Zeitung Heute : Lübben tanzt, und Horno trauert

CLAUS-DIETER STEYER

HORNO / LÜBBEN .Das kleine Horno in der Lausitz dürfte am Sonntag der deutschlandweit einzige Ort ohne Wahlplakate gewesen sein.Während andernorts von jedem Laternenpfahl ein Gesicht grüßte oder markige Sprüche für die Stimmabgabe warben, blieb in dem von den Braunkohlebaggern bedrohten 360-Seelen-Dorf alles so wie immer."Wir wissen auch so, wen wir wählen", erklärte Bürgermeister Bernd Siegert in einer fröhlichen Runde am Mittag im örtlichen Getränkestützpunkt.Von einem Wahlboykott, wie gelegentlich zu lesen war, könne keine Rede sein."Auch wenn wir am Montag unsere Selbständigkeit verlieren, können wir doch die Nachbarn nicht verprellen."

Damit waren die Gemeindevertreter im nicht weit entfernten Jänschwalde gemeint, zu dem Horno ab dem heutigen Montag gehört.Das umstrittene Braunkohlegesetz des Landtages sah die Auflösung der sich gegen die Abbaggerung wehrenden Gemeinde vor.Auch wenn gestern kein einziger Hornoer Bürger auf dem Wahlzettel zu finden war, lag die Wahlbeteiligung erstaunlich hoch."Wir müssen uns ja irgendwie mit den Jänschwaldern arrangieren, so daß wir nicht gänzlich ohne Vertretung dastehen", sagte der Noch-Bürgermeister.Alle Gespräche des Braunkohleunternehmens Laubag oder des Landes werden ab heute mit dem Jänschwalder Gemeindechef geführt.

Bernd Siegert hatte in den vergangenen Jahren den Widerstand gegen die Braunkohle-Lobby und die im Landtag vertretenen Parteien organisiert.Er rief zu Demonstrationen auf, organisierte Busreisen von Hornoern zu den Terminen vor dem Verwaltungsgericht oder zu entscheidenden Landtagssitzungen.Jetzt steht er ohne Amt da.

"Wir lassen uns aber deswegen nicht beirren, wenngleich der Kampf künftig nicht leichter wird", sagt Siegert.Die Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die für 2003 oder 2005 geplante Umsiedlung von Horno seien alle vor der Wahl auf den Weg gebracht worden.Obwohl die Bagger in Richtung Dorf schon unterwegs seien, überwiege im Ort die Zuversicht.Plakate im Dorf wiesen in Horno nur für das am nächsten Wochenende stattfindende "Dorffest zum Tag der Einheit" hin."gez.Siegert", steht unter den Einladungen.Der Zusatz "Bürgermeister" fehlt.

"Sekt für alle!", rief der sozialdemokratische Landrat des Kreises Dahme-Spree, Martin Wille, kurz nach 18 Uhr in den großen Saal des ehemaligen Ständehauses im Schloß Lübben."Auf meine Kosten lassen Sie uns alle miteinander anstoßen.So ein Wahlergebnis ist auch für uns Kommunalpolitiker ein guter Grund zum Feiern." Die rund 200 Gäste der großen Wahlparty ließen sich nicht lange bitten und griffen eifrig zu.29 Sponsoren von der Spreewald-Konservenfabrik bis zur Rechtsanwaltskanzlei machten den Abend mit viel Musik und Tanz zur wichtigsten Veranstaltung der Kreisstadt an diesem Abend.

Selbst der CDU-Fraktionschef im Kreistag, Helmut Sattler, ließ sich trotz der Wahlniederlage die gute Laune nicht verderben."Der Kanzler hat den Karren in den Dreck gefahren.Wir an der Basis konnten da nichts mehr richten." Unter einer großen Eiche habe keine neue Pflanze gedeihen können, kritisierte Sattler das seiner Meinung nach zu lange Festhalten an Kohl."Ach, hätten die an der Spitze doch einfach auf meinen Spruch gehört: Nach Helmut Schmidt und Helmut Kohl kommt Helmut Sattler", sagte lächelnd der seit 1994 die Christdemokraten im südlich Berlins gelegenen Landkreis führende Schulleiter.Das Programm der Party hatten Schüler des Lübbener Paul-Gerhard-Gymnasiums aufgestellt.Viel Aufmerksamkeit erfuhr eine vor der großen Wahl an ihrer Schule veranstaltete Probe-Stimmabgabe.Von den Schülern der Klassen 11 bis 13 entschieden sich immerhin sechs Prozent für die Initiative "pro DM".

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben