Zeitung Heute : „Lust auf Lernen machen“

Wie junge Kinder spielerisch Sprachen entdecken

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Yes, I can do it! Schon in der Kita können Kinder anfangen, eine Fremdsprache zu lernen – wenn Eltern und Erzieher es richtig...ddp

Jedes Kind sollte mindestens zwei Sprachen lernen – das ist das Motto der Kampagne „Piccolingo“, die im September von der EU-Kommission gestartet wurde. Sie will Eltern ermutigen, das Fremdsprachenlernen schon im jungen Alter von zwei bis sechs Jahren zu fördern. Unter www.piccolingo.eu kann man sich darüber informieren, welche Vorteile das hat, worauf Eltern achten sollten und wo es Unterstützung gibt. Auf der Expolingua beschäftigt sich eine Vortragsreihe mit dem „Early Language Learning“, an der auch Heidemarie Sarter, Professorin für Fremdsprachendidaktik an der Universität Potsdam, teilnimmt.

Frau Sarter, warum sollten schon ganz junge Kinder mit Fremdsprachen in Berührung kommen?

Einerseits, um ihnen eine offene Haltung gegenüber anderen Sprachen und Kulturen zu vermitteln. Es ist wichtig, dass sie realisieren: Ich habe meine Muttersprache, andere Menschen haben ihre – und beide sind gleichberechtigt. Außerdem macht man ihnen auf diese Weise natürlich Lust auf das Lernen anderer Sprachen.

Ist das keine Überforderung?

Im Prinzip nein, sofern keine übermäßigen Erwartungen bestehen oder die Kinder falsch an die Sprache herangeführt werden. Es mag sein, dass sich je nach Alter des Kindes und Intensität der Begegnung mit der anderen Sprache die Muttersprache eine Zeit lang nicht so stringent weiterentwickelt wie bei einem einsprachigen Kind oder dass es zu Sprachvermischungen kommt. Das ist aber vorübergehend. Ich persönlich denke, man sollte mit einer zweiten Sprache erst mit etwa drei Jahren starten.

Wie vermittelt man Kleinkindern, zum Beispiel in der Kita, eine fremde Sprache?

Die Spanne reicht von komplett fremdsprachigen Kindergärten über Einrichtungen, in denen zwei Sprachen gesprochen werden, bis hin zu Tagesstätten, in denen stundenweise in einer anderen Sprache „gearbeitet“ wird. Im Idealfall gibt es eine feste Bezugsperson, die einen Teil des Tages in ihrer Muttersprache gestaltet. Inhaltlich können im Prinzip alle Themen und Situationen in der anderen Sprache angeboten werden. Wichtig ist die Anschaulichkeit – durch Handeln, Vormachen, Zeigen.

Worauf sollte man bei der Suche nach einer Einrichtung achten?

Zunächst auf eine harmonische, einladende Atmosphäre. Jedes Kind sollte mit seiner Muttersprache als vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft akzeptiert werden. Kein Kind darf unter Druck gesetzt werden. Manche brauchen einfach länger, bevor sie sich der neuen Sprache öffnen.

Also lieber spielerisch als zu ambitioniert an die Sache herangehen?

Ja. Auf keinen Fall sollten Eltern ständig „abfragen“, was das Kind schon sagen kann. Sie sollten respektieren, wenn es eher wenig von seinen anderssprachigen Erlebnissen in der Kita erzählt; da ist jedes Kind anders. Sie sollten keinen Druck ausüben, sondern dem Kind vermitteln: Andere Sprachen und Kulturen sind etwas Tolles. Und wir sind stolz darauf, was du schon alles kannst.

Heidemarie Sarter

ist Professorin für Fremdsprachen-

didaktik am Institut für Anglistik und

Amerikanistik der

Universität Potsdam. Die Fragen stellte Silke Zorn.

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