Zeitung Heute : Luftschlösser undErdanziehungskräfte

HARTMUT WEWETZER

Die Begeisterung für den Weltraum hat nachgelassen, dennoch hat seine Erforschung Zukunft VON HARTMUT WEWETZER

Gemessen an der Schnelligkeit des technischen Fortschritt ist die russische Weltraumstation "Mir" ein altes Schloß in den Lüften.Seit elf Jahren kreist "Mir" um die Erde.Gestern startete der deutsche Astronaut Reinhold Ewald gemeinsam mit zwei russischen Kollegen zur Raumstation.Morgen soll die Raumkapsel "Sojus" für einen Aufenthalt von 18 Tagen an "Mir" andocken.Die meisten Erdlinge werden indes nicht wissen, warum es die Astronauten immer wieder ins All zieht.Auskunft darüber gibt das Programm von Ewalds "Mir"-Mission.In einer Art Zirkelschluß ist sein Ziel die Erforschung des menschlichen Organismus unter Bedingungen der fast völligen Schwerelosigkeit.Die bemannte Raumfahrt ist sich selbst Forschungsobjekt genug.Das mittelfristige Ziel ist die etwa 130 Milliarden Mark teure Raumstation Alpha, an der sich die Europäer mit einem Weltraumlabor (Kosten: knapp drei Milliarden Mark) und einem Transportvehikel beteiligen.Langfristig aber will der Mensch Menschen auf den Mars bringen. Zwar ist richtig, daß der irdische Fund der mysteriösen "Marskartoffel" im August 1996 die Spekulation über Leben auf fernen Planeten anheizte, der Film- und Ufologenbranche prächtige Gewinne bescherte und der amerikanischen Weltraumbehörde NASA ein wenig aus ihren prekären Finanznöten half.Aber dennoch hat die starke Anziehungskraft des Weltraums nachgelassen.Es gilt nicht mehr, wie noch zu Zeiten des Kalten Kriegs, ein Prestige-Wettrennen zum Mond zu gewinnen.Die Öffentlichkeit läßt sich immer schwerer von der bemannten Raumfahrt begeistern.Wer schon nicht an den Nutzen eines irdischen Gefährts mit neuer Technik wie den Transrapid glaubt, wird kaum für ein Vorhaben sein, das zwar Milliarden kosten wird, dessen Sinn aber eher zweifelhaft ist. Als Zweck einer Mission reicht es nun einmal nicht, daß die Astronauten von ihren Reiseeindrücken schwärmen und zu Öko-Missionaren werden, die die Schönheit des blauen Planeten beschwören.Und der Wink mit der Teflonpfanne, der nützliche Mehrwert ("Spinoff") der Raumfahrt-Forschung für den Alltag auf der Erde, ist auch nur eine mäßige Begründung für Astronauten-Ausflüge.Denn warum sollte man den Umweg über den Weltraum gehen, wenn es um praktische Erfindungen und technische Innovationen geht? Die jüngsten wissenschaftlich-technischen Revolutionen, Mikroelektronik und Biotechnik, haben sich denn auch komplett auf der Erde abgespielt.Von Weltraum keine Spur.Unversehens sind die Kosmos-Pioniere, die noch vor kurzem von der Zukunft kündeten, von gestern. Forschung und Technik kommen beim Weg ins neue Jahrtausend elementar wichtige Aufgaben zu.Es gilt, die Probleme der Überbevölkerung zu bewältigen, die Energiefrage zu lösen und den großen Krankheiten Paroli zu bieten.Bei diesen Herausforderungen spielt die Raumfahrt so gut wie keine Rolle.Das heißt freilich nicht, daß sie überflüssig wäre.Der intelligenten Erkundung von Globus und Weltall mit unbemannten Sonden wird auch künftig ein fester Platz in den Forschungsbudgets einzuräumen sein, von den kommerziellen Satelliten für die Telekommunikation einmal ganz abgesehen. Es ist bezeichnend, daß zwei der gelungensten Weltraum-Vorhaben der letzten Jahre mit bemannten Missionen im eigentlichen Sinn kaum etwas zu tun hatten.Das Weltraum-Teleskop "Hubble" liefert aus seiner Umlaufbahn um die Erde Bilder des Universums, die in ihrer Brillanz und Genauigkeit die Aufnahmen herkömmlicher irdischer Fernrohre völlig in den Schatten stellen.Allerdings waren es Astronauten, die das Teleskop aussetzten und später reparieren mußten.Die Aufnahmen von der "Galileo"-Sondenmission zum Jupiter und seinen Monden (an der auch Berliner Forscher aus Adlershof mitarbeiten) haben staunenswert deutlich gezeigt, welch bizarre Vielfalt unser Sonnensystem zu bieten hat.Es gibt am Himmel noch viel auszuforschen und über die Welt und ihr Werden zu lernen.So gesehen ist Raumfahrt ein unersetzlicher Teil unserer Kultur.Das aber sollte uns nicht davon abhalten, im Weltall die Automaten für uns arbeiten zu lassen, selbst auf der Erde zu bleiben und das Errichten von Weltraumkolonien künftigen Generationen freizustellen.

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