Zeitung Heute : Lübeck: Dichtung und Wahrheit

Andrea Strunk

Nun kehrt zurück die Schwalbe

der langen Irrfahrt satt

sei mir gegrüßt, mein Lübeck

geliebte Vaterstadt.

(Emanuel Geibel; Heimkehr)



In der Fremde hört man mehr als Zuhause, lautet ein tunesisches Sprichwort. Gleiches gilt für die eigene Stadt. Die Gewohnheit macht blind und taub. Natürlich hat man die Geschichte im Kopf, mit halbem Stolz und halbem Überdruss hängt man an den Namen, den Orten, den Zahlen, aus denen die Traditionen und Legenden gestrickt sind. Schon deshalb kauft man köstliches Naschwerk Made in Lübeck. Teurer zwar als vergleichbare Ware, aber mit dem Wahrzeichen der Stadt verziert, und damit tauglich als Geschenk für Freunde und Verwandte in der Ferne. "Will einer an mir sein Mütchen kühlen, und mir eins auswischen, so kann ich mit Sicherheit darauf rechnen, dass meine Lübecker Herkunft und der Lübecker Marzipan aufs Tapet kommen ...", beklagte sich Thomas Mann. An dem kommen auch heute die Lübecker nicht einmal mit Taubheit vorbei, und für Nicht-Lübecker ist die Stadt ohnehin nur Buddenbrooks, Marzipan und Holstentor. Gemeinsam mit den Lübecker Witwen hocken sie im Niederegger, dem Café zum Marzipan. "Hinter rüschen runzeln / brüssler spitzen / gezuckert gepudert / die alten damen / vom kränzchen / legen den kaffeelöffel / auf die untertasse / sanft / wie sonntags / die blumen aufs grab", beschrieb die Dichterin Doris Runge die Atmosphäre treffend.

Vor oder nach der Marzipantorte wuseln die Sommer- und Wintergäste zwischen Marienkirche und Mengstraße mit dem Buddenbrookhaus, das auch Gottfried Benn fälschlicherweise für das Geburtshaus der Manns hielt. Wahr ist, dass es das Wohnhaus der Großmutter war, jener Konsulin, die in den Buddenbrooks zu Toni wurde. Diese Haus jedenfalls beherbergt ein Mann-Museum, dort werden Kongresse, Symposien und Lesungen abgehalten, deren Ergebnis oder Nicht-Ergebnis die Feuilletonisten der Heimatzeitung regelmäßig beschäftigen, es gibt einen Thomas-Mann-Preis, eine Thomas-Mann-Schule, zahlreiche Straßen und Plätze und im größten Buchladen der Stadt gar eine eigene Abteilung, die nur ihm, dem Einen gewidmet ist, den die Lübecker einst gerne zum Teufel und wieder zurück gejagt hätten, nicht nur der Buddenbrooks, sondern auch seiner aus dem Exil übersandten Statements zu Moral und Politik halber. Als in der Lübecker Bombennacht, Palmsonntag 1942, die himmelwärts strebenden Pfeiler von St. Marien niederstürzten und die schweren Bronzeglocken mitrissen, die der Lübecker Rat im illusionären Bewusstsein der Ewigkeit in schwindelerregender Höhe hatte aufhängen lassen, sagte Mann im Rundfunk, er denke an Coventry und habe nichts gegen diese Lehre einzuwenden.

Schwamm drüber. Thomas Mann zahlte später eine beträchtliche Summe für den Wiederaufbau von St. Marien und ist längst rehabilitiert. Sogar Erich Mühsam, der alte Anarchist, wird heute ein "Sohn der Stadt" genannt. Lange genug hat es gedauert, denn noch 1982 wurde er in einer Hauszeitschrift des Katharineums als nicht tragbar für das Gymnasium bezeichnet. Stolzer aber blicken die Lübecker auf und hoch an Emanuel Geibel, den "Komm-lieber-Mai-und-mache"-Poet, dessen Gedichte ihnen zugänglicher waren, als die spröde Verschrobenheit der Brüder Mann. Ganz in Bronze steht Geibel zwischen St. Jacobi und dem Heiligen-Geist-Kloster, ein riesiger Kerl mit entschlossener Miene, wo er doch im wahren Leben eine echte Mimose war, die sich neben dem Dichten mit dem Durchfall beschäftigte.

Die Reihe der klangvollen Namen aber ist noch länger. Zeitlich korrekt steht an erster Stelle Heinrich der Löwe, dem die Lübecker überhaupt erst ihre Existenz verdanken. Ihm folgt, nicht unmittelbar, aber auf der Berühmtheitsskala, Dietrich Buxtehude. Der war Organist in St. Marien und introduzierte die berühmten Abendmusiken, die es noch heute gibt. Beinahe, aber eben nur beinahe, hätte man Johann Sebastian Bach zu seinem Nachfolger gemacht. Bach, auf Besuch in Lübeck, sollte nämlich mit der Tochter Buxtehudes verheiratet werden, deren Zickigkeit und fortgeschrittenes Alter trieben den jungen Komponisten jedoch in die Flucht. Willy Brandt hat am ehrwürdigen Johanneum, wie Thomas Mann am Katharineum, die ersten Erfahrungen mit dem Scheitern gemacht, die Lübecker benannten - nicht dafür, aber immerhin - eine Allee nach ihm. Johann Friedrich Overbeck, dem Nazarener-Maler, ist eine Gesellschaft gewidmet. Das Andenken des Bildschnitzers Bernt Notke und sein Triumphkreuz im Dom wird ebenfalls geputzt und poliert.

Weniger Klang haben die weiblichen Namen in Lübeck: Ida Boy-Ed, nach der hat man einen Hinterhof mit Rosen benannt, und Dorothea Schlözer, die erste deutsche Doktorandin der Philosophie, deren Namen eine Berufsschule trägt. Vergessen ist Franziska Gräfin zu Reventlow, die später die Münchner Bohéme in Schwabing mit ihrer Schönheit erfreute und so manchen Dichter auch mit Liebesdiensten beglückte. Als die Kunde ihrer leidenschaftlichen Aktivitäten nach Lübeck drang, zeitgleich mit den Gerüchten über die anarchistischen Umtriebe von Mühsam, soll man in der Stadt entsetzt gefragt haben, warum all diese ausgerechnet aus Lübeck sein müssen, und was man im Reich von den Lübeckern denken werde. Franziska hat es amüsiert. Dennoch hat auch sie der Stadt einen ihrer wahrhaft schlechten dichterischen Ergüsse gewidmet.

Doris Runge, ihr Dichterkollege Klaus Rainer Goll, und der Literaturnobelpreisträger Günther Grass sind die heutigen Helden der Stadt, auch wenn sie gar nicht in Lübeck wohnen. Ihrer Vereinnahmung zur Erhaltung des literarischen Geistes tut das keinen Abbruch, denn weil Lübeck von kleinstädtischer Atmosphäre und ohne die Eleganz und den stilsicheren Snobismus der Schwesterstadt Hamburg ist, ehren die Lübecker ihre Literaten, als hätten sie jeden von ihnen eigenleibig geboren.

Warum so viele von Lübeck inspiriert wurden, ist ein Rätsel. Das feucht-kalte Klima regt eigentlich eher nicht zu poetischen Reflexionen an. Im Schatten der tausendfach besungenen Marienkirche, in dem geboren zu sein, erforderlich ist, um ein echter Lübecker geheißen zu werden, friert man selbst im Sommer. Vom Museumshafen wehen dieselben kühlen Winde, die einst die Koggen über die Ostsee trieben, die Straßen hinan, heulen in den engen Zwischenräumen der Giebelhäuser, durch die gotischen Bögen und Windlöcher der Kirchen, in den Rathausplatz hinein und wieder hinaus. Selbst durch das Holstentor pfeifen sie lasterhaft und zerren an zarten japanischen Touristen.

Die hübschen Villen am Lindenplatz, die dereinst Tonio Kröger bewunderte, gehen im Bemühen unter, dem Kreisverkehr gewachsen zu sein, die Giebelhäuser stehen ohnehin alle schief, in ihnen zu wohnen ist unbequem, sonnenarm und kostet viel Geld. Die Puppenbrücke, Standardtipp aller Reiseführer, ist stets von knutschenden Pärchen blockiert. Das Holstentor verärgert, weil es einerseits dem Verkehrsfluss im Wege steht, andererseits die Stadtkasse belastet. Zurzeit bereiten die Terracotta-Figuren große Sorgen, ihre Renovierung wird wieder Unsummen verschlingen, und leise wünscht mancher, das o-beinige Bauwerk möge endlich in sich zusammenstürzen. Ansonsten ärgert man sich in Lübeck über zu hohe Ladenmieten, die eine ständige Fluktuation zur Folge haben, exorbitante Parkgebühren und Politessen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit unterwegs sind, vor allem aber in der Sommersaison. Dann häufen sich in der Zeitung die Leserbriefe wütender Touristen, die im Gewirr der Einbahn- und gesperrten Straßen verloren gingen, keinen Parkplatz fanden und für den dann doch gefundenen kräftig zur Kasse gebeten wurden.

Auch die Politik schlägt in Lübeck Kapriolen, die Thomas Mann zur Freude und vielleicht gar zu Buddenbrook II gereicht hätten. Zudem scheitern alle Bemühungen Lübecks um wirtschaftlich ertragreiche Großprojekte. Immer haben die Kieler die Nase vorn.

Im aktuellen Tagesgeschehen sind es die Aufmärsche der Rechtsradikalen Szene, der Brand des Asylbewerberhauses in der Hafenstraße, die Schändung der Synagoge, die Schmierereien an Kirchen, die Drohungen gegen ausländerfreundliche Pastoren, die Lübecks Namen in anderer Mund bringen. Warum es die Rechten ausgerechnet nach Lübeck verschlägt, ist so rätselhaft, wie die Frage nach dem Nährboden der Literatur und so traurig, wie der Anblick der immer noch am Boden liegenden Glocken von St. Marien.

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