Zeitung Heute : Lustwandeln zwischen palastartigen Grabanlagen

HANS DIETER KLEY

Ein Besuch in Hué, Vietnams alter KaiserstadtVON HANS DIETER KLEY

Die meistbesuchten Orte im aufstrebenden Reiseland Vietnam beginnen mit H - so auch Hué, die alte Kaiserstadt.Sie liegt genau in der Mitte des S-förmigen Landes, zu beiden Seiten des Parfümflusses, zwölf Kilometer vor der Küste, unweit des Nachbarlandes Laos. Wer in Hué nach rund eintausend Kilometer langer Fahrt "wie gerädert" dem rappelvollen Fernautobus oder dem im Schneckentempo verkehrenden "Wiedervereinigungs-Expreß" aus Hanoi oder Ho-Chi-Minh-City (Saigon) entsteigt, hat die dürftige Infrastruktur des Entwicklungslandes Vietnam eindrücklich erfahren. Das Straßen- und Schienensystem befindet sich in einem jämmerlichen Zustand, und man ist gut beraten, wenn man es lediglich für Ausflüge von Hanoi zur grandiosen Halong-Bucht und von Hué etwa zur entzückenden alten Hafenstadt Hoi An benutzt. Sampans, luftige Wohnboote, tuckern vorbei.Bäuerinnen mit spitzen Strohhüten schaffen auf schmalen Holzbooten frisches Gemüse, Brennholz, Bambuskäfige voller Enten und Hühner zum Markt.Abends nach Sonnenuntergang kommen Fischer, die ihren Fang durch rhythmisches Klopfen gegen die Bootswand zusammentreiben.Die Wohlgerüche des Huong Giang mögen der Imagination entspringen, angeblich kommen sie aus den Bergwäldern, in die der Parfümfluß eingebettet ist.Jetzt spiegeln sich Neonreklamen im Fluß; am ehesten lassen leichte Nebelschleier eine lyrische Stimmung aufkommen, wenn nicht der häufige Nieselregen dieser Küstenregion.Hué ist nach wie vor ein Zentrum der Bildung und Kunst.Smog, Slums und Hochhäuser blieben Vietnams schönster Stadt erspart. Nach ihrem Sieg über den Süden hatten die Kommunisten Vietnams andere Sorgen als die Pflege alter Kulturdenkmäler.Seit jedoch Hué von der UNESCO zu einem Weltkulturerbe der Menschheit erklärt wurde, wissen die Regierungsfunktionäre in Hanoi anscheinend, was sie der alten Kaiserstadt schuldig sind.Mit einiger Verspätung ist Hué zu einem Joint-Venture-Tummelplatz geworden, Investitionskapital aus Hongkong, Thailand, Malaysia und Singapur ist hier am Ausbau einer touristischen Hochburg beteiligt.Der US-Dollar ist auch in Hué die gängige Touristenwährung.Doch über der Zitadelle weht weithin sichtbar die rote Flagge mit dem gelben Stern, und natürlich gibt es in Hué ein Ho-Chi-Minh-Museum, das vor allem Schulklassen die jüngere Geschichte Vietnams näherbringen soll.Während der Tet-Offensive von 1968 und im weiteren Kriegsverlauf hatte Hué schwere Zerstörungen erlitten. Der Kaiserpalast am westlichen Ufer läßt sich leicht zu Fuß erreichen, doch dem Fremden dienen sich sogleich Rikschafahrer und Mopedtaxis an, sobald er nur ein paar Schritte geht.Drei Dollar, zwei Dollar, schließlich einen Dollar verlangen sie für die kurze Fahrt, und weil die "Langnase", das "Rundauge" mehr zahlt als Einheimische, warten sie stundenlang, um den Ausländer als Stammkunden zu gewinnen.Mancher Cyclofahrer hat sich bereits für die Getränke- und Zigarettenwerbung einspannen lassen, schlitzohrig scheint fast jeder mit Souvenirshops und Massagesalons im Bunde zu sein. Am Mittagstor, dem Haupteingang des Kaiserpalastes, sind 15 Dollar zu zahlen.Die glasierten, verschnörkelten Satteldächer, die den aus Granit und Backstein erbauten Stadttoren aufgesetzt sind, wirken so graziös-verspielt, wie die auf Terrassen errichteten großen und kleinen Pavillons der Kaiserfamilie, der Mandarine und Konkubinen. Hués Geschichte ist mit dem Aufstieg der Nguyen-Dynastie verbunden, sie hatte den Ort am Parfümfluß im Jahre 1802 als Königssitz erkoren.Erst der zehnte Nguyen-König, Gia Long, ließ sich die Würde eines Kaisers von Annam antragen.Die Architektur des von Wassergräben und hohen Mauern umgebenen Palastes, die verbotene Stadt, das Hofzeremoniell waren Imitationen chinesischer Vorbilder.Die quadratische Festungs- und Palastanlage ist in dreißigjähriger Bauzeit entstanden.Zehntausende zwangsbeschäftigter Bauern und Arbeiter, die besten Handwerker und Künstler des Landes wurden eingesetzt.Gia Long, der "Erbauer", ließ sich von ästhetischen Gesichtspunkten leiten.Das Schönheitsstreben kulminierte im "Palast der höchsten Harmonie", in den Ahnentempeln Hung Mieu und The Mieu und in der kaiserlichen Bibliothek.Diese Gebäude wurden in den vergangenen Jahren wiedererrichtet oder restauriert, andere liegen noch in Trümmern.An vielen Stellen des weitläufigen Palastkomplexes sind noch Geschoßeinschläge und Spuren des Vandalismus zu sehen.Gepflegte Parkwege führen zu baufälligen Nebengebäuden, die jetzt als Abtritt benutzt werden.Die Bibliothek mit ihrem schönen Bonsaigarten ist teilweise eine Ho-Chi-Minh-Gedächtnisstätte. Palastartige Anlagen sind auch die Kaisergräber südlich von Hué.Sie liegen in der lieblichen Hügel- und Flußlandschaft des Huong Giang.Die Nguyen-Kaiser pflegten ihre Grabanlagen selbst zu entwerfen und dabei Astrologen und Geomanten zu Rate zu ziehen. Die Anlagen sollten möglichst noch zu Lebzeiten der Kaiser fertig werden, damit sie ihnen als Refugien, als Landsitze dienen konnten.Es entstanden mauergeschützte Parkanlagen mit Lotusteichen, Badepavillons, eleganten Bogenbrücken, mit ziegelgepflasterten Höfen und steinernen Wächterfiguren in Gestalt von Hofbeamten, Soldaten, Pferden und Elefanten.Den Thronfolgern war es aufgegeben, die Lebensdaten und Tugenden der Verstorbenen auf Gedenktafeln meißeln zu lassen.Mit Wohnpavillons und Grabstätten wurden auch die Kaiserin, Prinzen und Prinzessinnen bedacht. Es ist eine Lust, durch die aufwendigen, von verträumten Kiefernwäldern und grünen Hügeln umgebenen Grabanlagen der Kaiser Minh Mang und Tu Duc zu streifen.Diese beiden Anlagen waren, wie alle anderen, noch lange in der Nachkriegszeit dem Verfall preisgegeben.Kunsträuber vermochten hier ebensoviel Beute zu machen wie im Kaiserpalast.Minh Mang, ein Sprößling des ersten Kaisers Gia Long, und Tu Duc, der während seiner Regierungszeit mit dem Eindringen der französischen Kolonialmacht konfrontiert wurde, waren offenbar poetisch-philosophisch veranlagte Herrscher, denen Anmut mehr bedeutete als rohe Machtprotzerei.Weniger geschmackvoll als ihre Grabmäler, ein pompöser Abklatsch europäischer und chinesischer Stile ist das Mausoleum des zweitletzten Kaisers Kahi Dinh.Sein Sohn Bao Dai hatte 1945 abdanken müssen.Er starb 83jährig am 31.Juli im französischen Exil.TIPS FÜR VIETNAM - Anreise: Ab Berlin-Schönefeld mit Singapore Airlines über Singapur nach Hanoi oder Saigon.Hué liegt etwa auf der Mitte zwischen beiden Städten.Von dort zweimal täglich Flugverbindungen mit Vietnam Airlines nach Hué.Die Gesellschaft fliegt mit Tupolev 134, Airbus, Boeing 767 und AT 7. - Ausflüge: Es lohnt, von Hué aus an die nahen Lagunenstrände und auf den Wolkenpaß zu fahren.Die Hauptsehenswürdigkeit der ziemlich reizlosen Hafen- und Industriestadt Da Nang ist das Museum der hinduistischen Cham-Kultur, die vom 4.bis 12.Jahrhundert zwischen Hué und dem Mekong-Delta erblühte.
25 Kilometer südlich von Da Nang liegt Hoi An, die antiquierte, vorbildlich restaurierte Hafenstadt der Nguyen-Könige. - Veranstalter: Hué, Da Nang und Hoi An sind in den meisten Vietnam-Programmen enthalten, die von Reiseveranstaltern angeboten werden.So auch bei dem Berliner Spezialisten Geoplan, der eine Rundreise ausgearbeitet hat, die eben diese Städte berührt.Die zehntägige Reise zum Teil mit dem Flugzeug kostet ab Hanoi 2245 Mark pro Person im Doppelzimmer.Eine neuntägige Bahnreise von Saigon nach Hanoi über Da Nang und Hué kostet 995 Mark. - Visum: Wird in der Regel von den Veranstaltern besorgt.Individualreisende können es in Deutschland von der Botschaft der SR Vietnam, Konstantinstraße 37, 53179 Bonn, Telefon: 02 28 / 35 70 21, erhalten.Die Botschaft verschickt Antragsformulare. - Auskunft: Die offizielle Tourismusvertretung Vietnams in Deutschland ist Saigontourist, erreichbar unter der Botschaftsanschrift und obiger Telefonnummer.
Wer sich bei der Außenstelle Berlin der Botschaft Vietnams erkundigen möchte, sollte das durch persönliches Erscheinen erledigen, da für Versand und Fax kein Geld vorhanden ist.Informationsmaterial gibt es jedoch vorwiegend nur auf Englisch.Adresse: Königswinterer Straße 28, 10318 Berlin; Telefon: 509 82 62, Fax: 509 91 41.Öffnungszeiten: wochentags außer Donnerstag von 9 bis 12 Uhr, donnerstags von 14 bis 16 Uhr 30.

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