Zeitung Heute : Lukullisches und Kultur, Trubel oder Besinnlichkeit : Eindrücke rund um den Bodensee

Margret Brehm

Lind und weich weht der Seewind über die Weinberge herauf. Silbern glitzernd, wie ein blanker Spiegel liegt er da vor der Dunstkette der Schweizer Berge. Vom Picknickplatz mit steinernen Tischen und Bänken neben der Wallfahrtskirche Birnau blickt man hinab auf das größte Binnengewässer in Deutschlands südlichstem Zipfel. Den "See" nennen ihn die Einheimischen schlicht und liebevoll, als gäbe es nur den einen. Seele Europas sei der Bodensee, meinen andere.

Wie dem auch sei, die Seele kann man hier baumeln lassen. Zu nahezu jeder Jahreszeit entfaltet die Landschaft rund um den See und das Hinterland seine barocke Fülle. Im Frühling leuchten Löwenzahnwiesen dottergelb. Darauf stehen wie riesige Blumensträuße die in ihr weißes Blütenkleid gehüllten Obstbäume. Im Herbst protzen die unzähligen Niederstammobstanlagen daneben mit ihren schwerbeladenen Ästen und warten auf fleißige Erntehelfer. Barocke Fülle für das Auge des Besuchers.

Echten Barock in seiner Hochform bietet die Marienwallfahrtskirche Birnau zwischen Meersburg und Überlingen. 1747 begann der Bau dieser Pilgerstätte, wie wir sie heute vorfinden. Doch nur gut 50 Jahre konnten sich die Gläubigen am Abglanz himmlischen Glücks erfreuen, dann fiel sie der napoleonischen Säkularisation zum Opfer. Der prächtige Bau diente den umliegenden Bauern lange Zeit als Heuschober und Geräteschuppen. Gott sei Dank gingen dabei die Fenster zu Bruch und die frische Seeluft half die wertvollen Fresken zu erhalten. Prall voll an Gemälden, Stuck und Putten, allen voran der berühmte Honigschlecker, erfreut das Gotteshaus heute wieder manchen Kunstfreund.

Andere Zeitgenossen wenden sich ob so viel Kitsch ab und wandern lieber die vier Kilometer hinunter nach Uhldingen in die Steinzeit. Vorbei an zwei Gasthäusern mit einladenden Terrassen direkt am Wasser führt der Wanderweg durch urige Schilflandschaft und Seefeld, ein Örtchen mit restaurierten Fischerhäusern, einer Kirche und einem hübschen Landhotel.

In Unteruhldingen hat der Tourismus schon Fuß gefasst. "Willkommen in der Vergangenheit" begrüßt das Pfahlbaumuseum des kleinen Ortes seine scharenweise herbeiströmenden Gäste. 1998 waren es mehr als 280 000! Drei Pfahlbaudörfer entführen in die Welt der Stein- und Bronzezeit. Die Besucher dürfen mit anfassen und das Steinebohren mit Holunderholz ausprobieren. Ein neuerbautes Museum am Ufer ergänzt den Rundgang durch die Geschichte.

Wenige Kilometer nach Eriskirch gelangt man auf dem Bodenseeradwanderweg nach Langenargen. An diesem kleinen Ort reizt eine Kaffeepause auf der Terrasse des Schlosses Montfort. Der maurische Baustil und die Terrasse, umgeben vom See, gibt einen Vorgeschmack auf den Süden jenseits der Alpen. Mit dem Dampfer hinaus aufs Wasser. Vom Land- auf den Seeweg wechseln, das Ufer langsam vorbeiziehen lassen - das sollte kein Bodenseebesucher verpassen. Von Mai bis Oktober kreuzt die "Weiße Flotte" der Vereinigten Schiffahrtsunternehmen quer über den See. Man kann die Schiffe als Bus von Ort zu Ort benutzen, oder eine der attraktiven Ausflugsfahrten buchen. Diese Fortbewegung auf dem Wasser ist durchaus eine Alternative zu den im Sommer oft heillos verstopften Uferstraßen. Hinüber ans andere Ufer, in die Schweiz und nach Konstanz, das im Englischen mit "Lake Constance" dem Bodensee seinen Namen gibt, verkehren auch regelmäßig Autofähren.

Ein beliebtes Ausflugsziel ist Meersburg mit seiner mittelalterlichen Burg, in der die Dichterin Annette von Droste Hülshoff zeitweise wohnte. Das Städtchen mit seinen verwinkelten Gassen, die steil und teils treppauf, treppab an herausgeputzten Fachwerkhäusern vorbeiführen, quillt über an Romantik - und Touristen. In der sommerlichen Hauptsaison wuseln sie den Stadthügel hinauf und hinab und bevölkern scharenweise die Uferpromenade. Richtung Hagnau verläuft sich die Menge ein wenig und hinter dem städtischen Freibad lockt eine Uferwiese zum Picknick. Die Wellen klatschen dazu rhythmisch ihre Musik ans befestigte Ufer.

Wasserburg, bereits im Bayerischen gelegen. Ein kleiner Ort ohne Durchgangsverkehr. Kirche, Pfarrhaus und Friedhof liegen idyllisch auf einem Landspitz, der in den See hinausragt. Hier auf der Friedhofsmauer saß schon der "Liebe Augustin" und lauschte den murmelnden und singenden Wellen des sogenannten Schwäbischen Meers. Die Romanfigur des wohl bekanntesten Bodenseeromans des Schriftstellers Horst Wolfram Geißler verbrachte im Wasserburger Pfarrhaus seine Jugend. In der Pfarrkirche St. Georg erinnern drei Tafeln an den Säulen daran, dass im Bodensee die Wellen nicht immer plätschern. Dreimal war das riesige Gewässer bisher zugefroren. 1573 konnte man zu Fuß, 1830 zu Fuß und Pferd und 1963 sogar per Rad und Auto das Schweizer Ufer erreichen.

Etwas lärmender geht es wieder in der alten Reichsstadt Lindau zu. Sehen und gesehen werden, heißt es auf der Seepromenade mit ihrer berühmten Hafeneinfahrt. Dieses Wahrzeichen des Bodensees ziert rechts ein alter Leuchtturm und links das steinerne Monument des bayrischen Löwen. Der älteste Teil der Stadt ist als Insel dem Festland vorgelagert. Zahlreiche Gassen mit ausgefallenen Läden in alten Patrizierhäusern laden zum Bummeln ein. Eine besondere Augenweide ist die abendliche Illuminierung der Promenade im Sommer. Tausende Lichter an Giebeln und Simsen tauchen die Hafenanlage in einen märchenhaften Zauber. Wie funkelnde Sterne tanzen die reflektierten Lichter auf den Wellen.

Einen Schuss Romantik inklusive Ruhe finden Genießer im Lindenhofpark vor den Toren der Stadt in Bad Schachen. Nach der Idee englischer Gärten ließ sich ein reicher Kaufmann Anfang des 19. Jahrhunderts einen Park auf seinem Seegrundstück gestalten. Sitzt man auf der Freitreppe der klassizistischen Villa umgeben von seltenen Bäumen und Pflanzen und blickt hinab aufs Wasser, spürt man einen Hauch großbürgerlicher Lebensart. Und immer wieder fasziniert am "Schwäbischen Meer" das beruhigende Wiegen der Wellen. Ob Beschaulichkeit oder Trubel, Lukullisches oder Kultur - am Bodensee findet fast jeder seine Art der Erholung. Und es gibt noch vieles zum Selbstentdecken! TIPPS FÜR DEN BODENSEE

- Anreise: Etwa mit dem Interregio "Bodensee" der Deutschen Bahn, täglich 7 Uhr39 ab Berlin-Zoo, 18 Uhr 14 an Konstanz, kein Umsteigen.

- Unterkunft: Rund um den Bodensee kann man sein Haupt gut und günstig oder sehr gut und etwas teurer betten. In den Jugendherbergen von Konstanz, Lindau, Ravensburg oder Überlingen gibt es eine Übernachtung mit Frühstück ab 20 Mark. Besonders vornehm wohnt der Gast in Konstanz, sowohl im Steigenberger Inselhotel als auch im Seehotel Siber. Ohne anderen Köchen zu nahe treten zu wollen: Bei Siber findet man wohl auch das beste Restaurant am See.

- Auskunft: Tourismusverband Bodensee-Oberschwaben, Schützenstraße 8, 78462 Konstanz; Telefon: 075 31 / 909 40, Telefax: 075 31 / 90 94 94; Internet-Adresse: www. bodensee-tourismus.com

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