Schule geht, kann sich, was die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt betrifft, glücklich schätzen.Während sich zum Beispiel in den britischen Schulen und Kanada im Durchschnitt nur 10 bis 13 Schüler einen Computer teilen, müssen sich in Deutschland über 40 Schüler mit einem PC begnügen.Dabei fehlt es nicht nur an der technischen Ausrüstung, es geht um den Zugang zum Internet und zu neuen Bildungsinhalten, die in der Berufswelt zunehmend gefordert werden.Hinter der Initiative steht die Ausbildungs- und Beschäftigungsfähigkeit der Berliner Schüler und damit die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes.

TAGESSPIEGEL: Um Finanzen allein kann es angesichts der 30 Millionen DM Lottogelder doch nicht gehen?

GEGENBAUER: Die zugesagten Lottomittel sind vor dem Hintergrund, daß 1000 Berliner Schulen auszurüsten sind, zwar mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, aber sie sind doch in erster Linie eine Anschubfinanzierung eines Mammutprojekts.Im übrigen betreffen die Lottomittel nur die Ausrüstung, während sie für die notwendigen sonstigen Rahmenbedingungen wie insbesondere die Schulung der Lehrer in Multimedia, Leitungskosten etc.nicht zur Verfügung stehen.Um CidS! dauerhaft zu sichern, ist es wichtig, daß sich die Berliner Unternehmen in der Breite für das Projekt engagieren.Die Bankgesellschaft leistet schon jetzt auf dem Gebiet der Lehrerfortbildung, durch die Bereitstellung von Computern und Büroflächen Beachtliches.Die Industrie- und Handelskammer zu Berlin und einige branchennahe Unternehmer beraten beim Aufbau der notwendigen operativen Ebene.CidS! kann als integraler Bestandteil der Schulverwaltung aus unserer Sicht keinen Erfolg haben.CidS! muß wie ein Unternehmen organisiert werden; dafür ist die öffentliche Verwaltung nach bisherigen Erfahrungen nicht geeignet, und was die Berliner Schulverwaltung betrifft, zusätzlich zu stark von gegenläufigen Interessen geprägt.

TAGESSPIEGEL: Wie sieht die Aufgabenteilung zwischen Senat und Berliner Wirtschaft aus?

GEGENBAUER: Wir stehen vor der Gründung einer gemeinnützigen GmbH, an der sich nach bisherigem Stand der Berliner Senat, die Bankgesellschaft Berlin und die IHK Berlin mit gleichen Anteilen beteiligen.Sie soll schlank und projektorientiert wie ein modernes Unternehmen organisiert sein.Hierfür wollen die Partner aus der Wirtschaft sorgen, während der Senat die Verbindung zu den Schulen garantieren muß.

TAGESSPIEGEL: Eine der wesentlichen Voraussetzungen für den Erfolg von CidS! ist die Motivation und Qualifikation der Lehrerschaft.In welcher Weise kann wirtschaftlicher Sachverstand hier zum Zuge kommen?

GEGENBAUER: Es ist völlig klar, daß sich CidS! nicht allein als Ausrüstungsprogramm für die Schulen verstehen darf.Integraler Bestandteil ist deshalb die Schulung der Lehrer, die ihren Schülern im Umgang mit den neuen Medien häufig unterlegen sind, im Multimedia-Bereich und dem Lernen mit PCs.Das geplante Fortbildungsprogramm für Lehrer, das wegen der zahlenmäßigen Größenordnung gar nicht vom Schulbereich allein geleistet werden kann, wird intensiv von der Bankgesellschaft und erfahrenen Berliner Weiterbildungsträgern getragen werden.

TAGESSPIEGEL: Nicht wenige Schulleiter, Lehrer, aber auch Eltern betrachten die Öffnung der Schulen für die Wirtschaft mit Skepsis.Wo sind diese Befürchtungen begründet und an welcher Stelle fehl am Platz?

GEGENBAUER: Wir kennen eine Reihe von Sensibilitäten und gehen deshalb mit Augenmaß vor.In Bezug auf CidS! gibt es den ausdrücklichen Wunsch nach Beteiligung der Wirtschaft.Sie tut dies nicht, um die Schulen jetzt massiv mit Werbung zu überschütten und bewährte Pädagogik in Frage zu stellen, sondern aus der Überzeugung heraus, daß unser Nachwuchs besser auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden muß, es geht also um bessere Beschäftigungschancen unserer Schüler.

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