Zeitung Heute : Luka schaut jetzt hin

Zuerst dachten sie: „Kann der sich konzentrieren!“ Dann kam die Diagnose: Ihr Sohn ist Autist. Die Ärzte sehen keine Chance auf Heilung. Das Ehepaar Döhler will sich damit nicht abfinden

Claudia Keller

Ein Pappkarton genügte, um Luka glücklich zu machen, flipp-flapp, Deckel hoch und runter, stundenlang konnte er das machen, flipp-flapp-flipp-flapp, konzentriert und still, die Mutter freute sich darüber. So konnte sie kochen, aufräumen, ihre Schauspielkurse vorbereiten.

Manchmal ließ Luka auch Schüsseln auf dem Dielenboden der Altbauwohnung in Prenzlauer Berg kreisen. Mit einer Hand, mit zwei Händen, Stunde um Stunde. „Wow!“ Deniz Döhler, der Vater, 31 Jahre alt, Jeans, T-Shirt, reißt die großen Augen im schmalen Gesicht auf. „Wow, dachten wir, der kann sich aber konzentrieren.“ Aber manchmal saß der kleine Junge auch einfach nur da und schaukelte mit dem Oberkörper vor und zurück, immer wieder. Da wurde den Döhlers langsam unheimlich, und sie fragten Kinderärzte, was mit ihrem Kind los sei. Monate vergingen. Dann kam die Diagnose: Luka ist Autist.

Rain Man. Oh Gott. War das nicht der Mann in dem Film vor 20 Jahren? Der ein riesiges Gedächtnis hatte, der Telefonbücher auswendig lernte, aber verloren war unter Menschen? „Wenn Sie großes Glück haben, wird Luka Lokomotivführer“, sagten die Psychologen. Geheilt werden könne er nicht. Der Befund war ein Schlag.

Luka war ein Dreivierteljahr alt, als er sich immer mehr in sich selbst zurückzog. In den ersten sechs Monaten hatte er sich Vater und Mutter entgegenstreckt, er hatte gelacht und geschmust wie andere Babys. Jetzt schrie er, wenn man ihn berührte. An seinem Mund akzeptierte er keinen Löffel, keinen Becher, nur die Brust der Mutter. Er musste weiter gestillt werden, alle drei Stunden, wie nach der Geburt. Er freute sich nur noch, wenn man ihn alleine ließ und er mit einem Gegenstand die immer gleiche Bewegung ausführen konnte. Dann wurde sein Blick glasig, als meditiere er wie ein Buddha.

Psychologen vermuten, dass etwa 380 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland, meist Jungen, unter leichtem oder schwerem Autismus leiden. Rechnet man die Erwachsenen dazu, sind es ein bis zwei Prozent der Bevölkerung. Die Welt ist für sie zu laut und voller unverständlicher Zeichen. Autisten können die Informationen, die auf sie einstürmen, nicht zuordnen und dadurch schwer etwas dazulernen. Die Welt bleibt ein unübersichtlicher Haufen. Dass man nicht in Unterhose aus dem Haus geht und andere nicht einfach küsst oder schlägt, wenn einem danach ist, selbst alltägliche Konventionen sind für Autisten keine Selbstverständlichkeit. Auch wenn sie erwachsen sind, müssen sie diese Dinge jeden Tag rekapitulieren wie Vokabeln einer Fremdsprache. Das Schaukeln mit dem Körper und die immer gleichen Bewegungen mit Gegenständen beruhigen offenbar das überforderte Gehirn.

Vor 40 Jahren gab man den Müttern die Schuld, sie kümmerten sich wohl nicht genug um die Kleinen. Heute weiß man, dass eine spontane Mutation von Genen die Ursache ist. Wahrscheinlich ist sie schon vor der Geburt angelegt, kommt aber erst während der ersten zwei Jahre zum Tragen. Deshalb nehmen viele autistische Kinder die Welt zunächst genauso wahr wie andere und richten sich erst später ein in ihrer eigenen Welt wie in einem Raumschiff, abgehoben und unzugänglich. Aber das Raumschiff hat Fenster und eine Tür. Die versuchten Christiane und Deniz Döhler zunächst mit Zwang zu öffnen. Sie nahmen Luka die Schüsseln weg und gaben ihm Bauklötze in die Hand. Es half nichts. Luka starrte in die Ferne und schrie, bis sie ihm die Schüsseln zurückgaben.

Im Flur der Döhlers lehnt ein Trampolin an der Wand, daneben liegen Jonglierbälle. Christiane Döhler ist 43 Jahre alt, hat kurze struppige Haare und ein weiches, volles Lachen. Sie und ihr Mann Deniz verdienen ihr Geld als Schauspieler. Auch im Gespräch kommt es manchmal vor, dass sie aufspringen und schnell eine Szene vorspielen, um eine Situation zu verdeutlichen. In einem kleinen Theater unter ihrer Wohnung geben sie Schauspielkurse, man kann sie buchen für Auftritte auf Firmenfesten und Geburtstagen. Die Döhlers studieren aber selten feste Rollen ein, sondern lassen sich inspirieren von Sätzen, Aktionen oder Gegenständen, die andere spontan vorgeben und die sie dann fortführen. Sie sind Improvisationsschauspieler.

Vor eineinhalb Jahren gab ihnen ein Kinderarzt eine Liste mit Büchern über Autismus. Ganz unten entdeckten sie den Bericht einer amerikanischen Familie, die ihren Sohn vor 30 Jahren mit einer eigenen Methode aus seiner autistischen Welt herausgelockt hatte. In sein Tagebuch schrieb Deniz Döhler damals: „Juchhe! Wir sind wieder da. Wir haben einen Weg gefunden.“ Denn was er in dem Buch und auf der Internetseite der Familie Kaufman aus Massachusetts las, erinnerte ihn an das, was er und Christiane Abend für Abend machten: improvisieren. Nur dass statt eines Schauspielers der autistische Sohn die Impulse geben sollte.

Der mittlerweile dreijährige Luka steht in kurzer weißer Hose und T-Shirt in seinem Kinderzimmer. Es ist spärlich eingerichtet: ein Regal, ein Tischchen, eine Matratze auf dem Boden und ein Hochbett. Der Junge greift verschiedene Gegenstände aus einer Kiste und wirft sie weg. Der Vater greift den Werfimpuls auf und versucht nun, daraus ein gemeinsames Spiel zu entwickeln. Er holt einen Ball und fragt: „Luka, sollen wir Ball spielen?“ Dann wirft er den Ball in Lukas Richtung. Der aber reagiert nicht und sagt stattdessen mit abwesendem Blick etwas wie: „Rei-he gehen.“ Deniz greift auch diesen Impuls auf und fragt: „Du willst zu Frau Doktor Reyle gehen?“ Er hängt sich eine weiße Schürze um und steckt sich ein Plastikstethoskop in die Ohren. Aber auch jetzt reagiert Luka nicht und greift stattdessen einen Rucksack aus dem Regal und beginnt mit abwesendem Blick, erneut Gegenstände zu werfen. „Luka, du willst Ball spielen“, sagt Deniz, „lass uns Ball spielen.“ Er holt wieder den Ball und wirft ihn in Lukas Richtung. Diesmal nimmt Luka den Ball auf und wirft ihn zurück. „Hey, super! Luka, klasse, wir spielen Ball“, sagt Deniz, jubelt und wirft sich vor Freude auf den Rücken.

„Dass ein dreijähriger Junge mit seinem Vater Ball spielt, ist normal“, sagt Christiane Döhler, „dass Luka dies tut, ist eine Sensation.“ Denn dadurch verlässt er sein Raumschiff und steigt in die Welt hinaus, sei es auch nur für einen kurzen Moment. Lukas Mutter sitzt vor der Kinderzimmertür auf einem Hocker und macht sich Notizen. Die Glasscheibe der Tür ist mit Farbe bestrichen, nur zwei kleine Quadrate sind frei gelassen. Durch die beobachtet die Mutter, was Deniz und Luka drinnen machen. Denn was nach Spiel aussieht, ist harte Arbeit und folgt einem Plan, den die Familie Kaufman in den USA entwickelt hat. Raun Kaufman, der autistische Junge von einst, studierte später Bioethik und leitet heute das Autism Treatment Center in Massachusetts. Wenn er das konnte, warum sollte es nicht auch bei Luka klappen?

Es fing damit an, dass sich Christiane Döhler vor eineinhalb Jahren neben Luka auf den Dielenboden setzte, eine Salatschüssel nahm und anfing, die Schüssel wie er zu drehen. Minuten vergingen, Stunden vergingen. „Kreiseln Sie mal drei Stunden mit einer Schüssel“, sagt sie, „das ist echt cool. Da kommt man in eine richtige Trance.“ Nach einigen Stunden bemerkte die Mutter eine Veränderung. Ihr Sohn beobachtete ihre Hände und die Nachbarschüssel aus dem Augenwinkel. Am nächsten Tag das Gleiche. Mutter und Sohn vereint im monotonen Drehen.

Psychiater und Pädagogen in Deutschland schütteln darüber den Kopf. „Autistische Kinder in ihrem stereotypen Verhalten zu unterstützen halte ich für extrem schlecht“, sagt etwa Christine Freitag, Oberärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität des Saarlandes. Sie hat gerade ein Buch über Autismus und Behandlungsmethoden veröffentlicht. Man müsse das monotone Spiel der Kinder unterbrechen, Schüsseln wegnehmen, Alternativen anbieten, auch wenn es Tränen gibt. So könne man dem Autisten klarmachen, was man von ihm will und was nicht. Sicher, auch die hiesigen Therapeuten weisen darauf hin, wie wichtig es ist, dass man sich in das Kind einfühlt. Aber am Anfang einer Interaktion steht bei ihnen stets die Aufgabe, die der Erwachsene stellt. Reagiert das Kind in der gewünschten Art und Weise, sollen die Eltern das Kind immer wieder dafür belohnen, bis es den Vorgang fehlerfrei beherrscht. Die Döhlers aber wollten nicht nur an das Fenster des Raumschiffs klopfen und hoffen, dass Luka herausschaut. Sie versuchten, in sein Raumschiff hineinzuschlüpfen. Auch, weil sie ihm nahe sein wollen.

Und das ging zunächst einmal nur über das gemeinsame Schüsseln. Dabei geschah nach ein paar Tagen das Unglaubliche: Luka schaute seiner Mutter ins Gesicht. Eine Sekunde lang trafen sich ihre Blicke, es war das erste Mal seit Monaten. In diesem Augenblick teilte Christiane Döhler Lukas Welt.

„Das Kind muss sofort essen“, hatten die Kinderärzte gesagt. Luka war abgemagert. Stillen reichte nicht mehr. Die Döhlers sahen den Ernst in den Augen der Ärzte, in den Zeitungen lasen sie von Eltern, die ihr Kind hatten verhungern lassen. „Aber wie sollen wir ihm Brei füttern, wenn er schreit, wenn er einen Löffel am Mund spürt?“, sagt Deniz Döhler. Tage und Wochen vergingen. Allmählich wurden die Blicke länger, die die Eltern mit ihrem Sohn beim Schüsseln tauschten. Allmählich konnten sie Luka, während sie den Blick hielten, für andere Spielsachen interessieren, für einen Bauklotz, ein Auto, ein Stofftier. Während sie den Blick hielten, machten sie ihm auch vor, was man mit einem Löffel tut. Luka fing an zu essen und nahm endlich zu.

Heute trainieren die Döhlers mit Luka vier bis fünf Stunden jeden Tag. Einer ist mit dem Jungen im Spielzimmer, der andere sitzt auf dem Beobachtungsposten. Es gibt immer noch die Phasen, in denen sich Luka in den immer gleichen Bewegungen festhakt. Aber sie sind geschrumpft, pro Minute 10 bis 15 Sekunden. So wie jetzt. Er steht vor dem Regal, wiegt den Oberkörper hin und her und summt vor sich hin. Am Ball hat er nach einmal Werfen das Interesse verloren. Nach einigem Wiegen und Summen sagt Luka plötzlich: „Pizza gehen.“ Wieder jubelt Deniz, macht einen Luftsprung. „Juchhe, Luka, wir spielen Pizzeria.“

Viele Autismus-Experten halten gleichwohl nicht viel von dem Ansatz aus Massachusetts. Er fuße nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sei nicht evaluiert. Vermutlich hätte Luka auch mit anderen Methoden Fortschritte erzielt, sagt etwa Ärztin Christine Freitag.

Für die Döhlers zählt an diesem Tag jedoch mehr, dass Luka sich im Kinderzimmer an seinen Tisch gesetzt hat. Deniz mimt den Pizzabäcker. Luka ruft: „Guten Tag.“ „Hey, super“, flüstert Christiane Döhler vor der Tür. Ihr Sohn hat sich in die Situation in einer Pizzeria hineinversetzt und sich erinnert, dass man dort als Erstes „Guten Tag“ sagt. Das ist eine Leistung. Denn abstrahieren, die Voraussetzung für soziales Lernen, fällt Autisten besonders schwer. Deshalb ist es für Luka auch nicht einfach, mit anderen Kindern zusammen zu spielen. Noch nicht, sagt Christiane Döhler und nickt bestimmt. Ihre Checkliste, auf der sie die Fortschritte notiert, ist heute voller Häkchen.

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