Zeitung Heute : Lottos Segen

BS

Menzel-Retrospektive finanziert sich selbst Adolph Menzel war ein unermüdlicher Arbeiter.Kunst war ihm in erster Linie Handwerk; daraus entstand in seinen Händen Kunst.In seinem nüchternen, nur in sehr privaten Arbeiten poetische Anflüge sich gestattenden Realismus ist er gerne als archetypischer Berliner gesehen worden (was einschließt, daß er von Geburt her Breslauer war).Ob diese Art von Berlinischem Realismus heute noch Anklang findet, durfte mit Spannung erwartet werden.Die nicht eben sinnlich-opulent gestaltete Ausstellung im Alten Museum, die das µuvre des Künstlers in einer Breite vorstellte wie seit mehr als einem Menschenalter nicht mehr, war die Probe aufs Exempel.Sie ist glanzvoll ausgegangen.180 000 Besucher ließen sich auf Menzels Welt ein - und bescherten den Staatlichen Museen die Genugtuung, die gewährten Lotto-Mittel in voller Höhe an die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin zurückgeben zu können.Mit anderen Worten: diese Ausstellung schlägt finanziell bei den Lotto-Zuwendungen nicht zu Buche; die 2,3 Millionen DM können erneut und anderweitig vergeben werden.Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hätte die Menzel-Retrospektive alleine bewältigen können - wenn sie denn die Mittel hätte, um ein solches Wagnis einzugehen.Eine nach den mittlerweile Gemeingut gewordenen Grundsätzen der Eigenverantwortlichkeit verfaßte Preußen-Stiftung hätte so handeln können.Die jetzige kann es nicht.Es ist ein Segen, daß es die Lotto-Stiftung gibt, die im Kulturbereich allein noch über disponible Mittel nennenswerten Umfangs verfügt.Ein noch größerer Segen wäre es, die Kulturinstitutionen, darunter die Staatlichen Museen, würden endlich reformiert und in jeder Hinsicht, vor allem haushalts- und personalrechtlich, auf eigene Füße gestellt.Ein frommer Wunsch, gewiß - aber eine weitere Nagelprobe auf die Reformfähigkeit unserer Gesellschaft.

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