Zeitung Heute : Luftschutz erkunden

Marius Meller

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Der Neuberliner pflegt mit gesenktem Blick durch die Stadt zu spazieren, nur gelegentlich bleibt er stehen und betrachtet die Welt oberhalb des Bodens. Die Reizüberflutung in einer so großen Stadt kann beträchtlich sein! An einer Straßenecke, an der er den Blick vorsichtshalber nicht hob, entdeckte er ein in die Straße eingelassenes Lichtschachtgitter mit massivem Eisenrahmen und der Aufschrift „Mannesmann Luftschutz“. Er erfuhr im Internet, dass bei Luftschutzkellern in den vierziger Jahren diese Gitter installiert wurden und auch als Notausstiege gedacht waren für den Fall der „Vertrümmerung“ (Fachterminus). In einem Forum wurde diese Notausstiegsstrategie diskutiert. Sie sei meist für die Katz gewesen, da die „Trümmerkegel“ auch die Licht- oder Luftschächte „vertrümmerten“. So ein Mannesmann Luftschutzgitter wird im Internet für 25 Euro gehandelt.

Der Neuberliner muss an seine Eltern denken, die in ihrer Kindheit den Bombenkrieg in Berlin erlebt haben. Nach dem Studium verließen sie die große Stadt endgültig und zogen nach Süddeutschland, wo sie den künftigen Neuberliner zeugten. Die Mutter verbrachte als Siebenjährige viel Zeit im Luftschutzkeller in Tempelhof, bevor die Familie 1944 nach Polen evakuiert wurde, in eine Wohnung nach deren ursprünglichen Bewohnern niemand fragte. Am 23. Januar 1945 kamen sie wieder in Berlin an, auf der Flucht vor den Russen. Die Luftangriffe und den Artilleriebeschuss bis zum Mai überstanden sie in einem Keller in Wedding.

Wenn später der künftige Neuberliner aus Versehen dem Tischbein einen Tritt gab und der Tisch leicht wackelte, bekam die Mutter fast einen hysterischen Anfall. Der Neuberliner führt das auf die Bombennächte und -tage zurück, was seine Mutter allerdings bestreitet.

Der Neuberliner findet, dass man von Zeit zu Zeit über die Spuren des Krieges in der Stadt meditieren sollte, schon um den Frieden besser genießen zu können.

„Mannesmann Luftschutz“ vor der Sparkasse Ecke Raabestraße/Prenzlauer Allee und an vielen anderen Orten in Berlin.

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